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Dirigent Teodor Currentzis : Wir Terroristen haben wenigstens Mumm

Teodor Currentzis verlangt bei der Probe Folgsamkeit ohne Fragen. Bild: Imago

Der Dirigent Teodor Currentzis verdreht der Musikwelt gerade den Kopf. Sein Rebellentum ist genau kalkuliert. Jetzt posiert er mit einer Neueinspielung von Mozarts „Don Giovanni“.

          Marktschreier, die heute Kunst an den Mann oder an die Frau bringen müssen, heißen inzwischen „Rebellen“. Worte wie „Querdenker“, „Grenzgänger“ oder „Tabubrecher“ gehören zum Standardvokabular der Verkaufsgespräche. Und niemand verhält sich beim Anbiedern so regelkonform wie der „Außenseiter“.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der aus Griechenland stammende, in Russland lebende, mittlerweile vierundvierzigjährige Dirigent Teodor Currentzis ist gegenwärtig einer der brillantesten Virtuosen darin, Marktgängigkeit zu Widerständigkeit umzumünzen. Alles an ihm ist Pose: sein Auftreten, sein Musizierstil, seine Interviews. Wenn er beim Dirigieren durchs Orchester geht und die Musiker beinahe anrempelt, dann schindet er Eindruck bei den leicht Verführbaren, die das für gefühlsechten Ausdruck im kalten Klassikbetrieb halten. Metierkenner allerdings wissen, dass es sich hierbei um choreographierte Hörbefehle handelt, nicht um professionelle Spielanweisungen.

          Auch das Foto, mit dem er sich im Beiheft seiner neuen CD-Einspielung von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Don Giovanni“ präsentiert, ist nichts anderes als ein Mittel des Markenbrandings: In Lederjacke, Pulli, Jeans und Schal sitzt Currentzis auf dem Stuhl einer Künstlergarderobe, übernächtigt, schlapp, die Augen zu, die Hand vorm Gesicht, offenbar verkatert vom Genuss chemischer Stimulanzien. „Der lebt sein Leben wild und gefährlich“, will das Bild sagen, „und auch die Kunst, die er macht, ist so.“ Im Interview des Beihefts erklärt er, die Figur des Don Giovanni sei „ein Terrorist“. Und weiter: „Sicher ist, dass Don Giovanni ein Mann ist, der tut, wozu andern der Mumm fehlt.“ So reden Macker unter sich.

          Ich bin der Radikalste

          Currentzis, der jetzt mit „Don Giovanni“ die Trilogie der Mozart-Opern nach Libretti von Lorenzo da Ponte vervollständigt (drei CDs bei Sony Classical), ließ bislang keine Gelegenheit aus, sich selbst zu bescheinigen, er sei der radikalste und schonungsloseste aller Interpreten. Im Kommentar zu „Così fan tutte“ pestete er gegen die „Hochglanz-Plattitüden“ der EMI-Aufnahmen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Im Beiheft zu „Le nozze di Figaro“ leistete sich das Label Sony den Luxus, in allen drei Sprachen des Kommentarinterviews jeweils eine Seite für den Partiturabdruck des Anfangs von Figaros Arie „Non più andrai“ zu opfern. Currentzis nämlich behauptet, nur bei ihm würde man die scharfe Punktierung der ersten Violinen und der Gesangsstimme hören, in der sich die Grausamkeit des Entschlusses zeige, den Pagen Cherubino zum Militär zu schicken. Und bei „Don Giovanni“ denunziert er den italienischen Belcanto als Geschmacksverderber Mozartscher Kunst.

          Was ist von alledem zu halten? So faselt ein Schwadroneur, der mit ahnungslosen Hörern rechnet! Die Geschichte der Mozart-Interpretation blieb nicht in den sechziger Jahren stehen. All das Erschreckende, Verstörende, alle Gipfel der Lust und Schlünde der Verzweiflung haben wir durch Nikolaus Harnoncourt oder René Jacobs bereits entdecken können, dank gewissenhafterer Quellenarbeit, als Currentzis sie je geleistet hat. Der Militarismus jener „Figaro“-Szene gehört zu den Standards der Regie, von Sängern und Orchestern entschieden bekräftigt. Und der Belcanto ist zu Mozart nicht in Opposition zu bringen, da Mozart selbst belcantistisch schrieb und die Tradition - gesangstechnisch wie kompositorisch - älter ist als er; geprägt wurde sie von Nicola Porpora und Johann Adolph Hasse.

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