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Jean-Luc Ponty : Alle Saiten offen

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Der französische Jazz-Geiger Jean-Luc Ponty während eines Auftritts auf dem Stuttgarter Jazz-Gipfel im Juli 1988. Bild: Picture Alliance

Er vereint Klassik und Jazz wie kaum ein anderer, spielt in Orchestern und in Clubs und schuf mit Frank Zappa eins der aberwitzigsten Violinkonzerte des zwanzigsten Jahrhunderts. Nun wird der Geiger Jean-Luc Ponty achtzig.

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          Vertragen sich Swing und avantgardistischer Jazz überhaupt? Durchaus, wenn zwei Meister zusammentreffen. So geschehen 1966 bei den Berliner Jazztagen, als man auf die Idee verfiel, Stéphane Grappelli mit Jean-Luc Ponty in einem Geigen-Duo zusammen auftreten zu lassen. Aber verträgt sich ein abenteuerlicher Jazz-Fiddler aus Europa mit einem frechen Rockgitarristen aus Amerika? Bestens, wenn der eine Jean-Luc Ponty und der andere Frank Zappa heißt. So geschehen etwa 1970 für Pontys Album „King Kong“ mit Zappas „Music for Electric Violin and Low Budget Orchestra“, einem der aberwitzigsten Violinkonzerte des zwanzigsten Jahrhunderts. Noch ein Versuch: Kann ein Musiker tagsüber im Orchestre des Concerts Lamoureux mit der Streichersektion Debussy spielen und nachts in Pariser Jazzclubs als Solist am Tenorsaxophon John Col­trane nacheifern? Nein, das geht auf Dauer allein physisch nicht.

          Und so wurde aus dem angehenden klassischen Geigenvirtuosen Jean-Luc Ponty zwar kein Jazzsaxophonist, aber wenigstens ein virtuoser Jazzgeiger. Immerhin konnte er die zwei Seelen in seiner Brust so doch noch vereinigen und die Violine, das klassische Instrument seiner Wahl, in den Jazz, die aktuelle Musik seiner Wahl, überführen.

          Im archaischen Jazz, der seinerzeit noch nicht so genannt wurde, gab es Geigen häufig, dann immer weniger und meist nur als Nebeninstrument, schließlich erst wieder öfter, als man die Jazzkonventionen hinter sich ließ und die feinen Töne der Violine im Free Jazz zu denaturieren begann – wie bei Ornette Coleman – oder die Geige an das Stromnetz anschloss. Dafür war Ponty zuständig, der sein Instrument nicht nur elektrifizierte, sondern auch mit einem Wah-Wah-Pedal verfremdete und mit MIDI-Technik verband. Wie das klingt, ist auf vielen Aufnahmen zu hören, die der französische Geiger aus der Normandie mit einem ausgezeichneten klassischen Examen am Konservatorium in Paris mit zahlreichen Koryphäen des Modern Jazz in Europa – Wolfgang Dauner, Niels-Henning Ørsted Pedersen, Michel Portal oder Joachim Kühn etwa – und nach seiner Übersiedlung ins Mutterland des Jazz mit John McLaughlin, Al DiMeola, Chick Corea oder Stanley Clarke herausbrachte.

          Es sind Einspielungen, die Ponty als technisch brillanten Geiger ausweisen, bei dem man eigentlich immer, ohne Substanzverlust zu befürchten, den Stecker ziehen und feststellen könnte, wie sehr die Elektrotechnik ein Plus, kein Muss darstellt. Bei Ponty wirken Klassiker wie „Nuages“, den Django Reinhardt mit Stéphane Grappelli und dem Quintette du Hot Club de France populär machte, ebenso inspirierend wie die parallelen High-Speed-Phrasen mit dem Gitarristen John McLaughlin im Mahavishnu Orchestra oder die futuristischen Sirenenklänge bei seinem Solo von „Wandering on ther Milky Way“. In seiner Vielseitigkeit, die er auch im Quartett oder Trio mit seiner klavierspielenden Tochter Clara Ponty demonstriert, ist er im Jazz lange schon unerreicht. Heute kann er seinen achtzigsten Geburtstag feiern.

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