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Jazz-Pianist Keith Jarrett : Am bitteren Ende einer langen Wanderschaft

  • -Aktualisiert am

So werden wir ihn wohl nie wieder an den Tasten sehen: Keith Jarrett, hier im Jahr 2006 Bild: Roberto Maotti

Eine traurige Nachricht: Der Pianist Keith Jarrett kehrt nach zwei Schlaganfällen wohl nicht mehr auf die Bühne zurück. Umso größer wirkt angesichts dessen die Sternstunde des demnächst veröffentlichten „Budapest Concert“.

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          Dieses Datum wird in die Annalen des Jazz eingehen. Wie der 15. Januar 1938, als Benny Goodman in der New Yorker Carnegie Hall auftrat und das Haus im unwiderstehlichen Swingrhythmus seiner Bigband zu beben begann. Oder wie der 21. Januar 1949, als Miles Davis die erste Session für sein Album „Birth of the Cool“ aufnahm. Natürlich auch wie der 17. Mai 1959, der Tag, an dem Ornette Coleman sein weißes Plastiksaxophon im New Yorker Five Spot erklingen ließ und die Welt eine neue Musik zu hören bekam, die sich Free Jazz nannte.

          Der Klavierstuhl, auf den sich Keith Jarrett am 15. Februar 2017 im mit 2800 Besuchern ausverkauften Isaac Stern Auditorium der Carnegie Hall von New York setzte, war ihm wohlvertraut. In dem halben Jahrhundert seiner Karriere hat er hier regelmäßig Konzerte gegeben und von diesem Platz aus nicht nur musiziert, sondern oft scharfzüngige Kommentare zum Zustand der Gesellschaft im allgemeinen und zum Jazz im besonderen abgegeben. Wach wie stets, hielt er auch bei dieser Gelegenheit, gut einen Monat nach der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten, mit seiner politischen Ansicht nicht hinter dem Berg.

          Was danach folgte, war eine dieser gewaltigen emotionalen Exkursionen durch die Jazzgeschichte, mit allen improvisatorischen Weitschweifigkeiten, rhythmischen Ostinati, melodischen Lyrismen und harmonischen Ungeheuerlichkeiten, die ihm einen unangefochtenen Platz in der ersten Reihe der Jazzmusiker und Künstler unserer Zeit eingebracht haben. Am Ende des Konzerts und zwei Zugaben rief jemand aus dem Publikum: „We love you, dude!“ Jarrett nahm das Mikrofon und erwiderte: „I love you, too“, setzte sich wieder an den Steinway und beschloss das Konzert mit einem überwältigenden, frenetisch applaudierten „Autumn Nocturne“. Noch einmal trat der sichtlich Bewegte ans Mikrofon und sagte: „You are the first audience that made me cry.“ Fast schien es, als ahnte zumindest er, was keiner damals wissen konnte und was jetzt traurige Realität geworden ist: Es war das letzte Konzert in der imposanten Karriere von Keith Jarrett.

          Halb Mensch und halb Klavier

          Nach diesem Auftritt waren für 2017 keine weiteren Konzerte mehr vorgesehen gewesen, erst im März 2018 sollte wieder ein Solo-Konzert in der Carnegie Hall stattfinden. Es wurde wie alle weiteren Konzerte des Jahres abgesagt, auch sein Auftritt Ende September 2018 bei der Musikbiennale in Venedig, wo ihm als erstem Jazzmusiker überhaupt der Goldene Löwe für sein Lebenswerk verliehen werden sollte. Um Keith Jarrett war eine fast unwirkliche Stille eingetreten, und nur engste Freunde, Verwandte und seine Plattenfirma ECM in München kannten den Grund, den niemand öffentlich machen wollte, allenfalls in Andeutungen, wie in dieser Zeitung, weil alle hofften, dass sich noch alles zum Guten wenden würde.

          Wie schon zuvor gelegentlich in Jarretts Laufbahn wurde die Zeit des Schweigens mit spektakulären Aufnahmen überbrückt, die schon einige Jahre zurücklagen, in den Archiven von ECM schlummerten, nun peu à peu herauskamen und die Erinnerung an Jarretts kolossales Klavierspiel wachhielten; Mitschnitte von Konzerten, bei denen er wie ein Kentaur – halb Mensch, halb Klavier – mit dem Instrument verschmolz und die Tasten bog, um sie zum Jammern zu bringen wie eine alte Bluesgitarre. Oder um Töne hervorzulocken, die nicht ins temperierte System passten und gerade deshalb mit Jarretts Fußstampfen und seinem krächzenden Singsang einen abenteuerlichen Kontrapunkt bilden konnten, den die Welt noch nicht gehört hatte. Es war phantastisch konservierte Live-Musik, die die drei Jahre währende Abstinenz vom Konzertsaal umso quälender erscheinen ließ.

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