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Christfried Schmidt wird 90 : Komponist spät geehrt

Christfried Schmidt (rechts) in der Gethsemanekirche in Berlin am 19. April 2019. Bild: Johannes Jost

In der DDR war er ein Außenseiter, im wiedervereinten Deutschland blieb er es, bis sich nun eine neue Generation für ihn begeistert. Der Komponist Christfried Schmidt wird neunzig Jahre alt.

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          Begeistert und erschüttert erlebte das Publikum im April 2019 in der Ber­liner Gethsemanekirche die Ur­aufführung der Markuspassion von Christfried Schmidt durch die Sing-Akademie zu Berlin. Es hatte sich einer fordernden, unbeugsamen, aber immer mitleidenden Musik ausgesetzt gefunden, die ihrerseits mehr als vierzig Jahre auf diese Uraufführung hatte warten müssen, genau wie der damals sechsundachtzigjährige Komponist, der sichtlich bewegt, aber dankbar vor die Menge trat und gefeiert wurde.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Jahr zuvor, im Juni 2018, hatte Vladimir Jurowski mit dem Ensemble „unitedBerlin“ die „Kammermusik IX“ von Schmidt zur Uraufführung gebracht. Auch dieses Werk hatte 23 Jahre darauf warten müssen, öffentlich gespielt zu werden. Heike Hoffmann hatte es 1995 für die Berliner Musik-Biennale in Auftrag gegeben. Es war nicht rechtzeitig fertig geworden, und das mit ihm betraute Ensemble Modern schien keine Gelegenheit zu finden (oder zu suchen), das Werk später noch aufzuführen. Diese Geschichten erzählen viel über das Schicksal von Christfried Schmidt.

          In Markersdorf in der Oberlausitz als Sohn eines Müllers geboren und in einer Wassermühle aufgewachsen, wurde Schmidt früh von einem Schüler Engelbert Humperdincks im Klavierspiel unterrichtet. Seine eigene künstlerische Begabung brach sich gleich zweifach Bahn: in farbexplosiven, ausdrucksstarken Gemälden und in kompromisslos modernen Kompositionen, die für die Funktionäre in der DDR so verstörend waren, dass sie Schmidt auf Abstand hielten.

          Abseits des westdeutschen Establishments

          Der Komponistenverband nahm den ehemaligen Kirchenmusiker und zeit­weiligen Quedlinburger Kapellmeister erst nach mehreren Jahren skeptischer Beobachtung in seine Reihen auf. Er selbst bildete sich durch das Hören von „Westradio“ ästhetisch weiter. Und während seine Musik in der DDR nicht gespielt wurde, verlieh man ihm in den Siebzigerjahren Preise in Nürnberg, Stettin und Triest.

          Von wenigen Werken entstanden gleichwohl exzellente Aufnahmen, et­wa vom schmerzhaft wund gerissenen Oboenkonzert für Burkhard Glaetzner oder der „Munch-Musik“ für großes Orchester, die Bildern Edvard Munchs folgt und Verheißung wie Ver­hängnis erotischen Be­gehrens in eine Musik fasst, die an die Sinnlichkeit Alban Bergs anschließt.

          Schmidt blieb in der DDR ein Außenseiter. Und die Situation änderte sich nach 1990 nicht zum Besseren für ihn. In den westdeutschen Netzwerken aus Redakteuren, Intendanten, Interpreten, Verlagen und Hochschulprofessoren verfügte Schmidt über keine Beziehungen. Nach der Abwicklung der Berliner Musik-Biennale hatte er, wie viele andere „DDR-Komponisten“, denen man allein schon durch diese Bezeichnung ihre gesamtdeutsche Relevanz streitig macht, kaum noch Anlaufstellen in der Öffentlichkeit. Seine Oper „Das Herz“ nach Heinrich Mann, 1986 vom Deutschen Nationaltheater Weimar in Auftrag gegeben, im November 1989 fertiggestellt, wartet bis heute auf ihre Uraufführung.

          Doch Schmidt hat die Genugtuung erfahren, dass mit Dirigenten wie ­Kai-Uwe Jirka oder Vladimir Jurowski eine neue Generation antritt, die sich auch für Gestalten interessiert, die abseits des westdeutschen Establishments Neuer Musik ihren Weg gingen. So brachte Jonathan Stockhammer vor dreizehn Monaten in Dresden endlich die zweite Symphonie von Schmidt, 1968 entstanden, zur Uraufführung. Christfried Schmidt glaubt, sein Müllersvater wäre, hätte er all das noch erlebt, stolz auf ihn gewesen. Er selbst wird diesen Samstag neunzig Jahre alt.

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