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Der Pianist Aimard über Bach : Musik allein zwischen ihm und Gott

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„Jeder fühlt sich erst einmal klein vor den Noten Bachs” - Pierre-Laurent Aimard, Pianist Bild: Warner Classics / Paul Cox

Pierre-Laurent Aimard hat sich durch Uraufführungen von Boulez, Stockhausen und Ligeti einen Namen gemacht. Mit Bach kehrt der Pianist nun zurück zu den Wurzeln der Musik. Ein Gespräch über den höchsten Punkt der Kunst und Bachs Dilaludidelladu.

          5 Min.

          Pierre-Laurent Aimard, 50, gibt Interviews, wie er Klavier spielt: seine Worte kreisen und ordnen sich beim Denken. Er spricht einen Mix aus Deutsch (für die Philosophie), Englisch (für die Technik) und Französisch (für die Abschweifungen). Der Pianist hat sich durch Uraufführungen von Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und György Ligeti einen Namen gemacht. Mit Bach kehrt er nun zurück zu den Wurzeln der Musik.

          Herr Aimard, irgendwann kommt jeder bei Bach an. Ist sein Werk so etwas wie die Ursprache der Klassik?

          Ihre Frage zeigt, dass Bach auf jeden Fall ein Suprakomponist war. Er konnte in allen Epochen bestehen. Aber sein Werk, sein Denken und die Referenzen sind, glaube ich, zu breit angelegt, um als Urreferenz dienen zu können. Bach reduziert uns nicht auf das Ursprüngliche, sondern fordert uns zum Unendlichen auf. Er hat alle Tricks benutzt, die einem Schöpfer zur Verfügung stehen, hat imitiert, transformiert und immer wieder Grenzen überschritten, um ein bestimmtes Problem zu fokussieren. Ich glaube, dass er letztlich Traditionen gesammelt und sie auf den höchsten Punkt der Kunst gebracht hat. Seine Kraft liegt darin, in seiner Zeit völlig neu und danach für ewig anders zu klingen.

          Sie nennen Bach einen Schöpfer, und tatsächlich hat er ja nicht nur komponiert, sondern Systeme geschaffen, in denen Musik zum Kosmos des Empfindens wird. Das „Wohltemperierte Klavier“ oder die „Kunst der Fuge“.

          Man muss diese beiden Werke voneinander trennen. Für das „Wohltemperierte Klavier“ hat Bach seine Gegenwart beobachtet und instinktiv verstanden, dass die Zeit reif für ein kollektives System der Tonarten und Stimmungen war. Sein Genie liegt darin, dass er im Stande war, ein Stück zu schöpfen, das dieses System nicht nur aufgegriffen, sondern auch noch langfristig etabliert hat. Die „Kunst der Fuge“ ist eine ganz andere Sache. Natürlich nutzte Bach auch hier wieder das profanste aller Instrumente, und trotzdem schrieb er Musik, die allein zwischen ihm selbst und Gott stattzufinden scheint. Er will nicht imponieren, sondern nutzt die Polyphonie, um durch die Musik zu kommunizieren. Dabei scheint die Tonwelt für ihn ein Kosmos zu sein, der alles umschließt.

          Sie behaupten also, dass Bach auch in seiner Klaviermusik eigentlich geistliche Musik geschrieben hat?

          Man hat sich ja oft gefragt, ob Bach überhaupt gläubig war. Ich denke schon, und lustigerweise besonders, wenn er nicht seine Kantaten für die Sonntage komponierte, sondern dann, wenn er wusste, dass die Geistlichen nicht da sind. In unserem Jahrhundert leben wir mit einer natürlichen Trennung zwischen dem Profanen und dem Religiösen. Bei Bach waren die Welten noch eins. Seine Stücke für das Klavier sind natürlich keine Messen, aber es gibt Referenzen zu alten kirchlichen Polyphonien, zu religiösen Stücken, gleichzeitig sind aber immer auch Anspielungen auf die Welt zu hören. Wenn Bach nur für sich selbst komponiert hat, schien er keine Trennung zwischen religiösen Konventionen und profanen Zitaten vorzunehmen. Statt einer Religion oder einer Ideologie hat er eine ureigene Haltung eingenommen.

          Können Sie diese Haltung beschreiben?

          Schwer, aber vielleicht handelt es sich um eine universale Sprache, in der das gesamte Menschsein, das Spirituelle wie das Logische, der Geist und der Körper eine selbstverständliche Einheit bilden. Bachs inspirierteste Werke sind aus einer Unabhängigkeit entstanden, in der er einfach aus dem Spaß heraus schöpfen konnte. In diesen Momenten haben wir es mit jenem Kosmos zu tun, der nichts sein will außer Musik - und in dem Musik doch eben alles ist.

          Ist es so, dass der Mensch in seiner Ganzheit nur durch die strenge Form zu greifen ist?

          Bach war sicherlich der gigantischste menschliche Computer, den wir höchstens noch mit Albert Einstein vergleichen können. Aber er war eben auch ein Mensch, hatte 21 Kinder, führte eine Zettelkartei für seinen Rotwein und bewies bei gesellschaftlichen Auftritten immenses Temperament. Dieses Doppelleben sorgt für seine irritierende Position in der Musik. Wir können seiner Musik vollkommen logisch begegnen, aber all das bleibt stumm, wenn wir es nicht erleben. Das Verblüffende ist, dass Bach den Ausdruck nicht wegen, sondern trotz der Struktur schafft. Die Form ist für ihn nur eine permanente Herausforderung, die wahrscheinlich von einem generellen Glaubensbekenntnis geprägt ist.

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