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Theaterpremiere in Hamburg : Seine Krankheit heißt Kindheit

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Harzer spielt diese Ausbrüche, als wäre ein unheiliger Geist über ihn gekommen, er krümmt und streckt sich, fällt zu Boden, findet keinen Halt für seinen Körper, „keinen Platz in der Gesellschaft“, und führt das alles zusammen in einem markerschütternden Schrei. Aus tiefster Not schreit er zu ihm – Gott Vater, an den er unbedingt glauben will, obwohl ihm gegen die Schmährede des Atheisten die Argumente fehlen, er nur stumm nickend dabeisitzen kann, wenn Ippolit (den Ole Lagerpusch als keuchenden Todesboten gibt) über religiöse Gefühle lästert: „Wozu schafft die Natur höchste Wesen, um sie später mit dem Tod zu verhöhnen?“

Regisseur Johan Simons nutzt nur die einfachsten Mittel, um einen Rahmen zu schaffen für das, was er als schlichtes Sinnbild für das Unglück des Menschen verstanden wissen will: Zu sterben, ohne sicher zu sein, dass etwas bleibt. Wie schon bei Jürgen Goschs bekannter Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“, in der auch Jens Harzer spielte, sitzt das Ensemble auf einer Bank und wartet auf seine Einsätze. Die drehende Bühne von Johannes Schütz ist so übersichtlich wie wirkungsvoll – ein paar Stühle und Tische, ein bisschen Mehl am Boden, ein halber Kamin, eine Kirchenglocke und eine teure Vase, die am Ende zerbricht. Das Holbein-Gemälde vom „Leichnam Christi“ hängt hier nicht in einem dunklen Saal in Rogoschins Haus, sondern wird an eine Stuhllehne gestellt und von herabhängenden Glühbirnen sanft beleuchtet. Überhaupt wirkt dieser Rogoschin viel zu ungestüm und trampelig, um Myschkin ein boshafter Gegenspieler zu sein. Felix Knopp spielt ihn als liebenswerten Bauerntölpel, dessen Grobheiten allein Ausdruck seiner Unvernunft sind. Die Frauen, allen voran Marina Galic als von allen begehrte Natassja und Maja Schöne als ungeliebte Aglaja, treten lachlustig und exaltiert auf, nur um sich vor der für sie alles entscheidenden Frage in Sicherheit zu bringen: „Warum heiraten Sie nicht?“.

Trotz allem verführerischen Spiel umgibt den gesprochenen Text an diesem Abend eine spannungsvolle Unnahbarkeit. Als würde er sich der effektvollen Deklamation zuletzt doch verweigern wollen. Dostojewskis 1868 erstmals veröffentlichter Roman täuscht durch seine vielen Dialoge und unberechenbaren Reaktionen immer wieder vor, ein verkapptes Konversationsstück zu sein. Aber wenn man es dann gesprochen vor sich sieht, dann wirken die Antworten nie ganz passend, dann überfordern die Rollen die Figuren. Der Fürst bringt das gewohnte Gefüge der logischen Ordnung von Aussage und Replik durcheinander. Vom Verstehen zum Sich-verhalten ist es bei ihm nur ein Katzensprung. Er nimmt eine übermäßige Fülle in sich auf – aber beim Wiedergeben des Gehörten verhaspelt er sich. Was man in Hamburg zu sehen bekommt, ist also kein dramatischer, sondern ein poetischer Abend. Eine Adaption im vorsichtigen Sinne: Hier wird das Original angepasst, ohne dabei beschädigt zu werden.

So zeitentrückt die Inszenierung wirkt, so direkt geht uns ihre Essenz an. Uns, die wir gerade auch in einem Augenblick leben, in dem immer „mehr Reichtum, aber immer weniger Kraft vorhanden“ scheint, uns „keine alle verknüpfende Idee mehr“ bindet – schon die Frage nach „allen“ gilt inzwischen als fatal – und vieles „durchfault“ ist, wie der Beamte Lebedjew klagt. Der ergreifende Reiz dieses Romans liegt darin, dass er den längst verhallten Satz vom Sein oder Nichtsein als höchst aktuelles Thema ernst nimmt – Harzers Idiot muss man sich als einen verstoßenen Sohn Hamlets vorstellen.

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