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„Der Freund krank“ in Frankfurt : Drei Männer im Weh, juchhe!

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Der dreifache Herr „Ich“ und was er sich an Schlimmstmöglichem so ausdenkt, wenn er in die Heimat zurückkehrt: Christian Bo Salle, Marek Harloff und Nico Holonics (imHintergrund Henrike Johanna Jörissen) in „Der Freund krank“ von Nis-Momme Stockmann, uraufgeführt in den Frankfurter Kammerspielen Bild: Birgit Hupfeld

„Einer ist viele“ oder „So macht das Elend richtig Spaß“: Das Schauspiel Frankfurt amüsiert sich über Nis-Momme Stockmanns „Der Freund krank“.

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          Es ist kein Stück. Eine Rhapsodie. Also eine Art Zusammennähung gegenwärtigen unzusammenhängenden Horror-Elends. In Bruchstücken. Junger Mann namens „Ich“ kehrt ins Heimatdorf heim, hat’s zu was gebracht offenbar. Heimatdorf geht kaputt, Aroma-Fabrik, Hauptarbeitgeber des Ortes, wird geschlossen. Trotzdem liegt ein Aroma von Verwesung, Tod und Verkommenheit über allem. Arbeitslose Mofa-Bandidos und womöglich Neonazis werfen Türkin Nora Wackersteine durchs Fenster. Nora pflegt jungen Mirko, den besten Freund von „Ich“.

          Mirko fiel von heute auf morgen ins Wachkoma, nachdem er Nora schwängerte. Nora staunt: „Ich bekomme ein Kind von einem, den ich wickeln muss.“ Heimkehrer „Ich“, auch in Nora verliebt, will helfen, ist aber irgendwie fehl am Platz. Wird vom Dorf neidisch angefeindet. Es kommt zu Prügeleien. Weshalb „Ich“ das Dorf, an dem die Lkw auf der Bundesstraße 1 vorbeidonnern, offenbar an eine Straßenerweiterungsbaufirma verscherbelt (es wird so etwas bruchstückmäßig angedeutet) und den kranken Freund Mirko in einem hohen hohlen Ruinenturm bei lebendigem Leibe verbuddelt. Damit eine Ruhe ist. Oder so ähnlich.

          Stockmanns Ich hält mitleidende Distanz

          „Der Freund krank“ ist kein Stück. Eine schmarrenhafte Materialsammlung. Eine Wust- und Bruch-Variation über das Lebensschreibthema des noch jungen, aber seit 2010 schon etliche dramatische Rhapsodien geliefert habenden Autors Nis-Momme Stockmann: „Der Mann, der die Welt aß“, „Das blaue, blaue Meer“, „Kein Schiff wird kommen“, „Inga und Lutz“, „Die Ängstlichen und die Brutalen“, „Expedition und Psychiatrie“ - immer wird da ein schwaches, aber wortreiches Außenseiter-Ich mit allerlei Familien-, Sozial-, Universal- oder Kiez-Elend vernäht.

          Es schaut hilflos zu, wenn Väter dement werden, Mütter sterben, Mädchen vom Dach springen, Finger abgeschnitten, Freunde ermordet, Vaterleichen entsorgt werden wollen oder auch einfach Schnellkochtöpfe nicht abgeholt werden, wobei immer auch gleich noch das Universum ins Spiel kommt. Das hatte manchmal eine horrible Eleganz, manchmal einen schönen Witz, aber auch öfter schon Schwurbel und Schwulst. (Stockmann scheint gefährdet durch Repetition auf engem Todesterrain; er müsste mal so weitergehen, wie das Leben weitergeht, er würde staunen . . .) Wobei das jeweilige Ich jeweils zum Elend eine mitleidende Distanz hält durch den dramatischen Trick des Autors, der seine Figuren nicht handeln, sondern vom Handeln immer nur erzählen lässt. Ihre Sprechakte sind schon ihre Akte. Stockmanns Personal sieht sich selbst sozusagen in der dritten Person: Ich als Er.

          Die drei Nicht-Seelen dreier Leichtigkeitshallodris

          Und genau daraus machen sie sich jetzt in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt einen großen, flotten Spaß: Das Ich sieht sich hier als drei Personen. Der Regisseur Martin Schulze und seine Dramaturgin Livia Theuer haben bei ihrer Uraufführungsinszenierung von „Der Freund krank“ nicht nur harte Streicharbeit am Textwust geleistet und das Bruchstückkonvolut entwustet, sondern Herrn „Ich“ verdreifacht. Ein „Ich“-Trio mischt sich hier ins Elendsspiel, das keines mehr ist. Der kranke, ins Koma gefallene Pflegefallfreund Mirko, die zentrale Verwesungsstelle im Stück, kommt hier nur noch als Video- beziehungswiese Dia-Luftspiegelung auf durchsichtigem Bühnenhintergrundsgazevorhang rüber. Er geht niemanden etwas an - außer den Lichttechniker.

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