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Theaterboom in Moskau : Der helle Falke fliegt nur online

  • -Aktualisiert am

Romantische Frauen als ideale Beute für Schleppernetzwerke: Darstellerinnen der Soso-Daughters im musikalischen Dokudrama „Heller Falke Finist“ Bild: Soso Daughters

Bühne frei für böse Märchen: Radikal aktualisierte Stücke von Alexander Ostrowski und Anton Tschechow, aber auch die Träume russischer Dschihadistenbräute elektrisieren das Moskauer Publikum.

          4 Min.

          Die russische Theaterkritikerin Marina Dawydowa kommt viel in der Welt her­um, aber einen vergleichbaren Boom neuer Bühnenproduktionen und einen Publikumsandrang wie in Moskau erlebe sie nirgends, sagt sie, als wir sie in einem Café treffen. Es komme ihr fast pathologisch vor, wie die Hauptstadtbewohner abends in die Theater drängen, deren Zahl seit dem Ende der Sowjetunion nicht kleiner geworden sei, wo die günstigen Tickets aber heute 75 Euro kosten. In der Situation politischer Repressionen und der Machtlosigkeit der Zivilgesellschaft werde die Kultur für die Moskauer, die ja nie mehrheitlich für Präsident Putin gestimmt haben, immer offensichtlicher zum Fluchtraum, glaubt Da­wydowa. Wäre sie eine Staatsfunktionärin, so die oppositionelle Intellektuelle, würde sie die Bühnen daher noch stärker subventionieren.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Da gesellschaftspolitische Themen wie­­der, wie zu Sowjetzeiten, in der Ersatzöffentlichkeit der Kultur verhandelt werden müssen, machen Inszenierungen Furore, die den Zynismus der im Zuschauersaal sitzenden, durch ihre Aufstiegsorientiertheit klassensolidarisch mit­­­einander verbundenen besseren Ge­sellschaft unterhaltsam persiflieren, vorzugsweise im Gewand aktualisierter Klas­­siker. Zumal Konstantin Bogomolow hat in seinen Dostojewski-Produktionen das Widerspiegeln der Partygemeinschaft der „Tussowka“ zur Perfektion gebracht (F.A.Z. vom 11. November). Mit seiner radikalen Modernisierung von Alexander Ostrowskis Komödie „Eine Dummheit macht auch der Gescheiteste“ am Moskauer Theater der Nationen geht Bogomolow nun noch einen Schritt weiter. Ostrowskis Sittenbild um den talentlosen, aber berechnenden jungen Mann, dem durch Schmeichelei eine Senkrechtkarriere glückt, verwandelt er in einen vergnüglichen Satansball, bei dem der Regisseur auch den Gastgeber und Conférencier gibt.

          Der Widerstand der „Ökofeministin“ wird vom geschmeidigen Aufsteiger Glumow (Alexander Nowin) mühelos gebrochen. Bilderstrecke
          Moskauer Theaterpremieren : Ostrowski und Tschechow neu gesehen

          Ostrowskis gut vernetzte Persönlichkeiten werden bei Bogomolow zu Angehörigen der kremlnahen Elite, die das Gegenteil von dem tun, was sie predigen. Der staatlich geschützte Unternehmer Mamajew (mit dekadentem Flair: Alexander Semtschew) hält sich jugendliche Gespielen, seine für die Regierung tätige Gattin (mit schwüler Glut: Natalja Schtschukina) fahndet mit Hilfe ihrer an­geblich Waisen helfenden Stiftung nach frischen Liebhabern, veranstaltet Transvestitenshows und lässt sich von ihrem ehrgeizigen jungen Verwandten Glumow (verschmilzt mit jeder Tapete: Alexander Nowin), der seine spitze Feder bisher beim Telegram-Kanal „Fließe, Dreck!“ (Lejsja, gowno) erprobte, willig umgarnen. Über allen wacht – als Ostrowskis hoher politischer Funktionsträger – ein schmallippiger Geheimdienstgeneral, den seine Menschenkenntnis philosophisch macht und den Starkünstler wie der Kultdirigent Teodor Currentzis und Bogomolow selbst untertänigst zu ihren Premieren einladen.

          Wie der Sängerschauspieler Grigori Wer­nik, Currentzis’ Akzent imitierend, dessen erotomanes Credo von der Musik, die der Liebe und damit Gott gleich sei, den Zuschauern der vorderen Reihe vorsäuselt, die je 190 Euro für ein Ticket bezahlt haben, lohnt allein schon den Besuch des Abends, der seinen Spott freilich nach dem Gießkannenprinzip auf die Figuren ausschüttet. Die russische Protestbewegung, mit der Bogomolow noch unlängst sympathisierte, verhöhnt er nun durch die Gestalt der bei ihm lesbischen Tochter des Geheimdienstlers, die – wie viele starke Frauen bei Bogomolow – von einem Mann als kämpferische Ökofeministin verkörpert wird, die der glatte Glumow mit ein paar Judogriffen zähmt. Der Epilog versetzt in eine Strafkolonie im Jahr 2025, wo Glumows im Stück verurteilter Kollege von „Fließe, Dreck!“ immer noch schmachtet und erfährt, dass Russland sich längst die Ukraine einverleibt hat. Beim Applaus tritt das Ensem­ble zum Gefangenenappell an.

          Die herrische Mutter Heimat verachtet ihr Kind

          Eine viel beachtete Premiere dieses Herbstes war auch Dmitri Krymows bitterer Abgesang auf Russlands europäische Kultur durch ein depressiv farcenhaftes Remake von Anton Tschechows „Die Möwe“, das er unter dem Titel „Kostik“ im Puschkin-Theater herausbrachte. Die Datscha-Gesellschaft besteht hier aus kettenrauchenden Marginalisierten, denen ihr Verwalter einen mit Flüchen gespickten Vortrag über Russlands Sonderweg und Spiritualität hält, während er einen zu laut bellenden Hund erschießt. Die Schauspielerin Arkadina (mit Pop-Königinnenallüre: Viktoria Issakowa) produziert sich, ein Folkloretuch über den Ar­meeparka geworfen, mit patriotischen Schlagern über Moskaus Kirchenkuppeln als herrische Mutter Heimat, die ihren sensiblen Sohn Kostik (die Koseform von Konstantin) verachtet. Alexander Dmitrijew verkörpert diese Figur als Invaliden ohne Arme, der sich das Haar grün färbt und von einem Theater dokumentarischer Aufrichtigkeit träumt.

          Doch Krymows Kulturträger ertragen nur noch Märchen. Kostiks Klagetext über Massensterben, Folter, Korruption und verkaufte Seelen beantwortet seine Mutter, indem sie sein Gesicht in den Gartentümpel drückt. Ihren Schriftstellerfreund Trigorin gibt Alexander Ma­trossow als kommerziellen Rapper, dem seine eigene „Restaurantlyrik“ zuwider ist, der aber auch die Verliebtheit der von Kostik angebeteten Nina (als zunächst alternative, dann aufgetakelte Provinzlerin: Maria Smolnikowa) nicht erwidern kann. Nina flüchtet sich wie Arkadina in die Schauspielerei, träumt vom Spitzentanz, verdingt sich aber als Straßenkünstlerin und reitet auf einem Plüschwolf ins Phantasiereich davon. Als letzte Widerstandsgeste bleibt Kostik nur der Selbstmord.

          Reale Schicksale junger Russinnen

          Das kleine unabhängige Frauenensemble „Soso-Töchter“ vergegenwärtigt unterdessen reale Schicksale junger Russinnen, die sich als Bräute von Islamisten haben anwerben lassen, als musikalisches Traumtheater. Das Stück „Heller Falke Finist“ (Finist jasnyj sokol), das an der Kleinbühne Bojarskije Palaty läuft, basiert vor allem auf der Geschichte der damals neunzehn Jahre alten Moskauer Schülerin Warwara Karaulowa, die 2015 beim Versuch, nach Syrien zu ihrem vermeintlich für religiöse Ideale kämpfenden Bräutigam zu reisen, verhaftet, nach Russland zurückgebracht, und zu viereinhalb Jahren Strafkolonie verurteilt wurde. Karaulowa wurde wie viele Frauen in Russland, Kasachstan, Aserbaidschan, aber auch in Europa digital angeworben von einem hoch professionellen, hermetisch abgeschotteten IT-Netzwerk, das die Begeisterung junger Menschen für hohe Ziele instrumentalisiert, sagt die Regisseurin Schenja Berkowitsch der F.A.Z. vor einer Vorstellung. Die Zeugnisse von Karaulowa und einigen anderen Frauen, die zurückkamen, seien, so Berkowitsch, umso wertvoller, als man von den bei den Islamisten Gebliebenen gar nichts wisse.

          Im sechzig Zuschauer fassenden Ge­wölbe definiert ein Teppich die Spielfläche, die Frauen in orientalisch-slawischen Phantasiekostümen betreten, um von ihren Beziehungen zu Männern er­zählen, die ihren Borschtsch kritisierten oder sie sexuell belästigten. Und dann hätten sich in den sozialen Netzwerken Galane gemeldet, die nach ihrem Befinden fragten, wunderschöne Bilder schickten, von Selbstopferung für den Glauben erzählten und von der beschützten Stellung der muslimischen Frau. Ein folkloristischer Wechselgesang erklärt, dass die Onlinevermählung vor Zeugen nach is­lamischem Recht gültig ist.

          Die Berichte von Frauen, die über Jahre gefangen gehalten und misshandelt wurden, Kinder gebaren, ihre Bräutigame aber nie zu Gesicht bekamen, erklingen dann als psalmodierende Rezitative. Diejenigen, denen die Rückkehr nach Russland gelang, landeten in einer bürokratischen Gegenwelt. Doch auch die Ge­richtsprotokolle einiger Fälle, die Strafrechtsbestände auflisten, die Namen und Leidensgeschichten der Frauen aber als getilgt vermerken, intonieren die Darstellerinnen im Märchenmodus folkloristischer Mehrstimmigkeit, weil der Unsagbares am besten zum Klingen bringt.

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