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Neuer Volksbühnen-Intendant : „Mein Vorzug ist, ich habe keine Angst“

René Pollesch Bild: Imago

Wenn alle Künstler sind, warum dann noch Theater? Ein Gespräch mit René Pollesch, der von 2021 an die Volksbühne leitet – über seinen Stil, seine Pläne, seinen Vorgänger Dercon und die Frage, ob jetzt in Berlin die Vergangenheit anbricht.

          Was ist der Zustand des Theaters?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          (Lacht) Was ist der Zustand des Theaters. Das ist natürlich eine Frage von der Kunstseite so ein bisschen, oder? (Zündet sich eine Zigarette an) Das war auch, was Chris Dercon interessiert hat. Die letzten zwei Venedig-Gewinner waren ja Performance Art, oder?

          Die Kunst ist neugierig auf das Theater.

          Ja.

          Aber man hat das Gefühl, dass die Kunst die stärkeren Bilder setzt und die Diskurse bestimmt.

          Ist das noch so? Ich kann mich an ein totales Minderwertigkeitsgefühl im Theater erinnern, in den Nullerjahren, als die Kunst wirklich so groß war und viel fortgeschrittener im Denken. Danach war dann nicht mehr so nachvollziehbar, warum Diskurse an bestimmte Werke geheftet wurden. Und es war nur noch der Preis, der sie legitimiert, und dass es überhaupt in Geld umzusetzen ist. Ich kenne keinen, der zum Theater gegangen ist, um sehr viel Geld zu verdienen. Deshalb konnte uns auch Chris Dercon nicht damit locken, das zu verwerten.

          Bevor Dercon 2017 die Berliner Volksbühne übernahm, hatten Sie siebzehn Jahre dort gearbeitet. Nach seinem Rückzug hieß es noch im Herbst, Sie stünden nicht als Intendant zur Verfügung. Warum jetzt doch?

          Ich wurde im September vom RBB darauf angesprochen, dass Fabian Hinrichs mich empfahl. Und meinte: Das kommt für mich nicht in Frage. Dann habe ich nach einer Probe zu „Cry Baby“ am Deutschen Theater die Twittermeldungen hochkommen sehen: „René Pollesch steht als Intendant nicht zur Verfügung.“ Ich dachte, wieso schreiben die das, das stand doch überhaupt nicht zur Debatte!

          Und dann haben Sie es sich überlegt?

          Mir geht es sehr gut am Deutschen Theater. Wir hatten eine großartige Premiere, und danach beschloss ich, eine Bewerbung zu schreiben. Es gab zu dem Zeitpunkt auch schon einige Bewerber. Ich hatte mit Ulrich Khuon eine Verabredung bis zur Spielzeit 2021/22, aber er lässt mich ein Jahr früher gehen, dafür bin ich ihm sehr dankbar.

          Es gibt zwei Einwände gegen Ihre Berufung: dass Sie die konservativste Lösung sei, die Volksbühne kommt zurück in die Volksbühne. Und: Warum ist es keine Frau geworden?

          War Dercon eine avancierte Lösung? Ich halte mich für eine avancierte Lösung. Ich halte auch die Spielweisen der RegisseurInnen, die wir bislang gefragt haben, Vegard Vinge und Ida Müller, Florentina Holzinger, für avanciert. Wir denken von den SpielerInnen aus (er sagt das wirklich so, mit unverbundenem Binnen-I und einer betonenden Absetzung). Zu sagen, das sei konservativ, da komm’ ich nicht mit. Zur zweiten Frage: Ich habe zwanzig Jahre mit sehr vielen Frauen gleichberechtigt zusammengearbeitet, die mich geprägt haben, die sollte man auch nicht übersehen. Man wird mir nicht unterstellen, dass ich Sophie Rois in ihre Arbeit reinrede oder Kathrin Angerer. Aber da müsste man ein Interview mit Sophie Rois führen.

          Ob sie lieber mit einer Frau arbeiten würde als mit Ihnen?

          Ja. Ich erinnere mich an eine Thomas-Bernhard-Dramatisierung, da wuselten die Frauen hinten irgendwo rum, und an der Rampe standen die Männer und haben gedacht. Bei der Premiere haben sich dann alle verbeugt, und die ganze Riege aus Bühnenbildnerinnen, Regisseurinnen waren Frauen. Wie kommt das denn zustande? Bei „Heidi Hoh“, 1999, sagte an einer Stelle eine Schauspielerin zu einer anderen: „So kriegst du nie einen Mann.“ Dann haben Freundinnen von mir gefragt, wie kommt diese Heteronormativität in das Stück? Ich war dankbar, dass sie darauf aufmerksam gemacht haben, was da so alles mitschreibt, und der Satz flog raus.

          Sie fühlten sich nicht in Ihrer künstlerischen Freiheit beeinträchtigt?

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