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Manfred Zapatka wird achtzig : Meisterwerk Mensch

  • -Aktualisiert am

Menschenfühler: Manfred Zapatka Bild: Fabian Zapatka/laif

Und nun? Von Peymann zu Karmakar: Der Schauspieler Manfred Zapatka hat in München sein Publikum herausgefordert und verführt. Heute wird er achtzig Jahre alt.

          2 Min.

          Es war im April 2015, als das Münchner Publikum Theater schaute, da schaute das Theater plötzlich zurück. Mit klarem Blick. Erkundend. Entwaffnend. Und nun?, fragte es, als es die Zuschauer bei einem befreienden Lachen ertappte. Und nun?, fragte es, als es ihre Bestürzung sah. Das Theater und das Leben – an diesem Abend im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels sprachen sie im Dialog.

          Der Schauspieler Manfred Zapatka war einer von fünf Ich-Darstellern, die in „The Dark Ages“ von Milo Rau ihre eigene, authentische, absurd-bittre europäische Geschichte erzählten. Und genau davon handelte die seine: von einem Leben für die Bühne. An diesem Abend fand sich eine Bühne für sein Leben. Schlaglichter nur: ein Baby mit Rauchvergiftung im Bremer Bombenhagel 1945; ein ferner Beobachter der späteren Entzweiung seiner Familie; ein Schauspieler, den die verwirrte Mutter für tot hielt, nachdem er in einem Fernsehfilm erschossen worden war, und der den Stolz seines Vaters erst nach dessen Tod entdeckte, als er die Kritiken fand: „Sie waren ausgeschnitten und eingeordnet in Aktenordner. Von Anfang an. Sogar meine allererste Kritik auf der Schauspielschule.“

          Klarer, freundlicher Blick

          Genoss Zapatka diesen Auftritt? Oder einen anderen? War dieser besonders oder: ein anderer mehr? Man vermag es kaum zu sagen. Manfred Zapatkas Präsenz, ob auf der Bühne oder im Film, ob als zwielichtiger Schurke, kritischer Zeitgeist oder rührendes Familienoberhaupt, steht nie in Frage. Stets erscheint er seinem Publikum mit eben jenem herausfordernden Selbstverständnis, als frage er mit klarem, freundlichen Blick aus den schmalen Augen: Und nun?

          Aufnahmen zum Film "Hamburger Lektionen" mit Manfred Zapatka, Regie Romuald Karmakar
          Aufnahmen zum Film "Hamburger Lektionen" mit Manfred Zapatka, Regie Romuald Karmakar : Bild: /copyright Pantera Film

          Heute wird Manfred Zapatka 80 Jahre alt. Etliche davon hat er – nachdem er mit Claus Peymann dessen Epoche am Staatstheater Stuttgart durchlebt hatte – in München verbracht. Ob in den Kammerspielen oder dann, 2009 nach zehn Jahren zurückgekehrt, am Residenztheater: die meisten davon gemeinsam mit Intendant Dieter Dorn. Im Sommer 2019 dann, als habe er gewusst, dass bald eine Pandemie die Branche lähmen würde, erklärte er hier nach 55 Jahren seine Karriere für beendet, kehrte jedoch heuer noch einmal auf die Bühne zurück, um in Karin Henkels Thomas Bernhard-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin zu spielen.

          Zahlreiche Filmprojekte verbinden ihn mit dem Regisseur Romuald Karmakar. Für „Das Himmler-Projekt“ – das experimentell minimalistische, beklemmend kühle dreistündige Konzentrat einer Geheimrede Heinrich Himmlers – gewannen beide 2002 den Grimme-Preis. 2009 erhielt er den Bayerischen Fernsehpreis; im selben Jahr wurde dem versierten Sprecher für seine ebenso souveräne wie vielseitige Interpretation der „Ilias“ auch der Deutsche Hörbuchpreis verliehen: Die „Spannweite seiner Tonlagen“, so lautete es in der Begründung, und „sein Sinn für Tempi und Pausen erschließen das große Werk“.

          Tasso, Platonow, Clavigo, Hamlet – zahlreiche klassische Titelrollen prägen auch Zapatkas Theaterweg, der 1962 an der Schauspielschule in Bochum begann. Und im April 2015, während er nun als sein eigener Erzähler auf der Bühne im Münchner Marstall saß, da rezitierte er ihn wieder: Hamlets tief zweifelnden Monolog über das Meisterwerk Mensch. Er schien ihm wichtig zu sein oder vielleicht sogar: ein Teil von ihm.

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