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Der „Ring“ an der Berliner Staatsoper : Wie Wissenschaft den Mythos tötet

  • -Aktualisiert am

Gewalttätig sind die Zeiten nicht nur in der wirklichen Welt: Szene aus der Berliner „Rheingold“-Inszenierung. Bild: Monika Rittershaus

An der Berliner Staatsoper hat mit „Rheingold“ und „Walküre“ der neue „Ring“ begonnen. Dimitri Tcherniakov inszeniert, Christian Thielemann dirigiert - und wird gefeiert.

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          Es sollte das große, vorgezogene Geschenk für Daniel Barenboim werden, der im November achtzig Jahre alt wird: noch einmal eine Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“, über die Bühne gebracht innerhalb einer Woche, so wie man das eigentlich nur in Bayreuth macht. Barenboim geht es gesundheitlich nicht gut. Noch vor den Orchesterproben war klar, dass er die Aufführungen nicht würde dirigieren können, er bat Christian Thielemann, für ihn zu übernehmen (einen von drei Aufführungszyklen wird Thomas Guggeis leiten). Erst im Juni war Thielemann bei der Berliner Staatskapelle für den gestürzten Herbert Blomstedt eingesprungen, das war sein Debüt vor dem Ensemble.

          Nach den ersten beiden Teilen des „Rings“ wurde Thielemann per Akklamation des Publikums und jener Musiker der Staatskapelle, die im Orchestergraben saßen, zum Nachfolgekandi­daten Nummer eins für Daniel Barenboim ernannt. Der Jubel für den Wagner-Spezialisten war an beiden Abenden gewaltig, und unerhört war tatsächlich, was da aus dem tief abgesenkten Graben zu hören war.

          Als hauchzartes Gewebe erscheint Richard Wagners Musik hier, zuweilen ist nur noch die Spur eines Duftes zu erahnen. Im Vorfeld der Premieren hatte der Dirigent darauf hingewiesen, wie viele Ähnlichkeiten er in der Musik Wagners erkenne zu jener Felix Mendelssohn Bartholdys, der von Wagner als Jude übel geschmäht wurde. Man müsse Wagner eigentlich spielen wie Mendelssohn, forderte Thielemann: leicht, klar, mit einem Grundzug der Heiterkeit.

          Der „Ring“ als Wotans große Versuchsanordnung

          Hier ist es nun zu hören mit allen erfreulichen Auswirkungen für die Sänger: Jedes Wort ist zu verstehen, weite Teile von „Rheingold“ und „Walküre“ fließen im unangestrengten Parlando dahin. Man meint in einem Theaterstück zu sitzen, das getragen wird von einem Klangstrom, der sich eigentlich selbst vergessen machen möchte. So hat sich Wagner wohl sein „unsichtbares Orchester“ gedacht.

          Wie Säulen ragen daraus musikalische Einzelereignisse hervor, denen Thielemann, mit sicherem Sinn für die Disposition, charakteristische Haptik verleiht: Im „Rheingold“ etwa der Auftritt der beiden Riesen, begleitet vom breit walzenden Geknatter der tiefen Blechbläser. Das ist an Drastik kaum zu überbieten und bleibt doch im strengen ästhetischen Rahmen dieser Aufführung. Auch Wotans Zorn über Brünnhilde tritt gewaltig hervor im dritten Akt der „Walküre“, wohingegen sein Abschied zum tief introvertierten Stück gedehnt wird. Es sind solche Markierungen, die es dem Zuhörer einfach machen, einen gliedernden Überblick über das beunruhigend riesige Werk zu erhalten.

          Thielemanns Dirigieren der Beherrschung und der Beherrschtheit steht im Einklang mit dem Bühnengeschehen, wie es der Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov in Gang setzt. Auch hier herrschen Klarheit und Aufgeräumtheit. Von Briefäußerungen Wagners angeregt, in denen dieser von seinen Werken als „Experimenten“ spricht, begreift Tcherniakov den ganzen „Ring“ als eine einzige, riesige Versuchsanordnung, beaufsichtigt von Wotan als Leiter einer Forschungsanstalt, deren Vielzahl von Laboren, Besprechungsräumen und Hörsälen in etwa den schwer überschaubaren Verästelungen der Wagner’schen Partitur entspricht. Untersucht wird in diesem Institut (es befindet sich offenbar in einem repressiven Staat mit massiver Polizeigewalt) menschliches Verhalten in Extremsituationen.

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