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Riccardo Muti wird achtzig : Der kurze Weg zum Hörer

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Welt- und Seelentheater: Riccardo Muti im Wiener Musikverein Bild: EPA

Anti-akademisch, anti-museal, offensiv zupackend: Dem Werk des Dirigenten Riccardo Muti kann sich niemand mehr entziehen. Ein Glückwunsch zum achtzigsten Geburtstag.

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          Riccardo Muti trat früh und mit intensiver Präsenz in den Fokus der Öffentlichkeit: 1969, als Achtundzwanzigjähriger, be­kam er die erste Chefstelle in Florenz, der dann nur noch erste Adressen folgten – Londons Philharmonia Orchestra, Philadelphia, die Mailänder Scala, Chicago; 1971 die Debüts bei den Berliner und Wiener Philharmonikern. Mit Letzteren hat er seither allein bei den Salzburger Festspielen mehr als zweihundert Auftritte gehabt; in wenigen Wochen soll mit Beethovens „Missa solemnis“ ein weiterer Gipfel angegangen werden.

          Doch statt der Auflistung von Stationen und Ehrentiteln sagt man bei dem Süditaliener vielleicht besser: Wer heute sechzig und klassikaffin ist, hat zeitlebens immer auch mit Muti zu tun gehabt. Sei es durch seine enorme Diskografie – ein aktueller Katalog verzeichnet knapp zweihundert Einträge –, sei es durch die lustvolle mediale Verbreitung scharfzüngiger Äußerungen etwa über die mangelhafte Klangqualität der Hamburger Elbphilharmonie oder das Elend des pseudomodernen Regietheaters; für die Glücklicheren aber durch direkte Begegnungen mit seinem Können im Orchestergraben und auf dem Konzertpodium.

          Wenn man die Qualitäten der Muti-Dirigate knapp referieren will, dann bestehen sie in ihrer antiakademischen, antimusealen, offensiv zupackenden Kommunikativität. Die Polarität zwischen ihm und seinem Landsmann und Kollegen Claudio Abbado, zu dessen Lebzeiten oft stilisiert als Gegensatz grüblerischer, ins Metaphysische greifender Introvertiertheit gegenüber einer den umweglosen Hör- und Denkweg suchenden Direktheit, hat darin einen wahren Kern.

          Furiose Klangreisen

          Doch der oft furiose Drive von Mutis Interpretationen, ihre federnde Straffheit und Konturiertheit, die Kontrastsetzung ungemischter Farben und das eiserne Ausspielen rhythmischer Elementarformeln, zielt nie zuerst auf den Raubtierbändiger-Effekt hochgehender Puls- und Atemfrequenzen. Denn solche unmittelbar ins Physiologische überschlagenden Energieströme können vor allem – oft deutlicher als bei reflektierterer Abstandnahme – die Diskontinuitäten, Verwirbelungen und Abgründe der Partituren und ihrer Schöpfer offenbaren: Musikvermittlung als Welt- und Seelentheater.

          Besonders Verdi, ganz nah am heißen Atem der durchlebten und durchlittenen Wirklichkeit, ist in diesem Sinne Mutis Mann. Aber er bringt eben auch, in den letzten Jahrzehnten seines Tuns eher noch kompromissloser werdend, die Wiener Klassiker fern aller Wohlfühl-Glätte auf jenen körperlich-energetischen Kern, aus dem dann alle Philosophie und Weltweisheit erst im Hörer selbst entstehen soll und darf. So zählt sein Mozart-„Figaro“ von 1986 auch unter den Vorzeichen einer inzwischen fundamental gewandelten Aufführungspraxis immer noch zu den Referenzaufnahmen dieser wohl weltweit am häufigsten eingespielten Oper.

          Zu seinem 75. Geburtstag aber brachte der Künstler, wieder am Pult der Wiener Philharmoniker, mit Bruckners selten gespielter zweiter Symphonie ein Werk, das ziemlich abseits seines Kernrepertoires lag: explosiv gewittrig und wild herausfahrend, schroff aufklaffend in disparaten Klang- und Ideenfeldern – ein Vorschein der aktuell bevorstehenden Beethoven-„Missa“, die dann in ähnlicher Zuordnung zu seinem heutigen achtzigsten Geburtstag gehören würde? Das Resultat könnte, einmal mehr, zur Polemik herausfordern – und viel Spaß bereiten. Wir werden hören.

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