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Maurizio Pollini im Interview : Wut kann eine starke musikalische Kraft sein

Für ihn gehören Beethovens Kompositionen zu seinem Leben: Maurizio Pollini Bild: Cosimo Filippini / DG

Vierzig Jahre arbeitete der italienische Pianist Maurizio Pollini an seiner Aufnahme der zweiundreißig Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven. Für ihn war es ein Weg zu Schönheit und Freiheit.

          5 Min.

          Nun liegt Ihre letzte CD mit Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven vor. Der Zyklus für die Deutsche Grammophon ist damit komplett. Sind Sie erleichtert, oder beschleicht Sie die Melancholie der Vollendung?

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Meine Beschäftigung mit Beethoven hört ja nicht auf. Ich überlege sogar, einige Sonaten noch mal aufzunehmen. Der Gedanke an deren Größe und Schwierigkeit lässt mich einfach nicht los. Außerdem will ich sie weiterhin in Konzerten spielen. Die Veröffentlichung der CD ist für mich nur eine äußere Zäsur.

          Die erste Aufnahme aus dem Zyklus ist vierzig Jahre alt. Hatten Sie damals schon die Absicht, alle zweiunddreißig Sonaten einzuspielen?

          Ach, ich war sehr jung und wollte einfach nur spielen, was meinem Kopf und meinem Herzen nahestand. Es war ziemlich mutig, gleich mit den späten Beethoven-Sonaten op. 109 und op. 110 anzufangen. Aber ich wollte es so sehr. Und da hab ich’s gemacht.

          So ungewöhnlich ist es nicht. Glenn Gould hat es getan. Igor Levit machte es vor zwei Jahren ebenso. Vielleicht gibt es eine besondere Affinität der Jugend zum späten Beethoven?

          Weiß ich nicht. Die außerordentliche Größe der letzten Sonaten zieht offenbar Alt und Jung gleichermaßen an. Die Alten haben sich vielleicht gründlicher überlegt, wie die vielen Probleme zu lösen wären. Aber der Enthusiasmus ist allen gemeinsam.

          Vielleicht steht den Jungen das geistreiche Spiel mit Konventionen im Frühwerk ferner als das ausdrucksstarke Experiment im Spätwerk.

          Pianist mit Leib und Seele: Maurizio Pollini 2009 bei einem Auftritt in Paris

          Sicher ist es richtig, dass Beethoven den Klassizismus am Ende auflöst. Die Form durchläuft revolutionäre Veränderungen. Im Verlauf der Sonaten wird Beethoven immer freier, sich selbst auszudrücken. Aber seine Größe liegt darin, dass jede dieser Sonaten ohnehin ihre eigene Gestalt hat. Sie finden die Grundform überall, nur verwirklicht sie sich jeweils individuell. Die Durchführungspartien können sehr lang werden; oder die Coda erreicht enorme Ausmaße. Dann kann die Form plötzlich wieder ganz regelmäßig sein. Schon die ersten Sonaten sind großartig und schwer. Mag sein, dass die Konfrontation mit Haydn und Mozart für ihn heftig war, aber diesem Zusammenprall widersteht er glänzend. Seine frühen Sonaten sind extrem persönlich, extrem intensiv. Wenn Sie alle Sonaten im Konzert-Zyklus spielen, fangen Sie auf hohem Niveau an und erfahren von Abend zu Abend eine Steigerung an Schönheit und Freiheit.

          Sie haben alle Sonaten komplett in verschiedenen Städten wie Berlin, London und New York aufgeführt. Aus London hörte ich, Sie hätten darauf gedrungen, dass junge Menschen billige Karten für den gesamten Zyklus bekommen.

          War ich das? Das habe ich vergessen, aber es könnte so gewesen sein. Auf jeden Fall hatte man in London das Orchesterpodium freigegeben und dort Stühle hingestellt. Diese Plätze wurden tatsächlich zu niedrigen Preisen an junge Leute verkauft, was übrigens eine schöne Atmosphäre am Abend herstellte.

          Warum sollen junge Leute Beethoven hören?

          Ja, ich weiß, viele sagen: Da gibt’s nichts Neues mehr; wir kennen doch schon alles. Aber seine Musik steckt voller Stoff zum Nachdenken. Da ist unser Verstehen noch nicht tief genug gegangen. Igor Strawinsky hat einmal gesagt, das aktuellste Stück Musik sei Beethovens große Fuge B-Dur op. 133 für Streichquartett. In gewisser Weise kann man das über Beethovens Gesamtwerk sagen.

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