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Anna Viebrock wird siebzig : Die Spur der Malerin im Meta-Patina

  • -Aktualisiert am

Eine für alles: „Ariane et Barbe-Bleue“, 2007 an der Opéra national de Paris herausgekommen. Regie, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock Bild: Ruth Walz

Ihrem Werk wohnt die philosophische Tiefe eines Buster Keaton inne: Zum siebzigsten Geburtstag der Bühnenkünstlerin Anna Viebrock.

          3 Min.

          Anna Viebrock ist eigentlich keine gute Fotografin, das sagt sie zumindest von sich selbst. Ihre Bilder aber sind ganz außerordentlich! Was darauf zu sehen ist, macht Freude, ist ein Versprechen, ein Jammer, melancholisch, absurd, schlicht toll, etwas vergammelt, lustig, vergeblich, liebevoll und voller Aufmerksamkeit für Dinge, die erzählen können. Auf ihren kunstlosen Fotos scheint die Welt, als wäre sie für uns aufgebaut, damit wir die Verhältnisse, die uns prägen, neu bewerten – und schon das ist eine enorme Leistung. Die Einfachheit der Bilder hat durchaus Methode, denn Komposition, Schönheit, Beherrschung der Apparate wäre hier ganz fehl am Platz, sie kämen sozusagen zu früh, denn diese Aufnahmen sind erst der Anfang, die Grundlage ihrer Werke.

          Viebrock arbeitet bekanntlich seit den frühen achtziger Jahren beneidenswert produktiv als Bühnenbildnerin. Die Inszenierungen, die sie zusammen mit Jossi Wieler und vor allem mit Christoph Mar­thaler realisierte, haben Theatergeschichte geschrieben. Sie braucht ihre Bühnenbilder lediglich als Gedankenstütze. Ich stelle mir vor, dass sie daraus Alben zusammenstellt, in denen Orte mit Begriffen verzeichnet werden, die selbst schon wie Bilder sind: die Aula, das Gericht, die Kantine, die Zulassungsbehörde, der Vergnügungspark, das Loft. Diese Sammlungen, wenn es sie gäbe, dienten aber nicht zur Rekonstruktion, sondern für Kombinationen von Teilen der einen Ru­brik mit Teilen anderer Rubriken, gerade so, dass unsere Erinnerungen, die diese Räume wecken, nicht verloren gehen, aber die innewohnenden Konnotationen neue, seltsame Verbindungen eingehen können. So entdeckt sie in vertrauten Lebensumständen Bühnen und gibt uns ein Werkzeug an die Hand, mit der man auch den Rest der – mitteleuropäischen – Welt deuten kann.

          Mit Buster Keaton und Hanne Darboven im Bunde: die Bühnenbildnerin Anna Viebrock
          Mit Buster Keaton und Hanne Darboven im Bunde: die Bühnenbildnerin Anna Viebrock : Bild: Laif

          Oft geschieht das mit viel Humor und Zuneigung, für Sarkasmus wäre ihr die Zeit zu schade. Nun kann Humor in der Kunst, zumal der großen wie ihrer, zu einer Falle werden, denn der eifrige Bewunderer sucht dann nur noch nach Pointen. Und die liefert Anna Viebrock durchaus, es ist ja Theater, und sie ist darin ein Superstar. Im Verlauf der Stücke werden die Vorrichtungen, die diese Räume charakterisieren, auch immer ausgereizt, gerne durch Wiederholung bis zum Ermüdungsbruch, mit der absurden Energie eines Warentesters. Aber ihrem Werk wohnt eben auch die philosophische Tiefe eines Buster Keaton inne, der weiß, dass Gerätschaften, mit denen wir uns umgeben haben, uns ver­ändern, Kausalketten auslösen, deren wir Herr werden müssen, da sie uns sonst verschlingen. Es ist dabei sehr wichtig, dass der Zuschauer sich und seine Welt wiedererkennt und damit in Situationen entführt wird, die sich im Verlauf der Vorstellung ins Unwahrscheinliche und schließlich Absurde entwickeln. Und die Mittel, die sie dabei einsetzt, sind keineswegs illusionistisch, ich würde nicht einmal sagen realistisch, sondern sehr konkret und konzeptionell. Die Theatralik wird nie vergessen gemacht, es ist immer eine Aufführung, es wird uns stets vorgespielt.

          Sie macht Falsches echt

          In einer Ausstellung verhält sich dies wieder ganz anders, aber Viebrock hat auch in unserer Zusammenarbeit „the boat is leaking, the captain lied“, 2017 in Venedig, ihren konzeptionellen Ansatz erstaunlicherweise „passend machen“ können. Ich hatte enorme Vorbehalte vor Theatermalerei, unsere Gespräche drehten sich anfänglich oft um die künstlich hergestellte Patina eines Theatermalers, die, aus der sicheren Entfernung zur Bühne virtuos, glaubhaft und konventionell als passend erscheinen mag, aber in einer individuellen Begegnung, wie sie in diesem Kontext erforderlich sein würde – man steht unmittelbar davor und betrachtet jegliche Geste als künstlerischen Akt –, meiner Auffassung nach fast dämlich und kontraproduktiv wirken würde. Anna Viebrock löste das Problem (mein Problem), indem sie Kulissen eines bereits abgespielten Stückes („Tessa Blomstedt“) als Material, objet trouvé, als Readymade einsetzte. Damit war die Malspur, die ursprünglich Atmosphäre vortäuschen sollte, wieder Spur des Malers, die Abnutzungserscheinungen der Auf- und Abbauten, die die Kulissen eben in den vorangegangenen Jahren erlebten, das war sozusagen die Meta-Patina. Falsches war plötzlich wieder echt – und doch Kulisse. Das war großartig!

          Obwohl es das erste Mal war, ist es an sich nicht überraschend, dass Viehbrocks Arbeit sich so leicht in eine Ausstellung integriert, schließlich haben sich Institutionen in den letzten Jahren entschieden für theatralische, oder besser: immersive Strategien geöffnet. Bedeutender jedoch ist, dass Viebrocks Nähe zur bildenden Kunst in ihren Arbeiten ein subtiles Echo finden. Sie studierte an der Kunstakademie Düsseldorf zur gleichen Zeit, als Joseph Beuys dort den Kunstbegriff erweiterte. Man sagte mir, dass die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts ihre zentrale Inspirationsquelle sei, aber sie kennt sich auch sehr genau in der jüngeren Kunstgeschichte aus, Gesten des Scheiterns, raumgreifende Installationen und Land-Art sind ihr geläufig. Gordon Matta-Clark hatte Einfluss auf ihr Denken und die Formen ihrer Entwürfe. Ich würde auch die „Joyous Machines“ von Jean Tinguely dazuzählen und ebenso Hanne Darbovens Verwendung von Zeit, die sich in Formen der variantenreichen Wiederholung in ihren Inszenierungen spiegeln. Sogar eine meiner eigenen Arbeiten habe ich zu meiner großen Freude in „Geschichten aus dem Wienerwald“ wiedererkannt, aber da mag ich mich täuschen. Vor allem aber ist Anna Viebrock selbst eine große Künstlerin, und heute wird sie, man glaubt es kaum, siebzig Jahre alt. Meine herzlichen Glückwünsche!

          Thomas Demand gilt mit seinen Nachbauten von „Wirklichkeit“ in Papier und Pappe als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart.

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