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Neuer Podcast Barock@home : Händels Zorn

  • -Aktualisiert am

Historisch informierter Praktiker: Hans-Christoph Rademann vermag es, komplexe Sachverhalte ohne zu simplifizieren in Alltagssprache zu übersetzen. Bild: Alte Oper Frankfurt

Ein so kenntnisreicher wie entspannter Blick auf das „vollkommenste aller Musikstücke“ macht den Anfang: Mit ihrem neuen Podcast Barock@home stellt die Stuttgarter Bachakademie die öffentlichen Medien glatt in den Schatten.

          3 Min.

          Im Jahr 1775 fuhr der Dichter Johann Heinrich Voß noch per Postkutsche nach Hamburg, um die von Carl Philipp Emanuel Bach geleitete deutsche Erstaufführung von Händels „Messias“ zu hören. Heute wird uns das Werk samt aktuellem Kommentar und dem treffsicheren Ohrenzeugenbericht des Dichters von damals frei Haus geliefert. Das Internet macht’s möglich, und verantwortlich dafür ist Hans-Christoph Rademann, seit 2016 Leiter sowohl der Internationalen Bachakademie Stuttgart als auch der unter ihrem Dach musizierenden Gaechinger Cantorey.

          In einem fünfviertelstündigen Video- und Audiopodcast, der seit Samstag im Internet abzurufen ist, gibt Rademann im Gespräch mit seinem Chefdramaturgen Henning Bey einen faszinierenden Einblick in Händels Oratorium, das seit seiner Uraufführung in Dublin 1742 zu den weltweit populärsten Chorwerken gehört und in England bis heute den Status eines nationalen Kulturguts besitzt. Und was für alle vielgespielten Werke gilt, von denen man glaubt, man kenne sie doch: Nach dem Gespräch ist man um vieles klüger und hört das Werk, das in einer neuen Eigenaufnahme ausschnittweise eingeblendet wird, mit anderen Ohren.

          Rademann erläutert Idee und Großform des in der englischen Originalsprache gesungenen „Messiah“ und erklärt, was es mit den Merkmalen des Erhabenen, des Großen und des Zarten an sich hat, die schon in der Uraufführungskritik diesem „vollkommensten aller Musikstücke“ zugeschrieben wurden. Er philosophiert über den ungeheuren Zeithorizont, der sich im Libretto zwischen den Prophetien des Alten und den Berichten des Neuen Testaments auftut und das Werk einer genauen Verortung im Kirchenjahr entzieht, und als historisch informierter Praktiker erläutert er am klingenden Detail Händels reflektierte, stets am Textinhalt ausgerichtete Dramaturgie der Form und seine Anwendung der barocken musikalischen Figuren.

          Rademann verfügt über die seltene Begabung, komplexe Sachverhalte ohne zu simplifizieren in Alltagssprache zu übersetzen, und wenn von der Drastik der musikalischen Mittel bei der Ankunft des Messias die Rede ist, wenn die Mächtigen gestürzt und die Schwachen erhöht werden, scheut er sich nicht vor dem einzig hier passenden Wort: Revolution. Ein Kerngedanke christlicher Theologie, auf zwingende Weise anschaulich gemacht in Händels Musik.

          Verdeutlicht werden diese Ausführungen durch Musikbeispiele: die dunkel getönte, zum Licht drängende Bassarie „The People that walked in darkness“, den wunderbar leicht und transparent gesungenen Chor „For unto us a Child is born“, die Zornesarie „Why do the nations so furiously rage together“ beim Kampf um das Evangelium oder den hochvirtuosen Chor, der das Zerbrechen der Ketten ankündigt. Manchmal wären zur akustischen Veranschaulichung des besprochenen Details zusätzliche, kurz angespielte Tonbeispiele nützlich gewesen. Auch hätte man im Video bei den Musikbeispielen gern die Partitur durchgeblättert und nicht nur die erste Seite gesehen. Aber Wort und Musik bilden insgesamt eine stimmige Einheit.

          Die Form dieses Gesprächs über Musik ist im Prinzip die einer Rundfunksendung, und mit ihrer hohen inhaltlichen und technischen Qualität stellt die aufwendige Produktion die öffentlichen Medien glatt in den Schatten. Eine Videofassung wäre nicht zwingend nötig gewesen, da außer Händels Originalpartitur kein Dokumentationsmaterial eingeblendet wird; dieses hätte allerdings den intendierten Charakter einer Bildungssendung unterstützt. Bei den weiteren Podcasts, die im Dreiwochenabstand folgen, wird das indes anders aussehen, denn dann sollen die vorgestellten Werke mit Liveaufnahmen in Bild und Ton dokumentiert werden.

          Die Stuttgarter Bachakademie eröffnet mit diesem Podcast eine digitale Medienoffensive. Er ist auf der eigenen Website, in Youtube und weiteren sozialen Medien zu sehen und zu hören. Es geht dabei um mehr als um institutionelle Selbstdarstellung. Wenn die musikalischen Traditionen schwächeln und der kulturelle Sektor durch Corona nun zusätzlich ins Wanken gerät, sagt Rademann im Gespräch mit dieser Zeitung, müssten die Werte der Hochkultur stärker als bisher in die Gesellschaft hineinwirken und über die digitalen Kanäle gerade auch das junge Publikum ansprechen. Mit Blick auf Stuttgart darf man hinzufügen: Solche Aktionen sind auch das beste Antidot gegen die antizivilisatorischen Tendenzen, die sich nicht nur in dieser Stadt gegenwärtig ausbreiten.

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