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Neuer Volksbühnen-Intendant : „Mein Vorzug ist, ich habe keine Angst“

René Pollesch Bild: Imago

Wenn alle Künstler sind, warum dann noch Theater? Ein Gespräch mit René Pollesch, der von 2021 an die Volksbühne leitet – über seinen Stil, seine Pläne, seinen Vorgänger Dercon und die Frage, ob jetzt in Berlin die Vergangenheit anbricht.

          7 Min.

          Was ist der Zustand des Theaters?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          (Lacht) Was ist der Zustand des Theaters. Das ist natürlich eine Frage von der Kunstseite so ein bisschen, oder? (Zündet sich eine Zigarette an) Das war auch, was Chris Dercon interessiert hat. Die letzten zwei Venedig-Gewinner waren ja Performance Art, oder?

          Die Kunst ist neugierig auf das Theater.

          Ja.

          Aber man hat das Gefühl, dass die Kunst die stärkeren Bilder setzt und die Diskurse bestimmt.

          Ist das noch so? Ich kann mich an ein totales Minderwertigkeitsgefühl im Theater erinnern, in den Nullerjahren, als die Kunst wirklich so groß war und viel fortgeschrittener im Denken. Danach war dann nicht mehr so nachvollziehbar, warum Diskurse an bestimmte Werke geheftet wurden. Und es war nur noch der Preis, der sie legitimiert, und dass es überhaupt in Geld umzusetzen ist. Ich kenne keinen, der zum Theater gegangen ist, um sehr viel Geld zu verdienen. Deshalb konnte uns auch Chris Dercon nicht damit locken, das zu verwerten.

          Bevor Dercon 2017 die Berliner Volksbühne übernahm, hatten Sie siebzehn Jahre dort gearbeitet. Nach seinem Rückzug hieß es noch im Herbst, Sie stünden nicht als Intendant zur Verfügung. Warum jetzt doch?

          Ich wurde im September vom RBB darauf angesprochen, dass Fabian Hinrichs mich empfahl. Und meinte: Das kommt für mich nicht in Frage. Dann habe ich nach einer Probe zu „Cry Baby“ am Deutschen Theater die Twittermeldungen hochkommen sehen: „René Pollesch steht als Intendant nicht zur Verfügung.“ Ich dachte, wieso schreiben die das, das stand doch überhaupt nicht zur Debatte!

          Und dann haben Sie es sich überlegt?

          Mir geht es sehr gut am Deutschen Theater. Wir hatten eine großartige Premiere, und danach beschloss ich, eine Bewerbung zu schreiben. Es gab zu dem Zeitpunkt auch schon einige Bewerber. Ich hatte mit Ulrich Khuon eine Verabredung bis zur Spielzeit 2021/22, aber er lässt mich ein Jahr früher gehen, dafür bin ich ihm sehr dankbar.

          Es gibt zwei Einwände gegen Ihre Berufung: dass Sie die konservativste Lösung sei, die Volksbühne kommt zurück in die Volksbühne. Und: Warum ist es keine Frau geworden?

          War Dercon eine avancierte Lösung? Ich halte mich für eine avancierte Lösung. Ich halte auch die Spielweisen der RegisseurInnen, die wir bislang gefragt haben, Vegard Vinge und Ida Müller, Florentina Holzinger, für avanciert. Wir denken von den SpielerInnen aus (er sagt das wirklich so, mit unverbundenem Binnen-I und einer betonenden Absetzung). Zu sagen, das sei konservativ, da komm’ ich nicht mit. Zur zweiten Frage: Ich habe zwanzig Jahre mit sehr vielen Frauen gleichberechtigt zusammengearbeitet, die mich geprägt haben, die sollte man auch nicht übersehen. Man wird mir nicht unterstellen, dass ich Sophie Rois in ihre Arbeit reinrede oder Kathrin Angerer. Aber da müsste man ein Interview mit Sophie Rois führen.

          Ob sie lieber mit einer Frau arbeiten würde als mit Ihnen?

          Ja. Ich erinnere mich an eine Thomas-Bernhard-Dramatisierung, da wuselten die Frauen hinten irgendwo rum, und an der Rampe standen die Männer und haben gedacht. Bei der Premiere haben sich dann alle verbeugt, und die ganze Riege aus Bühnenbildnerinnen, Regisseurinnen waren Frauen. Wie kommt das denn zustande? Bei „Heidi Hoh“, 1999, sagte an einer Stelle eine Schauspielerin zu einer anderen: „So kriegst du nie einen Mann.“ Dann haben Freundinnen von mir gefragt, wie kommt diese Heteronormativität in das Stück? Ich war dankbar, dass sie darauf aufmerksam gemacht haben, was da so alles mitschreibt, und der Satz flog raus.

          Sie fühlten sich nicht in Ihrer künstlerischen Freiheit beeinträchtigt?

          Nein! Ich fühle mich überhaupt nicht beeinträchtigt, wenn andere in der Probe geilere Vorschläge haben als ich. Mein Vorzug ist, ich habe keine Angst, und ich bin nicht an meinem Ego interessiert. Ich bin daran interessiert, dass die Arbeit eine Kraft hat, weil Kathi Angerer Sachen sagt, die sie sagen will und nicht, weil ich denke, ich habe da ’nen tollen Text geschrieben. Ich mache das nicht aus Freundlichkeit. Sondern ich weiß, das erzeugt bessere Ergebnisse. Man kann nur zusammen denken. Eine Schauspielerin hat mir mal das größte Kompliment aller Zeiten gemacht: Immer, wenn sie den „Kirschgarten“ spielt, hat sie nur den Regisseur im Kopf, weil der den „Kirschgarten“ mit seiner Lebensgeschichte aufgepeppt hat. Und nie muss sie bei einer Aufführung von unseren Sachen an mich denken. Ich finde das nicht konservativ. Ich finde das sehr avanciert, und ich finde, dass es an der Zeit ist, das auf ein Haus zu übertragen.

          Das Theatertreffen hat sich neulich eine 50-Prozent-Quote für Regisseurinnen auferlegt. Geht es im Theater gerade noch um etwas anderes, als wer wie wann wo sprechen darf?

          Ich finde Repräsentation das wichtigste Thema. Mein altes Beispiel: Du hast ein weißes Blatt und schreibst, „ein Mensch betritt die Bühne“. Jeder hat einen weißen männlichen Heterosexuellen vor Augen. Das steht nicht da. Aber das steht irgendwie da drunter. Im Theater kann man das bearbeiten. In meinen Stücken ist nie jemand markiert. Aber in „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“ war der erste Satz von Fabian Hinrichs: „Ich bin weiß, männlich, heterosexuell.“ Das Schwulenmagazin „Siegessäule“ schrieb, René Pollesch hätte sich von der Community entfernt. Aber ich kenne keinen schwuleren Anfang für ein Stück, als dass sich eine weiße männliche Hete markiert. Ich glaube, mittlerweile sind Frauen, People of Colour und Schwule und Lesben nicht unbedingt bereit, sich automatisch in ihr wiederzuerkennen.

          Aber ist es nicht die Leistung des Theaters, dass ich mich als weißer Hetero auch in Frauen und Schwulen und Nichtweißen erkennen kann?

          Da wären Sie ein sehr avancierter Zuschauer.

          Wir reden hier nur über Repräsentation und Arbeitsmodelle. Was kann das Theater noch?

          Was ergreift denn alle so in Venedig bei Anne Imhof? Die Bilder haben mich nicht ergriffen. Adidas-Kostüme, Glasdecken. Aber ich kenne Leute, die drinnen waren und es ganz toll fanden.

          Szene aus René Polleschs „Dark Star“-Inszenierung an der Volksbühne, 2017

          Es war toll. Nicht, weil es ergreifend war, sondern weil Installation, Performance, Bild sich nicht zur Einheit verbanden und ihr Verhältnis unklar war.

          Und das kann Theater. Trennen und Zusammenkommen, die Autonomie bestimmter Elemente, das ist immer noch politisch. Bei uns ist oft die Bühnenbilderin der erste Autor. SchauspielerInnen und BühnenbilderInnen müssen für sich eine Autonomie bewahren, aber keine hermetische. Wie treten die Dinge in Kontakt? Wir haben früh Handlung und Sprechen getrennt, was ja im Theater immer so organisch zusammenkommen soll. Da wird Gemüse geschnitten und dazu werden Texte gesagt. Wir haben die Sachen getrennt, um sichtbar zu machen, wie sie zusammenkommen.

          Wie in „Probleme, Probleme, Probleme“ am Hamburger Schauspielhaus: Die Schauspieler treten auf und kommentieren erst mal die Bühne.

          Ich würde sagen, sie sprechen sie an.

          Dann schauen sie einander an und sprechen darüber, wie sie einander anschauen.

          Genau.

          Dann reden sie über die Kamera, die sie filmt, und irgendwann schauen sie die Zuschauer an und fragen: Was machen die da eigentlich ...

          ...mit uns. (Lacht)

          Ihre Kunst ist radikal konkret. Dercons Rhetorik war immer unkonkret: das Theater als Möglichkeitsraum, das den Horizont des Möglichen vor sich herschiebt, bis das Geld aus ist. Finden Sie, dass Chris Dercon fair behandelt wurde?

          Er wollte Sie ja als Schauspielleiter gewinnen.

          Ich müsste mich erst mal fragen: Habe ich ihn fair behandelt? Im Gespräch hat er nichts gesagt, das jemand sagen würde, der mich haben will. Er wusste überhaupt relativ wenig über das, was ich mache. Ich muss aber wissen, ob der weiß, wen er da überhaupt eingeladen hat. Ein Intendant muss seinen Künstlern ja am Haus eine Lobby verschaffen. Ich habe ihm kein Bier über den Kopf geschüttet und ihm nichts Böses getan. Aber ich habe mich gefreut, als ich die Nachricht auf dem Handy hatte, dass er geht.

          Sie behandeln seit 1999 die Durchdringung menschlicher Beziehungen durch ökonomisches Kalkül und den Zwang, kreativ zu sein, lange bevor Youtube und Facebook jeden zum Kulturproduzenten machten. Hätten Sie sich träumen lassen, dass die Verschmelzung von Kultur, Ökonomie und Politik mal so weit führen würde wie heute?

          Nein, unsere Arbeit war ja nichts Prophetisches. Das basierte auf theoretischen Texten, mit denen wir unsere eigenen Leben bearbeiteten.

          Der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt, wie heute jeder laufend interessante, unverwechselbare Biographien herstellen muss. Und die, die ein Standardleben führen, sind lächerlich geworden, als fehlten ihnen die grundlegenden Werkzeuge, um an der Gesellschaft teilhaben zu können.

          Die, die an einem Ort bleiben, die Verabredungen einhalten, die dreißig Jahre in einem Beruf arbeiten, die sind total lächerlich. Ja. Mein Vater war erst Maschinenschlosser, dann Hausmeister und ein großer Fußballer. Ich wollte jedes Gebiet, das mein Vater besetzt, vermeiden. Mit zwölf Jahren habe ich eine Reiseschreibmaschine bekommen. Ich saß mein ganzes Leben lang vor einer Tastatur, und jetzt sehe ich mich um und mittlerweile tun das alle.

          Wir stellen unsere Artikel online, und Leute schreiben Kommentare.

          September 2018: Das „Räuberrad“ kehrt an seinen Platz vor der Volksbühne zurück.

          Alle sitzen und schreiben.

          Alle haben eine Meinung. Und immer die potentielle Kamera vor sich, wie in einem Pollesch-Stück.

          Ja, sie performen politische Meinungen. Und ein Künstler-Ich.

          Das erklärt, warum sich viele schon im Voraus dadurch beleidigt fühlen, dass eine Zeitung erscheint, dass ein Theater existiert, ein bestimmter Intendant berufen wird. Das ist immer schon eine potentielle Infragestellung der eigenen Position. Denn man kämpft ja auf demselben Feld.

          Ja, warum hat der das Spielzeug und nicht ich? Ich will jetzt niemanden diffamieren. Wenn wir alle so besonders sein müssen, endet dieser Druck immer in Depression, sagt Reckwitz.

          Und wenn man das weiterdenkt, stellt sich natürlich die Frage ...

          ... des Theaters. Ja, schöne Frage, aber die kann ich nicht beantworten. Also, wenn es etwas Avancierteres gibt als uns, dann gratuliere ich und gehe auch gern da hin. Aber ich sehe es noch nicht.

          Sie wollen mit dem Kollektiv „Staub zu Glitzer“ zusammenarbeiten, das 2017 die Volksbühne besetzte.

          Ich dachte schon damals, dass man eine Intendanz nicht ohne sie machen kann. Man kann nicht so tun, als hätte es sie nicht gegeben.

          Deren Konzept lautet: Jeder darf aufführen und ausstellen, was er will. Wie finden Sie das?

          Bruno Latour hat gesagt, Hinzufügen ist besser als Wegnehmen. Da kann ich andocken mit meiner Erfahrung von Youtube. Ich bin durch Sielmann und Grzimek sozialisierter Tierfan. Da haben die Tiger das gemacht, was Tiger machen, die Löwen das, was Löwen machen. Jede Spezies war eingeschlossen in ihre Repräsentation. Dann kam Youtube – da habe ich eine Kuh eine Ente essen sehen. Das macht was mit unserem Blick auf die Tiere. Donna Haraway hat beobachtet, wie ihre Hunde Wolken betrachten. Keiner würde einen Hund so beschreiben, dass er die Wolken betrachtet. Es gibt einen Instinkt, eine Effizienz in diesen Formeln, wie Tiere angesehen werden. Ein Darwin-Theoretiker meinte, Darwin zeige eigentlich, dass jeder seine eigene Spezies ist. Deshalb würde ich sagen: Hinzufügen ist erst mal besser.

          Es gibt unter den Besetzern auch die Idee, dass jeder, der etwas aufführt, dafür eine Küchenschicht macht.

          Aber ich habe doch schon gearbeitet, ich habe ja etwa aufgeführt. Das hört sich ein bisschen protestantisch an. Ich finde aber zum Beispiel ihre quotierte Diskussion spannend: Wenn ein Mann gesprochen hat, kommt danach eine Frau, dann wieder ein Mann, und wenn sich keine Frau mehr meldet, ist die Diskussion zu Ende. Ich bin halt ein Theatermann, ich finde Spielregeln wahnsinnig interessant. Und wenn sie so radikal sind und Leute vor den Kopf stoßen, finde ich es noch interessanter. Denn wann kann Theater heute schon mal schockieren oder so? Kann es ja nicht.

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