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Der Fall Esra im Theater : Achtung! Jetzt kommt der Intimsex!

Ein Abend voller Überdrehungen und Überspannungen: Angela Richter inszeniert „Esra” Bild: ddp

Die Geschichte von Maxim Billers verbotenem, weil Persönlichkeitsrechte verletzendem Roman „Esra“ kommt auf die Bühne. Angela Richters Hamburger Inszenierung will die Kunst vor allem vor dem Geschwätz retten. Doch das ist nicht totzukriegen.

          Irgendwann an diesem Abend ist hinter der Bühne, die ein einzigartiges Lichterkabinett ist, ein Irrgarten aus Glühbirnen, die das fadenscheinige Licht showbusinesshafter Aufmerksamkeit spenden, auf einer Leinwand der Sänger Scott Walker zu sehen. Er singt „In My Room“, ein Einsamkeitslied, schön, melancholisch und auch ein bisschen wehleidig: „In my room, where every night is the same / I play a dangerous game / I keep pretending she’s late / So I sit, and I wait“. Man sieht ihn dabei nicht allein in seinem Zimmer. Er spielt dieses Lied über die gefährlichen Einsamkeitsspiele, die er zu Hause betreibt, vor dem Publikum, das er als Künstler braucht und dessen Applaus zu hören ist.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und im Grunde sind genau damit die Koordinaten bestimmt, die die Regisseurin Angela Richter ihrer Hamburger Inszenierung von „Der Fall Esra“, dem „Rezeptionsdrama“ über den verbotenen Roman des Schriftstellers Maxim Biller, zugrunde legt: die einsam-heiklen Fiktionsspiele mit der wirklichen Erinnerung, die zu den Bedingungen der Produktion von Kunst oder Literatur gehören; die reflektierte und manchmal wehleidige Rede des Künstlers über den Prozess dieses Schaffens; und das Publikum, das jeder Künstler braucht wie die Luft zum Atmen, eine nicht zu kontrollierende, immer voyeuristische Größe, die ein reales Eigenleben führt und den Künstler wiederum heimsuchen kann – also wir.

          Kein Dokumentartheater

          Im Oktober 2007 verfügte, nach einem aufsehenerregenden Prozessweg durch die Instanzen, das Bundesverfassungsgericht, dass Maxim Billers Roman „Esra“ vom Verlag Kiepenheuer & Witsch nicht weiter verbreitet und veröffentlicht werden darf. Eine ehemalige Freundin des Schriftstellers, eine Schauspielerin, hatte sich im Roman wiedererkannt, ihre Persönlichkeitsrechte verletzt gesehen und Klage eingereicht, was die Diskussion über die Freiheit der Kunst neu belebte – mit großer Anteilnahme am Schicksal des Autors, mit dem sich Künstlerkollegen wie Elfriede Jelinek, Herbert Achternbusch oder Peter Zadek öffentlich solidarisierten.

          Autor des umstrittenen Werks: Maxim Biller

          Angela Richter macht daraus kein Dokumentartheater. Es gibt in ihrer Hamburger Inszenierung keine explizite „Esra“-Figur, keine „Klägerin“ und niemanden, der „Maxim Biller“ spielt – auch wenn der Schauspieler Sebastian Blomberg mit Brille und Strickjacke ausgestattet ist und man sich Maxim Biller in so einer Cardigan eigentlich ganz gut vorstellen könnte. Es geht auch nicht um die bloße Ausstellung der unterschiedlichen Redeweisen, die während der Diskussion um den Prozess, oft unvereinbar, zu hören und zu lesen waren: die Sprache der Literatur, die juristischen Fachklauseln, der Jargon germanistischer Gutachter, der Diskurs juristischer Wochenschriften und der des Feuilletons.

          Kunst und Geschwätz

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