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Theater in Dresden : Ohne Sinn und Verstand

  • -Aktualisiert am

Durchgedrehte Bilderstürme: Szene aus Sebastian Hartmanns „Nackte Kanone“ Bild: Sebastian Hoppe

Mit Abstand und Methode: Sebastian Hartmann inszeniert „Der nackte Wahnsinn + X“ am Staatsschauspiel Dresden als durchgedrehte Bildstrecke.

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          Hat man das nicht schon immer geahnt, dass es am Theater drunter und drüber geht? Bei den Proben sowieso und manchmal auch bei den Aufführungen? Doch noch viel, viel turbulenter geht es in Michael Frayns seit 1982 auf unzähligen Bühnen erfolgreicher Komödie „Der nackte Wahnsinn“ zu. Der 1933 in London geborene Autor kennt das Theater gut – und liebt es dennoch. Mit seinem Wissen um die Bedingungen mancher Produktion und die Unwägbarkeiten mancher Vorstellung gelingt es ihm, dass die Zuschauer nicht einfach über das Theater lachen. Stattdessen lachen sie mit ihm und mit allen, die es Abend für Abend ermöglichen. Das ist der ernsthafte Kern, der indes äußerst amüsant ausgetrickst wird, schließlich ist Michael Frayn ein Meister seines Fachs, das da lautet: Tu, was du willst, bloß langweile dein Publikum nie!

          Anmaßende Performance

          Der Regisseur Sebastian Hartmann würde ähnliches wahrscheinlich auch für sich in Anspruch nehmen, wenngleich unter Einsatz völlig anderer Mittel. Am Staatsschauspiel Dresden tut er nun nicht, was sein Beruf wäre – ein Stück inszenieren -, sondern etwas ganz anderes, wozu er eine weitaus stärkere Neigung hat: Er reduziert jedes Original auf ein paar lose herausgehauene Bestandteile und bläst die auf seine hochgestochen-ausgelassene Manie zu einer verrückten, ungezügelten, anmaßenden Performance auf, die in sich im besten Fall wiederum stimmig ist. Wer „Der nackte Wahnsinn“ nicht kennt, wird die Komödie in Hartmanns Regie-Hackbraten nicht kennenlernen, und wer sie kennt, wird sie nicht mehr erkennen. Vom nackten Wahnsinn einer Theaterproduktion, von der Gefährdung künstlerischer Träume und den Mühen des alltäglichen Spielbetriebs ist trotzdem viel zu erfahren. Das Ensemble nämlich schert sich weder um Sinn und Verstand noch um den hinreißend komischen Erzählzusammenhang der Vorlage, es fabuliert sich lieber, diesen sehr beiläufig und wie unbeabsichtigt streifend, in ausgewachsene Monologe hinein.

          Diese Nummernrevue hat mit den Corona-Abstandsregeln zu tun, ist aber als absurde ästhetische Leitlinie zugleich das Rückgrat der Inszenierung. Alle haben auf der leeren Bühne, deren Portal Hartmann in Personalunion als Bühnenbildner mit 46 weißen Glühbirnen umrahmt hat, hier ihr eigenes Stück im Kopf, dazu ihr individuelles Konzept von ihrem Auftritt und ihrer dargestellten Figur. Adriana Braga Peretzki hat dafür eine Fülle von verrückten Kostümen entworfen, bunt glitzernde Abendkleider und trashige Showfummel, auch einen hautengen Einteiler mit Tigermuster, in dem Philipp Lux als Bühnenbildner Tim durch die Wirrungen seiner Phantasie springt und wie sein faktischer Dompteur wirkt. Eva Hüster trägt als Regieassistentin Poppy einen Pinguin-Überwurf zum pinkfarbenen Festkleid und gaukelt ein blödsinniges Musik-Tutorial vor, Nadja Stübiger glänzt als resolute, locker rot verpackte Dotty, die vom Schminktisch aus den schwankenden Laden zu schmeißen beginnt.

          Als gebeutelter Regisseur Lloyd wechselt Torsten Ranft fast ständig die Garderobe, scharwenzelt als Pierrot wie als schlecht gelaunter Eintänzer am Rande des Nervenzusammenbruchs durch die Trümmer seiner Inszenierungsvisionen, die ihn und die Truppe trotz viel Live-Video, Lichtspektakel, rhythmischer Musik und Dampfschwaden nicht befriedigen.

          Plötzlich wird es schrecklich ernst

          Hartmann entfesselt ein abenteuerliches Chaos und bringt diesen Alptraum theatralisch überzeugend, intensiv und einfallsreich über die Bühne. Er hat den knapp zweistündigen Abend allerdings „Der nackte Wahnsinn + X“ genannt. Hinter dem „X“ verbirgt sich ein langer Monolog, den er selbst geschrieben hat und den Cordelia Wege mit mächtiger Emphase und heiliger Inbrunst vorträgt. Zu diesem Experiment als Autor hat Hartmann vielleicht seine Produktion von „Lear nach Shakespeare“ 2019 am Deutschen Theater Berlin inspiriert, die Cordelia Wege mit dem Monolog „Die Politiker“ von Wolfram Lotz beschloss.

          Jetzt nun wird, manchmal gereimt, immer wüst, in einem apokalyptischen Assoziationsstrom vermutlich der Untergang des Abendlandes sowie auf jeden Fall in vielfachen Wiederholungen der „Tod im Bett“ beschworen. Da nimmt sich die Vorstellung, die vorher bewusst anarchisch auf Scherz und Ironie und bestimmt nicht auf tiefere Bedeutung setzte, plötzlich schrecklich ernst. Und Sebastian Hartmann, der stolze Stückezertrümmerer, lässt seinen eigenen Text weihevoll und bombastisch deklamieren, was ihn nicht besser macht. Dann tanzen alle in einer skurrilen Abstandschoreografie die lastende Feierlichkeit glücklicherweise hinweg. Sagen wir einfach: Ist diese Aufführung auch Wahnsinn, so hat sie doch Methode.

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