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Rockmusiker Sting am Broadway : Wenn dein Eisenfuß es will

Na, Jüngelchen, müssen wir so einen Krawall machen? Gideon (Michael Esper) ist zurück in seine Heimatstadt gekommen und zettelt einen Streit an. Bild: AP

Der Rockmusiker Sting will den Broadway mit einem Musical erobern: „The Last Ship“ ist in seinem eigenen Leben und in Warschau verankert. Und der Aufstand geht hier mit einem Aufstampfen los.

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          Der Zorn schwillt an, der Eifer braust, die Wut schäumt über: Der Männerchor drängt herbei, vorangepeitscht von einem Hymnus auf das grund- und bodenlose Hoffen, das Hoffen um des Hoffens willen, eine revolutionäre Springflut. Und dann springen sie wirklich, die entlassenen Arbeiter der stillgelegten Werft in Wellsend an der Nordseeküste Englands. Sie rennen auf den Zaun des Werftgeländes zu und heben ab, machen einen großen kollektiven Satz und krallen sich allesamt am Maschendraht fest. Die Musik bricht ab, das Bild friert ein, es wird schwarz im Neil-Simon-Theater: ein fabelhafter Schluss für den ersten Akt von „The Last Ship“, dem Musical, mit dem Sting, alter Fahrensmann der Rockmusik-Weltmeere, als Broadway-Komponist debütiert. Das Material des gleichnamigen Konzeptalbums (F.A.Z. vom 27. September 2013) hat er um vier ältere Titel ergänzt.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Alles scheint möglich, als die Geschichte angehalten wird: Das Arbeiterklassenziel ist zum Greifen nah, hinter dem Zaun liegt noch unverschrottet und unverschifft der Maschinenpark, aus dem sagenumtoste Ozeanriesen emporgewachsen sind. Aber die Momentaufnahme des Aktschlussbildes setzt auch böse Ahnungen frei. Die sprunggewaltigen Recken hängen plötzlich fest, gefangen im Käfig ihrer heroischen Erinnerungen. Sie haben sich in die Überzeugung hineingesteigert, dass man den Gang der Dinge so einfach rückgängig machen kann, wie man einen Hebel umlegt: Alle Räder kreischen schrill, wenn dein Eisenfuß es will.

          Der Schiffsbauch des Theaterbetriebs

          Die Arbeiterbewegung beginnt mit der Beinarbeit, der Aufstand entsteht aus dem Aufstampfen. Der Vorarbeiter mobilisiert die Kollegen mit der rhetorischen Frage: „What have we got?“ Er will das Reimwort „nought“ hören. Sie haben nichts - nichts zu verlieren als ihre Stimmbänder und Sprunggelenke. Wer nichts in der Hand hat und nichts in der Hinterhand, hat auch kein Argument für den Arbeitskampf. Der Rhythmus, der Rausch des Ganzkörpereinsatzes, ersetzt die Gründe.

          Jedes Broadway-Musical braucht einen gewaltigen Apparat. Sting hat ein Sujet aus der Sphäre gewählt, die seit jeher die Untergrundmetaphorik der Branche liefert. Hinter den Kulissen eines Musicaltheaters sieht es aus wie im Maschinenraum eines Schiffes. Die Zugmaschinerie, mit der die Kulissenwände in die Unsichtbarkeit des Bühnenhimmels entrückt werden, bezeichnet man mit dem Wort für Takelage: „rigging“. Manche Unglaubwürdigkeit der Handlung von „The Last Ship“ toleriert man, weil das Setting unzweifelhaft authentisch ist: Man blickt in den Schiffsbauch des Theaterbetriebs, freut sich über Kletterstangen und Werkzeugkästen, Insignien einer Arbeit, die nicht ausgelagert werden kann.

          Altmetallverwertung

          Es ist üblich, dass Statisten und Chorsänger Requisiten von der Bühne tragen, der Schnelligkeit des Umbaus zuliebe. Hier sind die Sänger geborene Bühnenarbeiter. Wenn Tische und Stühle der Hafenkneipe von Hand zu Hand gehen, packen sie so beherzt an, dass es eine Wucht ist. Die schweren Jungs im Ensemble legen sich naturgemäß schwer ins Zeug.

          Leider hält der zweite Akt nicht ganz, was der erste verspricht. Die lokale Occupy-Bewegung siegt beinahe kampflos. Zunächst liefern sich die Ausgesperrten eine Schlacht mit den Sicherheitsleuten des neuen Eigentümers. Warum die Firma für Altmetallverwertung dann ihre Truppen abzieht, wird nicht erklärt. Stolz haben die Schiffbauarbeiter es abgelehnt, sich als Industriemüllmänner ihr Gnadenbrot zu verdienen. Aus dem alten Eisen, zu dem sie geworfen werden, wollen sie lieber das letzte Schiff des Stücktitels heraushauen. Und wenn es auf Gottes weiter Erde nirgendwo einen Abnehmer für ein solches Einzelstück gibt, werden sie eben selbst an Bord gehen.

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