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Helmut Lachenmann im Gespräch : Man hat mich immer wieder in eine Ecke gestellt

„Ich finde my way of Melodies – Frank Sinatra lässt grüßen“: Helmut Lachenmann beim Gespräch in München. Bild: Astrid Ackermann

Geräuschmusik als Verweigerung von Schönheit – so wird Helmut Lachenmanns Werk oft betrachtet. Doch sein neues Stück hat damit nur noch wenig zu tun. Ein Gespräch mit dem Komponisten vor der Uraufführung.

          Ihr neues Stück, Herr Lachenmann, das diesen Donnerstag bei der Musica viva in München seine Uraufführung erlebt, heißt „My Melodies“, geschrieben für acht Hörner und Orchester. Traditionell ist das Horn in der großen Orchestermusik des neunzehnten Jahrhunderts der Allesversöhner und Allesverschmelzer. Interessiert Sie das noch?

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht beim eigenen Komponieren. Ich habe mich selten mit „Instrumentation“ historischer Musik im akademischen Sinne beschäftigt. Diese Kunst ist gebunden an eine satztechnische Praxis, aus der die Musik spätestes seit Anton Webern ausgebrochen ist. Bei meinem Lehrer Luigi Nono konnte man so etwas nicht lernen. Und beim Instrumentieren meiner „Marche fatale“, kleiner stilistischer Verirrung aus gegebenem Anlass, lagen die Partituren der vierten Symphonie von Schostakowitsch und von Ravels „La Valse“ neben mir, die eine voller brutaler, gleichsam kunstloser Verdopplungen, die andere schlank und wunderbar nuanciert, übrigens auch die Partitur von Mahlers Erster. Jede eindrucksvoll auf ihre Weise und mit souveränem Umgang mit den Möglichkeiten des Horns, nicht zuletzt auch seiner „Pedalwirkungen“.

          Und bei Ihnen?

          Gerade wegen seiner gleichsam apriorischen Ausstrahlung war ich diesem Instrument die ganze Zeit ständig ausgewichen. Sie war meiner Klangwelt irgendwie im Wege. Die kompositorische Bewältigung dieses Traumas verband sich dann ganz von selbst mit derjenigen des Traumas „Melodie“. Komponieren wird bei mir jedes Mal zur Auseinandersetzung mit gleichsam magischen Vertrautheiten, deren Selbstverständlichkeit und unwiderstehlich aber zugleich unhinterfragte Präsenz im kulturellen Alltag mich zugleich fasziniert und irritiert. Auch Hörner wollen „singen“, aber eine Melodie ist keine auditiv sich vermittelnde Musik, sie ist eine Art erweitertes „Signal“, Medium von weithin kollektiv erlebten Empfindungen in Bezug auf unser Dasein: Heimat, Kindheit, Weihnachten, Jahreszeiten, Liebe, Tod, Anbetung. Man braucht nicht musikalisch zu sein, um den jeweiligen Zauber einer Melodie oder eines „Hornsignals“ zu verstehen und wie auch immer „kompetent“ zu erleben.

          Sie haben einmal erwähnt, ein Geiger brauche fünfzehn Jahre, um den Ton zu produzieren, den das Ideal des „philharmonischen Klangs“ von ihm verlange. Sie würden nur fünfzehn Minuten brauchen, um ihm zu zeigen, was für Ihr Stück nötig sei. Müssen die acht Hornsolisten des Symphonie-Orchesters des Bayerischen Rundfunks auch vergessen, was sie vorher gelernt haben?

          So habe ich es nicht gesagt, sondern es ging damals um die Verinnerlichung von den in meiner Musik immer wieder geforderten ungewohnten Spieltechniken, für deren Erlernung man halt keine fünfzehn Jahre, aber wenigstens fünfzehn Minuten zu investieren bereit sein sollte. Und wo verlange ich, dass diese Musiker vergessen, was sie gelernt haben? Die sind im Gegenteil in ihrer professionellen Praxis voll gefordert, sie müssen präzis intonieren und artikulieren und sind immer wieder rhythmisch streng verzahnt. Sie müssen dazulernen. Ihre ganze Gestaltungskunst ist auch bei mir gefordert. Das Problem war halt, dass sie – übrigens nicht nur bei mir, sondern genauso bei Stockhausen und Nono – oft mehr zählen als spielen mussten und keine Ahnung hatten, wozu der dann endlich ausgeführte Ton dienen mochte.

          Sie fühlten sich also überfordert, weil total unterfordert.

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