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„Der neue Menoza“ in Salzburg : Der Prinz ist streng und schlägt auch zu

  • -Aktualisiert am

Scharfer Blick, lockere Hand: Skye MacDonalds Prinz Tandi Bild: Tobias Witzgall

Regiedebüt mit Sturm und Drang: Die Schauspielerin Dörte Lyssewski inszeniert „Der neue Menoza" von Jakob Michael Reinhold Lenz in Salzburg.

          3 Min.

          Mit der in sächsischen Gefilden besonders ausgeprägten Überzeugung von der vermeintlichen kulturellen Überlegenheit des Abendlandes sieht sich zu Beginn von Dörte Lyssewskis Salzburger Inszenierung von „Der neue Menoza“ auch Prinz Tandi (Skye Macdonald) konfrontiert. Die Hauptfigur in diesem Stück von Jakob Michael Reinhold Lenz, das die Regisseurin im Rahmen der Feuilletonserie „Spielplan-Änderung“ vorgestellt hat, macht auf einer Reise durch Europa halt bei der Naumburger Familie Biederling, wo sich der bürgerliche Haussegen in Schieflage befindet: Über dem Verlust des einzigen Sohnes, den man – auch aus Geldnot – als Jüngling mit den Jesuiten nach Asien geschickt hat, ist die Ehe zuschanden gegangen. Herausragend im insgesamt starken Ensemble Tina Eberhardt und Axel Meinhardt mit der Lakonie und Verzweiflung von ans gegenseitige Verwunden gewöhnten Partnern.

          Vor Ort wird der „indianische Prinz“ gleich zu seiner Meinung über die hiesigen Verhältnisse befragt, kann doch der Zweck seiner Reise aus Sicht der lokalen Magister nur darin bestehen, „die Sitten der aufgeklärtesten Nationen Europens kennen zu lernen und in Ihren väterlichen Boden zu verpflanzen“.

          Das Übel der verkleisterten Wollust

          Der asketisch-nüchterne „Orientale“ im weißen Plisseerock jedoch entpuppt sich nicht als naiver Bewunderer oder edler Wilder, sondern als Mann mit scharfem Blick auf das vermeintlich so aufgeklärte Abendland. „Allenthalben, wo man hinriecht, Lässigkeit, faule ohnmächtige Begier, Geschwätz für Handlung“, entfährt es dem Prinzen empört angesichts der zweifelhaften Vertreter dieser heraufziehenden bürgerlichen Gesellschaft. Mit dem Ideal eines maßvollen und diszi­plinierten Subjekts haben sie nichts gemein, was vor allem für den Grafen Camäleon gilt.

          Dieser von Marco Dott in seiner verschlagenen Schmierigkeit glänzend gespielte Strolch ist nicht nur nach einem Mord auf der Flucht vor der Justiz, sondern versucht noch dazu, erst seine Frau Donna Diana (beständig im Ausnahmezustand: Judith Mahler) zu vergiften und hernach Biederlings Tochter Wilhelmine (ein wenig blass: Patrizia Unger) zu vergewaltigen, wobei er – und hier wird die Kritik von Goethes zeitweiligem Weggefährten Lenz am Gefühlskult seiner Zeit ersichtlich – seine Triebe stets hinter dem Vokabular der herrschenden Empfindsamkeit zu verbergen sucht.

          Doch der Prinz hat das Übel der „verkleisterten Wollust“ längst erkannt, verprügelt den Übeltäter und heiratet Wilhelmine. Das mutmaßlich glückliche Ende ist allerdings nur der Auftakt einer ganzen Abfolge wilder Coups. Zunächst trifft die Nachricht ein, es handele sich beim Prinzen um den verschollenen Biederling-Sohn, doch wird der kurzfristig alles an den Rand der Katastrophe führende Inzestverdacht rasch ausgeräumt, als Wilhelmine erfährt, dass sie nach der Geburt vertauscht wurde und eigentlich die Tochter spanischer Adliger ist. Was auf den ersten Blick wie eine Überstrapazierung jedes Wahrscheinlichkeitsprinzips wirkt, zielt in Wahrheit auf die Kernbotschaft des Stücks: Die aufklärerischen Ideen von der Durchschaubarkeit der Welt und der Vernunft des Menschen entpuppen sich angesichts der sich gleichzeitig entfaltenden Komplexität der Moderne als zweifelhaft. Im Zeitalter sozialer und räumlicher Mobilität und immer fließender werdender Identitäten ist nie ganz zu durchschauen, wer sich wann mit wem eingelassen hat und welche Folgen dies alles haben mag.

          Diese neue Unübersichtlichkeit der Welt verpackt Lenz in ein sich jenseits aller klassischen Gattungsregeln bewegendes Spektakel, das Dörte Lyssewski in ihrem Regiedebüt so furios wie souverän inszeniert: Die fliegenden und von Streicherflirren und Perkussion begleiteten Szenenwechsel, die dynamisch-minimalistische Bühne, aber vor allem das hochexpressive Spiel, das trotz aller Prügeleien und Ohnmachtsanfälle nie in Klamauk abgleitet, verwandeln die fast drei Stunden lange Aufführung in einen kurzweiligen und intensiven Theaterabend.

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          Komisch und dramatisch zugleich, so Lenz in der berühmten Selbstrezension seines Werks, müssten die deutschen Dramatiker schreiben, „weil das Volk, für das sie schreiben, ein solcher Mischmasch von Kultur und Rohigkeit, Sittigkeit und Wildheit ist“. Die Vergegenwärtigung der eigenen Zugehörigkeit zu diesem „Mischmasch“, die auch Prinz Tandi eine Position jenseits luftiger Utopien vom perfekten Menschen oder fatalistischer Abgesänge auf selbigen einnehmen lässt, darf als skeptisch-vernünftige Moral dieses ungeheuer gegenwärtigen Stücks gelten – und als kleine Lektion für die Abendlandverteidiger und Hypermoralisten unserer Zeit noch dazu.

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