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„Der Kirschgarten“ am Deutschen Theater : Die Untergeherin lebt sehr gut auf eigene Gefahr

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Repräsentiert verschwenderisch das sinnlose, herrlich ungreifbare Prinzip Hoffnung: Nina Hoss als Ranjewskaja Bild: dpa

Genie einer Gutsherrin: Nina Hoss überstrahlt Stephan Kimmigs Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“ im Deutschen Theater Berlin.

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          Der Abend fängt mit einem Schrecken an: Da springt plötzlich ein kräftiger, warm angezogener Mann vom Boden auf, schreit zornig, weil er eingeschlafen ist und doch eigentlich zum Bahnhof fahren wollte, um die Herrschaften abzuholen, auf deren Anwesen er sich befindet. Danach schildert Lopachin dem Zimmermädchen Dunjascha, wie ihn sein Vater als Kind einmal verprügelt hatte und wie die Gutsherrin Ranjewskaja den Bauernjungen tröstete und ihn „Bäuerlein“ nannte. Die Erinnerung bringt seine Nase wieder zum Bluten, und der Schauspieler Felix Goeser stößt auch noch vernehmlich dazu auf. Bäuerlein, Bäuerchen, Rülpsen - das kann ja heiter werden. Wie aber wird der Humor dieser Inszenierung zu Anton Tschechows Komödie „Der Kirschgarten“ passen?

          Komisch ist es mitunter schon, was der Regisseur Stephan Kimmig im Deutschen Theater Berlin das Ensemble so treiben lässt, um bloß nicht melancholisch zu erscheinen. Sie tummeln sich in einem leeren, fast kathedralenhaft hohen Raum mit gemustert durchbrochenen Wänden, die wie riesige Fenster zu öffnen sind. Die Vorhänge hängen im Bühnenbild von Katja Haß schlampig herab, der Geldmangel ist spürbar. Als sich der kleinere Kubus in der Mitte erstmals öffnet, steht darin reglos und wie schockgefroren die Gruppe der Rückkehrer. Langsam breiten sie glücklich die Arme aus, als kämen sie nicht aus Paris, sondern wären Zeitreisende bei der Akklimatisierung.

          In welcher Epoche sie gelandet sind, ist freilich nicht recht klar, die Kostüme von Anja Rabes lassen auf heute schließen. Das ist zwar nicht sehr logisch, denn dann wäre der Kirschgarten wohl schon lange abgeholzt und mit Ferienhäusern bebaut. Um solche inhaltlichen Zusammenhänge kümmert sich Kimmig nicht, setzt lieber auf eine zügige, albern überdrehte Spielweise. Die Aufführung weiß zwar nie, wohin mit ihrer Kraft, doch das mit Ekstase und Elan.

          In Nina Hoss spiegelt sich das ganze Stück

          Katrin Wichmann als Zimmermädchen knutscht mit jedem, den sie erwischen kann. Natalia Belitski als Anja, die Tochter der Ranjewskaja, sucht vehement eine Zukunft weg von der Familie. Warja, die Adoptivtochter, boxt bei Meike Droste vor wütendem Frohsinn oft mit den Fäusten in die Luft. Angela Meyer als Erzieherin Charlotta kann hübsche Zaubertricks und futtert Gurken aus einem Glas. Sie alle geben sich Mühe, aber das reicht für Tschechows heitere Verlierer nicht aus, die indes ex negativo sichtbar werden: Während dessen Figuren aus dem Paradies oder dem, was sie dafür halten, vertrieben werden, sind sie das hier schon längst und als könnten sie sich gar nicht mehr so genau an früher erinnern. Deshalb ist auch Lopachin, der den Kirschgarten am Ende ersteigert, zwar laut und brüsk und gierig, nur ohne Biss. Er posiert zu viel, er bewegt nicht.

          Zügige, albern überdrehte Spielweise: Nina Hoss als Gutsbesitzerin Ranjewskaja, Christoph Franken (l.) als ihr Bruder Leonid und Felix Goeser als Kaufmann Lopachin
          Zügige, albern überdrehte Spielweise: Nina Hoss als Gutsbesitzerin Ranjewskaja, Christoph Franken (l.) als ihr Bruder Leonid und Felix Goeser als Kaufmann Lopachin : Bild: dpa

          Was die Inszenierung allerdings weit übers Mittelmaß hinaushebt, ist Nina Hoss als Ranjewskaja. Einerseits ist sie zu jung für diese Rolle und mutet gegenüber den Töchtern wie eine ältere Freundin an, nicht wie eine Mutter. Andererseits scheint sie so alt zu sein wie der Kirschgarten, der wegen der verheerenden Schuldenlast verkauft werden soll. Natur kontra Eigentum, Schönheit kontra Profit, Privatbesitz kontra Kollektivierung: Es sind solche Gegensätze, die ihre Ranjewskaja zerreißen. So wird sie zu der Person, in der sich das ganze Stück verfängt. Im Spiel von Nina Hoss spiegelt sich die Angst vor der neuen Zeit ebenso wie die Lust am Untergang, die Arroganz der Oberschichtenzicke wie die Kälte angesichts mancher unkultivierter Dummheit, die sie knallhart entlarvt.

          Das sinnlose Prinzip Hoffnung

          Diese schöne, kluge, verträumte und natürlich selbstverliebte Frau, die wohl alles haben könnte, was sie möchte, und sich dennoch nicht für Ökonomie oder Sicherheiten interessiert, ist eine Verlorene - aber von eigenen Gnaden. Sie macht sich nicht gemein und geht in die Moderne wie in ein Schlammbad, das ihr nichts anhaben kann, weil die Rüstung ihrer Würde und ihres Stolzes sie vor schäbigen Anwürfen praktischer Vernunft schützt.

          So befingert sie Elias Arens als den Lehrer ihres ertrunkenen Sohnes wie einen Liebhaber, während sie vom Gut spricht, das sie bald verlieren wird. Sie schubst diesen ewigen Studenten auf eine Matratze und kitzelt ihn, als könne sie ein bisschen Leben in ihm wecken. Mit Jürgen Huth als chronisch unterfinanziertem Gutsbesitzer Pischtschik tanzt sie ein paar entrückte Schritte wie an einem Abgrund entlang und weint leise Abschiedstränen, als würde alles andere das Gleichgewicht der Welt zerstören. Sie kämpft weder für noch gegen etwas, sondern repräsentiert verschwenderisch das sinnlose, herrlich ungreifbare Prinzip Hoffnung.

          Wenn sie am Ende Christoph Franken als ihren bonbonsüchtigen Bruder Gajew an die Hand nimmt und erhobenen Hauptes abtritt, wenn Helmut Mooshammer als der greise Diener Firs, der allein zurückbleibt, in seine Käsestulle beißt, bebt die Erde: Bei Tschechow ist das der rätselhafte „Laut einer zerrissenen Saite“, der übertönt, dass bereits die ersten Kirschbäume gefällt werden. Stephan Kimmig verstärkt und vergröbert das Geräusch, als müsste er, wie in seiner ganzen Inszenierung, tauben Nüssen predigen. Ein Missverständnis - dank Nina Hoss sogar sehenswert.

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