https://www.faz.net/-gqz-9qwqn

Dirigent Christoph von Dohnányi : Kühler Kopf, weite Sicht

  • -Aktualisiert am

Christoph von Dohnányi dirigiert im August 2004 das NDR-Symphonieorchester Bild: dpa

Er ist einer der herausragenden deutschen Dirigenten. Ein Star wollte er nie sein. An diesem Sonntag wird Christoph von Dohnányi neunzig Jahre alt.

          3 Min.

          Nachdem Christoph von Dohnányi am 17. September 1977 an der Hamburgischen Staatsoper seine erste Vorstellung als Chefdirigent geleitet hatte – Giuseppe Verdis „Un ballo in maschera“ mit Plácido Domingo –, lobte ein Mitglied aus dem Kreis der Förderer den gelungenen Einstand und fügte mit hanseatischem Überlegenheitsgefühl hinzu, dass Verdi-Aufführungen folgen mögen, die „noch mehr unter die Haut gehen“. Der Dirigent lächelte kühl und fragte, ob das vielleicht auch „eine Frage der Haut sein könnte“. Anders als viele leicht erregbare Kollegen war der Bruder des Politikers Klaus von Dohnányi immer in der Lage, in der Hitze des Gefechts seine Gedanken auf Eis zu legen; und welche bedeutende Karriere hätte sich je im warmen Klima von eitel Harmonie vollzogen?

          Christoph von Dohnányi wurde in Berlin als Sohn des Juristen Hans von Dohnányi und seiner aus der Bonhoeffer-Familie stammenden Frau Christine geboren. Das Studium von Komposition, Klavier und Dirigieren an der Münchner Hochschule für Musik, abgeschlossen mit der Auszeichnung des Richard-Strauss-Preises, setzte er an der Florida State University fort – bei seinem Großvater Ernst von Dohnányi, der, gleich Béla Bartók und Zoltán Kodály, zum Pantheon der ungarischen Komponisten gehörte. Einladungen in die Vereinigten Staaten durch Leonard Bernstein, an dessen Institut in Tanglewood er bei Seymour Lipkin studiert hatte, schlug er aus. 1953 wurde er mit 24 Jahren Assistent von Georg Solti an der Frankfurter Oper, deren Leitung er 1968 übernehmen sollte. In der Zeit davor hatte er mit 27 Jahren als jüngster Generalmusikdirektor die Leitung der Oper Lübeck, danach die der Oper Kassel und zwischen 1964 und 1969 die des Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchesters übernommen. 1965 dirigierte er in Berlin die Uraufführung von Hans Werner Henzes „Der junge Lord“, ein Jahr später in Salzburg die der „Bassariden“.

          Die Frankfurter Oper, bei seinem Antritt ein „Trümmerhaufen“ (so Kulturdezernent Hilmar Hoffmann), wurde unter seiner Leitung zum Zentrum eines experimentierfreudigen Musiktheaters, das ideale Spielfeld für Regisseure wie Achim Freyer, Hans Neuenfels, Peter Mussbach und Jürgen Flimm. Damals kam John Neumeier als Ballettchef nach Frankfurt, zugleich hatte Dohnányi mit dem Engagement von Sängerinnen wie Agnes Baltsa, Ileana Cotrubaş, Lilian Sukis und Júlia Várady eine glückliche Hand. Bei der Planung des Repertoires folgte er der Maxime, dass ein Dirigent oder ein Intendant, der sich nur auf den „Erfolgssessel setzt, verantwortungslos handelt“. Er kam zu dem „schlechten Ruf“, sich für die Musik der Zweiten Wiener Schule einzusetzen.

          Weiterhin regelmäßig zu Gast

          Seine Zeit an der Hamburger Staatsoper, verbunden mit der Leitung des Philharmonischen Staatsorchesters, brachte viele bedeutende Erfolge ebenso wie leidige Dissonanzen mit dem Orchester, dem der Ehrgeiz des gleichfalls von Dohnányi geleiteten Cleveland Orchestra – „second to none“ zu sein – fremd war. Die Leitung des durch George Szell berühmt gewordenen Orchesters zu übernehmen war die Erfüllung des Traums eines vom Opernbetrieb genervten Dirigenten. Als sein Name vor den Proben zu seinem Debütkonzert am 1. Dezember 1981 den Musikern genannt wurde, fragten sie: „Christoph von . . .Who?“ Dann fanden sie in ihm einen Dirigenten, der sich „mit der Tradition des Orchesters, insbesondere mit dem strengen Arbeitsethos“ identifizierte.

          Das Orchester hat er zwischen 1984 und 2002 nicht nur mit Erfolg geleitet, sondern auch mit der Weitsicht eines unvergleichlichen Programmplaners. Er engagierte Gastdirigenten, um wenig gespielte Werke aufzuführen, und holte Pierre Boulez nach vierzehnjähriger Abwesenheit nach Cleveland zurück. Als Gerard Mortier, zuvor Dohnányis Assistent in Frankfurt und Hamburg, die Leitung der Salzburger Festspiele übernahm, kündigte er die Zusammenarbeit des Festivals mit dem Cleveland Orchestra an. Die Aufführung von Richard Strauss’ „Salome“ (Regie: Luc Bondy) wurde auch für den zunächst salzburgisch-zynisch angefeindeten Mortier zum entscheidenden Erfolg. Viele CD-Aufnahmen zeigen, dass Dohnányi das spieltechnische Niveau des Orchesters, das reflexartig auf die Arbeit unter George Szell zurückgeführt wird, gesteigert hat. „Aber wenn uns ein besonders gutes Konzert gelungen ist“, sagte er ohne Bitterkeit, „wird George Szell gerühmt.“

          Seit 1997 war Dohnányi zehn Jahre lang Principal Conductor des Londones Philharmonic Orchestra, von 1998 bis 2000 Leiter des Orchestre de Paris, von 2004 bis 2010 des NDR Sinfonieorchesters – und weiterhin ist er regelmäßig zu Gast in New York, Boston, Chicago, Philadelphia, Los Angeles, Washington oder Berlin. An diesem Sonntag wird einer der herausragenden deutschen Dirigenten, der nie ein Star sein wollte, neunzig Jahre alt. In Hamburg soll seine Arbeit fortgesetzt werden: durch den neuen Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters Alan Gilbert, der in Cleveland sein Assistent war.

          Weitere Themen

          Was für eine großartige Geschichte!

          Juan Moreno beim „Spiegel“ : Was für eine großartige Geschichte!

          Der Reporter Juan Moreno hat den Relotius-Skandal beim „Spiegel“ aufgedeckt. Davon handelt sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Auf der Buchmesse spricht er auch am „Spiegel“-Stand. Wie er dort befragt wird, ist ziemlich bizarr.

          Topmeldungen

          Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung im Lake Charles Civic Center.

          Amerika : Vereinzelte Republikaner wenden sich gegen Trump

          Einzelne Republikaner erwägen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu unterstützen. Die Mehrheit steht nach wie vor hinter ihrem Präsidenten und will das auch mit einer offiziellen Abstimmung bestätigen.
          Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

          Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

          Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.