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Jazzgitarrist Abercrombie tot : Er spielte mit sanfter Gewalt

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Er sah nicht aus wie ein Gigant, aber er war einer: John Abercrombie (1944 - 2017). Bild: Picture-Alliance

Er formte Bands mit den namhaftesten Kollegen, war in vielen Genres zuhause und prägte seinen eigenen, elegant-fließenden Stil: Nun ist der Jazzgitarrist John Abercrombie gestorben. Ein Nachruf.

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          Er sah nicht aus wie ein Gigant, und er benahm sich nicht so. Aber er war einer. John Abercrombie gehörte zu den einflussreichsten Jazzgitarristen seit den siebziger Jahren. Und zu den vielseitigsten, auch wenn man ihn in den letzten Jahren mehr mit einem lyrischen, zurückhaltenden, auf seine Mitmusiker fein abgestimmten Klang in Verbindung brachte. Ihm war es gelungen, den in Billy Cobhams Fusion-Band Spectrum entwickelten expressiven E-Gitarrenstil mit Phase shifter und anderen Zerreffekten in einen subtil polyphonen Combo-Jazz zu integrieren. Damit hat der oft als „Musicians‘ Musician“ apostrophierte Gitarrist den Stil vieler jüngerer Jazzmusiker mitgeprägt.

          Fasziniert war der 1944 nördlich von New York geborene Abercrombie zunächst vom ruppigen Rock’n’Roll eines Chuck Berry, bis er Barney Kessel hörte und zum Jazz fand. Nach dem Studium am Berklee College of Music in Boston Anfang der sechziger Jahre, übrigens zur gleichen Zeit, aber mit mehr Erfolg und Ausdauer als der Pianist Keith Jarrett, zog er nach New York, wo er in kürzester Zeit zu einem viel gefragten Session-Musiker aufstieg. Er spielte und machte Aufnahmen mit so unterschiedlichen Jazzmusikern wie Gil Evans, Gato Barbieri, Chico Hamilton, Billy Cobham und Michael Brecker, bis er im Trio mit dem Keyboard-Spieler Jan Hammer und dem Schlagzeuger Jack DeJohnette mit „Timeless“ seine erste Aufnahme für das Münchner ECM-Label herausbrachte.

          Es war der Beginn einer vierzigjährigen Partnerschaft, die auf mehr als fünfzig Produktionen dokumentiert ist, aus denen vor allem die Trio-Aufnahmen unter dem Bandnamen Gateway mit den beiden Miles-Davis-Musikern Jack DeJohnette und Dave Holland sowie die Duo-Einspielungen mit seinem Gitarristenkollegen Ralph Towner herausragen. Daneben hat er auf zahllosen Produktionen mit Künstlern wie den Trompetern Kenny Wheeler und Enrico Rava oder den Saxophonisten Jan Garbarek und Charles Lloyd mitgewirkt. Daneben experimentierte er mit Gitarrensynthesizer und elektrischer Mandoline, spielte Jazz-Standards mit dem Bassisten George Mraz und wirkte in einer Free-Jazz-Gruppe mit dem Pianisten Paul Bley mit.

          Vor Monaten ist als letzte seiner ECM-Einspielungen „Up and Coming“ erschienen, im Quartett mit dem Pianisten Marc Copland, dem Bassisten Drew Gress und dem Schlagzeuger Joey Baron. Kaum ein Stück dieser Einspielung zeigt dabei so eindringlich die Essenz des lyrisch-melodischen Gitarrenstils Abercrombies wie „Joy“, eine grandiose Ballade und – trotz des Titels – die pure Melancholie. Sie wurde zu seinem Abgesang. Am Dienstag ist John Abercrombie in Cortland, New York im Alter von 72 Jahren gestorben.

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