https://www.faz.net/-gqz-85uce

Kirill Petrenko : Als Dirigent geboren

  • -Aktualisiert am

Kirill Petrenko dirigiert bei den Festspielen von Bregenz. Bild: Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis

Die Berliner Philharmoniker haben Kirill Petrenko zum neuen Chef gewählt, in Bayreuth dirigiert er den „Ring des Nibelungen“. Den deutschen Kritikern ist er aber wohl nicht deutsch genug. Wer also ist Petrenko, und was kann er wirklich?

          6 Min.

          Sicher hat das mit der Jahreszeit zu tun. So wie im Herbst die Blätter fallen, wie im Februar immer wieder neue kölsche Jecken nachwachsen, so sprießen von Mai bis Juni plötzlich alle möglichen Gerüchte in der Welt der sogenannten klassischen Musik. Die Sommerpause kündigt sich an. Die Festspielzeit beginnt.

          „Gala“, „Bunte“, „Bild“, sogar die „Tagesschau“ entdecken in diesen Tagen Oper und Konzert als ein möglicherweise mehrheitsfähiges Thema. Und wir Musikfeuilletonisten rücken unserem Kerngeschäft, den Sängern und Musikern, die wir sonst doch eher höflich auf Händen tragen, etwas dichter auf die private Pelle und bewerfen den einen oder die andere mit Matsch, Klatsch, Tratsch. Das Beste, was man über diese Phase sagen kann, ist: Sie geht vorbei. Manchmal kann es aber zu Entgleisungen kommen, zu bleibenden Verletzungen.

          Stigmata umgehen

          Ein Beispiel: Der russische Bass-Bariton Jewgeni Nikitin, der vor drei Jahren bei den Bayreuther Festspielen mit der Titelpartie des fliegenden Holländers zur Karriere durchstarten sollte, hat sich von dem Rummel um das übertätowierte Hakenkreuz, das er sich mit sechzehn, als Rockmusiker, hatte stechen lassen, bis heute nicht erholt. Nur in Petersburg gibt man ihm noch große Rollen. Mit seiner Stimme hat das nichts zu tun. Es ging aber bei diesem Fall nie darum, den geschichtslosen Missbrauch von Nazi-Symbolik in der Jugendkultur Osteuropas zu bagatellisieren. Sondern: Es ging um die mediale Notschlachtung eines Sängers.

          Immer wieder kreist um Komponist Richard Wagner das Stigma des Nationalsozialisten.

          Eines der Stigmata, mit denen die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele, die mit Katharina Wagners Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ am Samstag eröffnet wurden, jedes Jahr wieder neu umgehen werden müssen, lautet: Wagner war Nazi. Jeder weiß natürlich: Das war er nicht. Richard Wagner war ein erklärter Antisemit, wie andere Komponisten im neunzehnten Jahrhundert auch. Etliche aus Wagners Nachkommenschaft standen mit Hitler auf Duzfuß, aber da war der Komponist schon lange tot. Und doch verselbständigt sich der Reflex einer schuldhaften Gleichsetzung von Musik mit Gesinnung bei Wagner immer wieder aufs Neue. Und nur im Falle Wagner taucht dieser Reflex in gespenstischer Regelmäßigkeit immer wieder auf, und zwar in den sonderbarsten kontrapunktischen Erscheinungsformen.

          Die üblichen Wagnerrezeptionsreflexe

          Diesmal sind zwei große, großartige Wagner-Dirigenten betroffen: Christian Thielemann, der die „Tristan“-Premiere übernommen hat und kürzlich zum Bayreuther Musikdirektor ernannt wurde. Und Kirill Petrenko, der zum dritten und auf nicht absehbare Zeit letzten Mal in Bayreuth am Pult stehen wird bei allen zwölf Abenden des „Rings des Nibelungen“. Beide Dirigenten wurden in der Öffentlichkeit in den letzten Monaten auch als heiße Kandidaten gehandelt für die Chefdirigentenposition der Berliner Philharmoniker, die ihre Wahl, wie 1989 erstmals erprobt, als es um die Nachfolge Karajans ging, hinter verschlossenen Türen und unter strikter Geheimhaltung durchziehen wollten.

          Er verlor die Wahl gegen Petrenko: Dirigent Christian Thielemann

          Diese Türen wurden tüchtig mit Matsch, Klatsch, Gerede und Gerüchten beworfen, und auch die Geheimhaltung glückte nur zum Teil, was kein Wunder ist, wenn 123 Musiker daran beteiligt sind. Wer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker werden wird, das ist schließlich eine Prestigefrage, die auch Nichtmusikinteressierte interessiert. Als Kirill Petrenko dann im zweiten Wahlgang das Rennen machte, wunderten sich alle, die diesen Dirigenten vorher für sich schon aussortiert hatten, sehr. Und in dieser Situation, sie ist gerade drei Wochen her, tauchten überraschend die üblichen Wagnerrezeptionsreflexe auf, Fähigkeiten und Person, Familienangelegenheiten und Herzensangelegenheiten Petrenkos betreffend, nur diesmal gespenstischerweise umgedreht: nicht die Hakenkreuznähe wurde ihm angekreidet, sondern die Nase.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.