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Dirigent Teodor Currentzis : Wir Terroristen haben wenigstens Mumm

Trotz alledem macht Currentzis mit seinem Ensemble Musicaeterna, das ihm folgt wie eine Sekte dem Führer, Karriere. In der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ ist er jüngst zum „Dirigenten des Jahres“ gewählt worden. Wie kann so etwas passieren?

Zum einen, weil Currentzis eine leidenschaftliche, hochsensible Musikalität mitbringt. In der Aufnahme des „Don Giovanni“ zeigt sie sich besonders in der innigen Hochspannung der Accompagnato-Rezitative. Wenn etwa Donna Anna ihren Verlobten Don Ottavio im ersten Akt zur Rache aufruft, erzeugt Currentzis durch Timing und Orchesterklang einen stillen, aber ungeheuren Druck der Intimität, eine unentrinnbare Enge emotionaler Erpressung. Auch das Accompagnato der Donna Elvira, die von Karina Gauvin mit Glut, Glanz und geschmeidiger Technik gesungen wird, lotet vor dem Finale des zweiten Akts die Abgründe des Todes aus, vor die sie sich gestellt sieht. Der Tiefensog ist unheimlich.

Gossendreck-Plattitüde

Wer Currentzis, zumal nach der wunderbaren „Jolanta“ von Peter Tschaikowsky in Madrid (auf DVD zu besichtigen) oder dem „Macbeth“ in Zürich, jegliche Begabung fürs Dirigieren abspricht, muss taub sein. Wer ihn für einen Messias und genialen Erneuerer hält, allerdings auch.

Ein explosiver, schartiger Orchesterklang bei Mozart ist seit gut dreißig Jahren keine Neuigkeit mehr. Hier bei Currentzis, in der Ouvertüre, wird er zu einer Gossendreck-Plattitüde, denn die Artikulation der Streicher im Molto allegro verwischt klanglich alle Unterschiede zwischen Keilen und Bögen in Mozarts Notation. Die Tempi sind oft völlig überdreht, das Geplapper Leporellos zum Beispiel - was Vito Priante gleichwohl virtuos bewältigt - kann man sprachlich nicht mehr verstehen.

In den Ensembles und Chören führt diese Raserei dazu, dass die Musik ums Leben kommt: Man hört nur noch zackig rumsende Akzente auf betonten Taktteilen, statt sinnerfüllter Klangrede nur atemloses Maschinengeratter. Dabei ist Dimitris Tiliakos als Don Giovanni in den Momenten zärtlicher Verführung ganz auf der Höhe der Partie. Wie er im ersten Akt Zerlina, die von Christina Gansch mit Charme, Süße und Berechnung gesungen wird, herumzukriegen sucht, das hat, im Rezitativ wie im Duett, Raffinesse. Nur bekommt der Sänger wegen Currentzis zu selten Gelegenheit dazu.

Streckgymnastik der Stimmen

Völlig widersinnig ist es gar, wenn Gansch als Zerlina oder Myrtò Papatanasiu als Donna Anna in freien Kadenzen den Ambitus ihrer Arien weit über Mozarts Rahmen ausdehnen, weil sie offenbar nur durch solche Streckgymnastik Ausdruck suggerieren können. Zerlina spreizt sich in „Vedrai, carino“ sogar bis zum hohen C. Der Hammerflügel, in den Rezitativen reaktionsschnell und wunderbar frei von Benoît Hartoin und Maxim Emelyanychev gespielt, tritt auch in den Ensembles und Arien hervor und geht nicht selten parallel mit Flöten und Geigen, setzt sich figurativ, fast konzertant in Szene: vorwitzig, neunmalklug, eitel.

Kenneth Tarver als Don Ottavio könnte durch die kehlige Wärme und die nuancenreiche Dynamik seines Tenors noch mehr bezaubern, wenn Currentzis in der Arie „Il mio tesoro“ aus dem Andante alla breve nicht ein Allegro und aus dem Grazioso nicht ein Agitato machen würde.

Immerfort wird in diesem Orchester gekratzt, gepeitscht, geknallt. Die schlaffe Pose des Dirigenten auf dem Foto hat am Ende etwas unerwartet Aufrichtiges: Man sieht einen Musiker, der im Überbietungswettkampf ausgebrannt ist; Ödnis und Langeweile lauern hinter seiner unersättlichen Gier nach dem noch geileren Kick. Von solcher Leere erzählt auch diese neue Aufnahme.

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