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Schauspieler Jens Harzer : Ein Traumtyp eigener Art

Zurückhaltend, geheimnisvoll, mitunter manieriert: Jens Harzer. Bild: Thomas Dashuber

Jens Harzer ist der neue Träger des Iffland-Rings. Die vererbbare Ehrung wird als unzeitgemäß kritisiert. Wer ist der „würdigste Schauspieler unserer Zeit“?

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          Zwei herausragende Auszeichnungen auf Lebenszeit gibt es im deutschsprachigen Theaterraum: den Alma-Seidler-Ring, den sich seit 1978 Schauspielerinnen von außerordentlichem Rang vererben und der gegenwärtig von Regina Fritsch getragen wird, und den Iffland-Ring, der seit Goethes Zeiten verliehen wird und traditionell an männliche Darsteller geht, auch wenn sich die Stiftungsbedingungen in diesem Punkt inzwischen geändert haben. Bruno Ganz, sein letzter Träger, hat testamentarisch verfügt: „Es ist der Schauspieler Jens Harzer, den ich hiermit zu meinem Nachfolger bestimme.“

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Vor der Testamentseröffnung war nicht nur für eine weibliche Preisträgerin Stimmung gemacht, sondern auch die Berechtigung eines solchen „Geniekults“ qua Ehrenring in Frage gestellt worden. So kann aber nur reden, wer keine Empfindung für die Symbolkraft einer solchen Auszeichnung hat – denn durch den Einen wird hier ja das in Bedrängnis geratene Schauspielgewerbe als Ganzes ausgezeichnet. Darüber hinaus wird denjenigen Mut gemacht, die auf ähnliche Weise spielen wie der Geehrte. Im Falle Jens Harzers bedeutet das: Es ist eine Würdigung für alle stillen Spieler, die zurückhaltend, geheimnisvoll, mitunter manieriert spielen. Die Lauten, Expressiven, Selbstbewussten kommen ja schon genug vor.

          Der 1972 in Wiesbaden geborene Harzer, den der Intendant Dieter Dorn Anfang der Neunziger nach nur einem Jahr Schauspielschule an die Münchner Kammerspiele holte, fiel schon früh als eigentümlich sensibler Darsteller auf. Um die Jahrtausendwende ging Harzer eine kurze berufliche Liaison mit dem Berliner Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier ein, die sich aber wegen gegensätzlicher Theateransätze nach einer Inszenierung wieder auflöste. Zurück bei Dorn, der inzwischen ans Münchner Residenztheater gewechselt war, spielte Harzer vor allem in zeitgenössischen Stücken und eroberte die Bühne als ein Experimentierfeld für introvertierte Extravaganzen. Als Publikumsliebling mit „James-Dean-Qualitäten“ gefeiert, erarbeitete er sich einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. Die Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Regisseuren wie Jürgen Gosch, Andrea Breth, Jan Bosse, Stefan Pucher, Dimiter Gotscheff und Luc Bondy haben ihn geprägt und in seinem feingliedrig fiebrigen Spiel immer sicherer werden lassen.

          Bei ihm wird Theater zum Ereignis

          2009 wechselte er ans Hamburger Thalia Theater und stand in umjubelten Hauptrollen auf der Bühne. Seinen neusten Vertrauten scheint Jens Harzer im Bochumer Intendanten Johan Simons gefunden zu haben, unter dessen Regie er in Salzburg im vergangenen Jahr in einer großartigen „Penthesilea“Inszenierung zu sehen war.

          Den Verlockungen des Films gegenüber hat Harzer sich bis auf wenige Ausnahmen standhaft gezeigt. In der Rolle eines Priesters war er in Hans-Christian Schmids „Requiem“, als Vertreter in Bülent Akincis „Lebensversicherer“ zu sehen. Im Fernsehen tritt er hin und wieder im „Tatort“ oder in glanzvollen Großproduktionen („Babylon Berlin“) auf. Seine Leidenschaft aber gehört dem Theater, der Bühne, auf die der ehemalige Mittelstreckenläufer tritt wie ein von Düsternis Geplagter, den die Lust nach Freiheit überkommt.

          Ähnlich wie Bruno Ganz ist Jens Harzer nicht einfach nur ein von der Moderne gebrochener Held, sondern ein Traumtyp eigener Art. Das stille Sehnen, das in seinem Spiel liegt, die vorsichtige Art, wie er die Wörter zu sich nimmt und mit ihnen in den Bedeutungskampf zieht, der unvorhersehbare Rhythmus seines Körpers – all das macht die Aufritte von Jens Harzer zu einem Ereignis. Mit ihm wird daher auch die Hoffnung all derer ausgezeichnet, die vom Theater mehr wollen als verspiegelten Zeitgeist oder kunstlose Performance.

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