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Ballettabend an Pariser Oper : Gender, Gender, du musst wandern

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Der Tanz der Paillettenechsen im Pariser Palais Garnier. Bild: Agathe Poupeney

Von dem einen Tanz zum andern: Der neue Ballettabend an der Pariser Oper, einer der wichtigsten Institutionen dieser Kunst, zeigt eine Tendenz, die geeignet ist, uns die Freude am Ballett zu vergällen.

          Im besten Fall kommt in einem Kunstwerk zusammen, was wirkt und ausstrahlt, ohne dass jemand (der Künstler eingeschlossen) imstande wäre, alle Einflüsse, händischen Anbringungen und Zutaten, Überlegungen, alle Energien, Tricks, Selbstüberlistungen, Überlieferungen und Sensationen wieder auseinanderzusortieren, um vollständig darüber aufzuklären, was das Kunstwerk soll und wie es geworden ist, was es ist. Im Theater kommt noch etwas anderes hinzu, etwas, das mit dem Wort Kontext nur unzureichend beschrieben ist. Das Theater als „monstre sacré“ zu bezeichnen umschreibt die magische Kraft des Ortes, durch die das Kunstwerk der Inszenierung mitgeboren wird.

          Mehr „monstre sacré“ zu sein als die Pariser Oper ist kaum möglich, der Palais Garnier hebt alles, was auf seiner Bühne geschieht, durch seine architektonische Schönheit, mehr noch durch seine historische Aufgeladenheit. All die Stimmen, all die Erscheinungen, die Klänge und Bilder, die dieses Theater durchströmt haben, sind nicht wirklich vergangen. Manche Tänzer und Sänger beschwören, dass es in den dunklen Gefilden der Hinterbühne und den nicht einsehbaren Seitengassen spukt. Damit meinen sie, dass auch sie sich der besonderen Energie bewusst sind und sie sich zunutze machen.

          Der neue Ballettabend der Pariser Oper demonstriert, wie Kunstwerke, Choreographien, denen die oben beschriebene Vielschichtigkeit und Durchwirktheit abgeht, durch die Großartigkeit der Umgebung gehoben werden. Ähnlich wie ein Teil des Publikums sich kürzlich in Wuppertal von der Atmosphäre und Geschichte des Tanztheaters von Pina Bausch ergriffen darüber hinwegtäuschen wollte, wie wenig die neue Produktion des Gastes eigentlich bot, so bejubelte jetzt in Paris ein Publikum, das es eigentlich besser wissen sollte, ein vierteiliges Trauerspiel des zeitgenössischen Tanzes da, wo der Tanz seit 1661 zeitgenössisch ist.

          Das Umherkrauchen der in Ganzkörpertrikots mit Kapuzen steckenden Tänzer auf der Treppe, in den Umgängen und im Grand Foyer, das Tänzeln, Schlängeln und Lauern dieser paillettenglänzenden bronzenen Kunstfiguren wirkt geheimnisvoller und einleuchtender in dieser Umgebung, als es bei Tageslicht und in einem Aufgang der Opéra Bastille je erscheinen könnte. Anders als bei den Events genannten Aufführungen außerhalb von Bühnen, die Merce Cunningham seit den sechziger Jahren inszenierte, ist hier der Ort der Inhalt. Cunningham bezog den Raum und seine Funktion mit ein, aber das Kunstwerk stellte er selbst her. Die Paillettenechsen von James Thiérrée könnten auch durch ein Pariser Kaufhaus schleichen und mit denselben Bewegungen für Givenchy werben. Cunninghams Tänze hätten niemals als inszenierte Werbung funktioniert.

          Nach einer halbstündigen Bespielung der sozialen Räume des Theaters endet „Frôlons“, das so viel heißt wie „Streicheln wir“ oder „Streifen wir“ (frôler la mort heißt, den Tod streifen, knapp dem Tod entgehen), auf der Bühne. Wer aber dem energischen ersten Klingeln nicht gleich gefolgt war, sieht nur noch die Verbeugung. Der 1974 in Lausanne geborene Thiérrée kommt aus der Zirkustheaterwelt und ist ein Klang-, Bild- und Bewegungsregisseur, aber kein Choreograph.

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