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Sebastian Krämer in Frankfurt : Reisen mit deiner Tante

Glänzender Aufzug und Auftritt: Sebastian Krämer am Flügel in der Frankfurter Käs, begleitet am Cello von Victor Plumettaz Bild: Michael Braunschädel

Sebastian Krämer stellt in Frankfurt sein neues Album vor. Der Berliner Liedermacher macht sich täuschend einfache Reime auf den Klimawandel und die ewige Produktivität der romantischen Liebe.

          3 Min.

          Der Liedermacher Sebastian Krämer macht erstaunlich viele Worte. Das ist sein Beruf. Aber bei seinem Auftritt in der Käs im Frankfurter Ostend serviert er Zugaben auch zwischen den Nummern und mittendrin, wo man Gesprochenes nicht erwartet und von den Platten nicht kennt. Prägnantes Vorspiel und elaboriertes Nachspiel sind charakteristisch für seine Werke, die sich an der Tradition des deutschen Kunstlieds orientieren und dessen Imitation des oft auch nur erfundenen Volkslieds. Den nonverbalen Paratexten fügt er im Konzert unmelodische Zwischenspiele hinzu.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Gleich im ersten Lied, „Deine Tante“, dem Mottolied seines mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichneten Albums „Liebeslieder an deine Tante“, unterbricht er sich schon nach dem dritten Vers, um das ganz und gar Unpoetische des Wortes „Mettwurststulle“ zu kommentieren. Dem Verliebten stellt sich die Geliebte in allen Verrichtungen als verzaubert dar, auch beim Verzehr eines von den Wurstfingern einer Berliner Fleischfachverkäuferin mit rosaweißem Glibber vollgekleisterten Pappbrotes. Ohne Not macht der Sänger als sein eigener Glossator auf die gewollte Hässlichkeit dieser Vorstellung aufmerksam, und zu allem Überfluss hängt er noch einen Kalauer dran. Er lebe ja komplett vegan – Ausnahme: Hunger.

          Doppelbödig und zweiteilig

          Damit haben wir in den Niederungen des Prosaischen den Punkt erreicht, an den wir nicht mehr zurückkehren werden: Wir sind im Kabarett. Und es gilt der Schlusssatz aus Hanns Dieter Hüschs Lied vom Schlussmachen: Nur im Kabarett beginnt der zweite Teil. Mit der brutalen Zweiteilung des Tantenlieds legt Krämer offen, dass es komponiert, also zusammengesetzt ist. Viele seiner Lieder sind doppelbödig in dem Wortsinn, dass damit eine architektonische Qualität bezeichnet ist. Ihr Witz zeigt sich im Aufbau, beim zweiten Durchgang durch das Motivmaterial. Der Einfall wirft seine Pointe ab, und die Zuhörer sind mit einem konventionellen Topos zufrieden, wenn er drastisch oder frappant ausgestaltet wird. Noch ganz ohne Tante ist das Lied schon lustig genug: Verliebtheit verwandelt das alltäglichste Detail, also auch das Eklige. Aber der wahre Spaß steht noch bevor, auf höherer Ebene, in einem Stockwerk, von dessen Existenz man beim Betreten des Gebäudes nichts ahnte.

          Das Kunstmittel des unbemerkten Übergangs ist der Reim, die Wiederholung des Klangs, die eine Verschiebung des Gedankens ermöglicht. In eine Publikumsansprache baut Krämer die Aufforderung ein, auf seine Reime nicht zu achten. Wer diesen Befehl missachtet, kann studieren, worauf wir gewöhnlich nicht achten: die beiläufig platzierten poetischen Ideen, deren Akkumulation sich aus der Reihe der zwanglosen Lautentsprechungen ergibt.

          In „Flugzeuge über meinem Garten“ findet Krämer für das letzte Wort des ersten Verses folgende Reimwörter: warten, starten, Arten, verharrten, Vernarrten, zarten, verscharrten, hinunterstarrten, Standarten. Das aus Strophen zu zweimal vier Versen gebaute Lied kreist wie der Gegenstand der Beobachtung des lyrischen Ichs, das seinen Garten kultiviert und die große weite Welt über seinem Kopf vorbeiziehen lässt. Direkt der erste Reim auf „Garten“ bestimmt die poetische Ursituation, die das Schweifen des Vorstellungsvermögens möglich macht. Die zweite Strophe schaltet um zur Technik: Mit dem Starten werden die einfachsten tatsächlichen Tätigkeiten des Geräts, von dem sich die Einbildungskraft anregen lässt, in den Kreis der herbeiassoziierten Vorstellungen hineingezogen.

          Die Arten schließen einen Kosmos der evolutionären Klassifikation auf. Das „verharrten“ dient der Exposition des Gegensatzes zwischen dem einsamen Ich und den Containern der Welt: Verharren ist das Gegenteil von dem, was Flugzeuge tun, und zugleich pathetisch gesteigertes, auf den Punkt konzentriertes Warten. Wir haben den Drehpunkt erreicht, und dank leichtem Ritardando kann uns aufgehen, dass wir just an dieser Stelle, am Ende des dritten Verses, typischerweise verharren. In der nächsten Schleife folgt Reimwortakrobatik, ein Looping romantischer Selbstreferenz: Die Flugzeuge „narren den in ihren Anblick ganz Vernarrten“. Nach dem sachten Abschwung mit dem poetischen Gemeinplatz des Zarten kommt mit dem Bild vom Verscharren sogar der Tod, ständig verdrängter Begleiter der Fluggäste, in Reichweite, verpackt in eine hymnische Beschwörung der Sonne. An „herunterstarrten“ gefällt die unauffällige Wiederholung des Startens, doch kurz vor der Ankunft am heimatlichen Ausgangspunkt lässt der Sänger noch die Standarten wehen, Requisiten ephemeren Prunks, die Krämer ironisch einsetzt, wie Gottfried Benn Clairons und Ehrenpforten, für eine melancholische Momentaufnahme der Klimabilanz.

          Der Cellist Victor Plumettaz zieht in Frankfurt die großen Bögen des Himmelsschreibers im Schrebergarten nach. Fehlt nicht noch etwas? Hier flugs der zweite Teil der Beschreibung des Liebeslieds, das sachlich mit der Huldigung an die Tante einen Umweg macht, dem in der Form, versbautechnisch, das Gegenteil entspricht, eine Abkürzung: Rasend schnell macht sich der Sänger seine Reime auf die „arrogante“, „überspannte“, „extravagante Tante“, weil sie „sogenannte Seelenverwandte“ sind, er „und die total verkannte Tante“. Die Idealisierung der Geliebten wird ausgeglichen durch übertrieben realistische Wahrnehmung der Nebenpersonen, unter Einschluss des Liebenden selbst. Groteske Details steigern nur den Zauber des Ganzen. Jeder, der so etwas schon einmal empfunden hat, ist selbst ein verkannter Dichter.

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