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Kirill Petrenko : Als Dirigent geboren

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Kirill Petrenko dirigiert bei den Festspielen von Bregenz. Bild: Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis

Die Berliner Philharmoniker haben Kirill Petrenko zum neuen Chef gewählt, in Bayreuth dirigiert er den „Ring des Nibelungen“. Den deutschen Kritikern ist er aber wohl nicht deutsch genug. Wer also ist Petrenko, und was kann er wirklich?

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          Sicher hat das mit der Jahreszeit zu tun. So wie im Herbst die Blätter fallen, wie im Februar immer wieder neue kölsche Jecken nachwachsen, so sprießen von Mai bis Juni plötzlich alle möglichen Gerüchte in der Welt der sogenannten klassischen Musik. Die Sommerpause kündigt sich an. Die Festspielzeit beginnt.

          „Gala“, „Bunte“, „Bild“, sogar die „Tagesschau“ entdecken in diesen Tagen Oper und Konzert als ein möglicherweise mehrheitsfähiges Thema. Und wir Musikfeuilletonisten rücken unserem Kerngeschäft, den Sängern und Musikern, die wir sonst doch eher höflich auf Händen tragen, etwas dichter auf die private Pelle und bewerfen den einen oder die andere mit Matsch, Klatsch, Tratsch. Das Beste, was man über diese Phase sagen kann, ist: Sie geht vorbei. Manchmal kann es aber zu Entgleisungen kommen, zu bleibenden Verletzungen.

          Stigmata umgehen

          Ein Beispiel: Der russische Bass-Bariton Jewgeni Nikitin, der vor drei Jahren bei den Bayreuther Festspielen mit der Titelpartie des fliegenden Holländers zur Karriere durchstarten sollte, hat sich von dem Rummel um das übertätowierte Hakenkreuz, das er sich mit sechzehn, als Rockmusiker, hatte stechen lassen, bis heute nicht erholt. Nur in Petersburg gibt man ihm noch große Rollen. Mit seiner Stimme hat das nichts zu tun. Es ging aber bei diesem Fall nie darum, den geschichtslosen Missbrauch von Nazi-Symbolik in der Jugendkultur Osteuropas zu bagatellisieren. Sondern: Es ging um die mediale Notschlachtung eines Sängers.

          Immer wieder kreist um Komponist Richard Wagner das Stigma des Nationalsozialisten.

          Eines der Stigmata, mit denen die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele, die mit Katharina Wagners Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ am Samstag eröffnet wurden, jedes Jahr wieder neu umgehen werden müssen, lautet: Wagner war Nazi. Jeder weiß natürlich: Das war er nicht. Richard Wagner war ein erklärter Antisemit, wie andere Komponisten im neunzehnten Jahrhundert auch. Etliche aus Wagners Nachkommenschaft standen mit Hitler auf Duzfuß, aber da war der Komponist schon lange tot. Und doch verselbständigt sich der Reflex einer schuldhaften Gleichsetzung von Musik mit Gesinnung bei Wagner immer wieder aufs Neue. Und nur im Falle Wagner taucht dieser Reflex in gespenstischer Regelmäßigkeit immer wieder auf, und zwar in den sonderbarsten kontrapunktischen Erscheinungsformen.

          Die üblichen Wagnerrezeptionsreflexe

          Diesmal sind zwei große, großartige Wagner-Dirigenten betroffen: Christian Thielemann, der die „Tristan“-Premiere übernommen hat und kürzlich zum Bayreuther Musikdirektor ernannt wurde. Und Kirill Petrenko, der zum dritten und auf nicht absehbare Zeit letzten Mal in Bayreuth am Pult stehen wird bei allen zwölf Abenden des „Rings des Nibelungen“. Beide Dirigenten wurden in der Öffentlichkeit in den letzten Monaten auch als heiße Kandidaten gehandelt für die Chefdirigentenposition der Berliner Philharmoniker, die ihre Wahl, wie 1989 erstmals erprobt, als es um die Nachfolge Karajans ging, hinter verschlossenen Türen und unter strikter Geheimhaltung durchziehen wollten.

          Er verlor die Wahl gegen Petrenko: Dirigent Christian Thielemann

          Diese Türen wurden tüchtig mit Matsch, Klatsch, Gerede und Gerüchten beworfen, und auch die Geheimhaltung glückte nur zum Teil, was kein Wunder ist, wenn 123 Musiker daran beteiligt sind. Wer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker werden wird, das ist schließlich eine Prestigefrage, die auch Nichtmusikinteressierte interessiert. Als Kirill Petrenko dann im zweiten Wahlgang das Rennen machte, wunderten sich alle, die diesen Dirigenten vorher für sich schon aussortiert hatten, sehr. Und in dieser Situation, sie ist gerade drei Wochen her, tauchten überraschend die üblichen Wagnerrezeptionsreflexe auf, Fähigkeiten und Person, Familienangelegenheiten und Herzensangelegenheiten Petrenkos betreffend, nur diesmal gespenstischerweise umgedreht: nicht die Hakenkreuznähe wurde ihm angekreidet, sondern die Nase.

          Was hat das mit Musik zu tun?

          Es hieß erstens: Petrenko sei ein Schmalspurdirigent, könne nur Oper, habe kaum oder gar keine Konzerterfahrung (das stand überall zu lesen); zweitens: Petrenko könne Thielemann nicht leiden und vice versa (ebenso: fast überall); drittens: Petrenko sei, anders als Thielemann, nicht vertraut mit dem deutschen symphonischen Repertoire (beinahe: überall); Thielemann, verglichen mit Wotan, sei ein „Experte deutschen Klanges“, Petrenko dagegen, verglichen mit Alberich, eine „jüdische Karikatur“ (wurde verbreitet vom NDR); Petrenko habe, wie Thielemann, eine dominante Mutter, er habe ein Verhältnis gehabt mit einer Bayreuthsängerin, er sei der nunmehr schon dritte Jude auf einem Berliner Chefsessel (stand so in „Welt“ und „Welt“-Online); Petrenko sei Veganer, Tierschützer und ein „Kontrollfreak“, er habe keinen „unmittelbaren, untrüglich intuitiven Bezug zur Musik“, müsse sich den über Analyse immer neu erarbeiten, seine Dirigate seien deshalb „nicht ungeschmeidig, aber doch abgezirkelt“ und „ein bisschen kalt“ (stand so in der „Zeit“). Inzwischen hat sich die Redaktion von NDR-Kultur für ihre Autorin entschuldigt, die der „Welt“ die ihres Autors als nicht so gemeint verteidigt und die der „Zeit“ bislang nicht mal zur Kenntnis genommen, dass die Behauptung, einer betreibe sein Handwerk nur kalt und verstandesmäßig, nicht aber unmittelbar mit dem Herzen, bis in die Wortwahl hinein einst von Richard Wagner aufgestellt wurde in Bezug auf seine Konkurrenten Mendelssohn und Meyerbeer.

          Zum Dirigenten geboren: Kirill Petrenko

          Nun hat das alles mit Musik nichts zu tun. Und es hängt an allen psychologisierenden Behauptungen, die Musik betreffend, stets ein subjektiver Rest. Jeder Konzertgänger, ob er mehr Metallica liebt oder Lang Lang, mehr die alte oder die neue Musik, Klassik oder Jazz, kennt diese Augenblicke der Wahrheit, die sich einstellen an glücklichen Abenden, wenn die Worte versagen, weil das, was Musik sagt, eben nur mit Mitteln der Musik zu sagen ist. Das wusste schon der Komponist und Musikkritiker Robert Schumann (übrigens selbst zu Zeiten antisemitisch eingestellt), der seufzte, dass nirgends der Beweis so unmöglich zu führen sei wie im Musikalischen, und erklärte: „Niemand kann mehr, als er weiß. Niemand weiß mehr, als er kann.“ Was die sich summierenden antisemitischen Affekte in der aktuellen Gerüchteküche rund um Kirill Petrenko zu suchen haben, das ist ein Rätsel. Wieso Petrenko? Wer ist er? Wie wurde er, was er ist?

          Der „Uralstürmer“

          Kirill Petrenko stammt, Sohn eines Geigers und einer Musikwissenschaftlerin, aus einer jüdischen Omsker Familie. Wie viele Dirigenten begann er seine Karriere als Pianist, elfjährig konzertierte er erstmals öffentlich. Mit achtzehn zog er um nach Vorarlberg in Österreich, studierte in Wien, unter anderem bei Uros Lajovic und Semjon Bytschkow, von dem das Bonmot überliefert ist, dieser junge Mann sei der erste geborene Dirigent, der ihm untergekommen sei: „a natural born conductor“. Auch andere erkannten und bestaunten diese außerordentliche Begabung. Schon damals nahm ihn der Agent Michael Lewin unter die Fittiche und schirmte ihn ab, lenkte und beschützte ihn. Er schickte ihn auf die Ochsentour durch die Kapellmeisterprovinz.

          Sechsundzwanzigjährig begann Petrenko an der Wiener Volksoper, zwei Jahre später wurde er Generalmusikdirektor in Meiningen, wo er an vier Abenden hintereinander weg, in vier Premieren einen spektakulären „Ring“ stemmte, einstudiert mit (aus tarifrechtlichen Gründen) zwei verschiedenen Orchestern; von 2002 bis 2007 wirkte er als Generalmusikdirektor an der Komischen Oper in Berlin, wo er das Orchester umkrempelte, woraufhin ihn die Musiker zärtlich den „Uralstürmer“ tauften, weil er so schnell war, so allgegenwärtig, so besessen von den Stücken, so feuerköpfig und zugleich demütig versunken in die Partitur. Seit 2010 ist er Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, wo jede Premiere und jede Repertoireaufführung, die er dirigiert, zu einer Sternstunde wird. Und an allen Häusern, an denen er fest gebunden war, dirigierte er nicht nur Opernrepertoire von Mozart bis Wagner, sondern auch Symphoniekonzerte von Bach bis Sibelius. In der Berliner Zeit waren es sechs Konzertprogramme und insgesamt fünfundsechzig Abende pro Saison. All das kann man nachlesen. Nachhören kann man davon nur wenig.

          Was von der Musik bleibt, ist die Erinnerung

          Denn Petrenko gehört, wie es der britische Musikblogger Norman Lebrecht, der seine enormen Kenntnisse vor allem aus Diskographien bezieht, etwas beleidigt bemerkte, zu einer Generation, für die Schallplattenaufnahmen nicht mehr wichtig sind. Es gibt eine phantastische Aufnahme mit Hans Pfitzners „Palestrina“, aufgenommen mit dem Orchester der Frankfurter Oper 2009. Es gibt drei erstaunlich fetzige Alben mit dem Orchester der Komischen Oper und Orchesterwerken des weithin unbekannten tschechischen Komponisten Josef Suk, aufgenommen 2002 bis 2006. Es gibt Konzertmitschnitte in der Digital Concert Hall mit den Berliner Philharmonikern, mit Werken von Strawinsky, Skrjabin und dem ebenfalls weithin unbekannten Komponisten Rudi Stephan. Das ist alles. Ansonsten muss sich jeder von uns auf seine eignen Ohren verlassen und auf die Erinnerung dessen, was er an Liveperformances erlebt und gehört hat.

          Das ist extrem ungewöhnlich. Das ist Petrenkos Alleinstellungsmerkmal. Ich erinnere mich an eine „Cosí fan tutte“ in Berlin, so flottflexibel und glasscharf akzentuiert, dazu fast vibratolos musiziert, dass dieses kleine und ansonsten so bequem beamtenmäßig organisierte Opernorchester plötzlich von einem freien Spezialensemble für historische Aufführungspraxis nicht mehr zu unterscheiden war. Ich erinnere mich an einen völlig kitsch- und schmalzfreien, idiomatisch präzisen „Eugen Onegin“ in Lyon, getragen von unfassbar poetischen Klangvariationen. Ich erinnere mich an eine einmalige, von innen glühende, saftige Performance von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“, an einen trunkenen „Frau ohne Schatten“-Farbenrausch in München, eine überwältigende, festlich-statische Psalmensymphonie, wiederum in Berlin, an spitzfedernde, fein geklöppelte Operettenschlager, bei denen es dem Publikum fast unmöglich war, still sitzen zu bleiben; einen sehr deutschdröhnenden, zartbitteren Brahms, mozärtlich leichten Beethoven, und an einen luziden, durchsichtigen, schwebenden Wagnerton am Ende der „Götterdämmerung“, der in Bayreuth nicht aus dem Graben zu kommen schien, sondern einfach in der Luft lag. Das sind einige meiner Erinnerungen. Machen Sie demnächst Ihre eigenen.

          Heute ist Kirill Petrenko dreiundvierzig Jahre alt. Ein noch sehr junger Dirigent, mit allen Möglichkeiten. Und ob er nun 2018 nach Berlin kommt, um die Berliner Philharmoniker zu übernehmen oder erst 2020, wenn sein Vertrag in München ausläuft, spielt keine große Rolle, denn die Berliner Philharmoniker sind ein Orchester mit hoher Schwarmintelligenz, das, wie es die Wiener Philharmoniker auch tun, ruhig eine Weile alleine zurechtkommen kann, ohne dass der Himmel einstürzt.

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