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Christian Gerhaher im Gespräch : Vom Podium sehe ich weder Silbersee noch Glatzenmeer

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Christian Gerhaher im Münchner Nationaltheater: In unmittelbarer Nachbarschaft, im Apothekenhof der Residenz, stellt er sich den neuen Konzertsaal vor. Aus dem Stadtschloss der Wittelsbacher würde ein Louvre der darstellenden Künste. Bild: Bastian Fischer - www.bastianfis

Wo soll der Münchner Konzertsaal hin? Der weltweit angesehene Bariton Christian Gerhaher fordert einen Bau in der Innenstadt. Er warnt vor Kulturpessimismus und nimmt den Staat in die Pflicht.

          Sie schlagen vor, den Konzertsaal im Apothekenhof der Residenz zu errichten, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Herkulessaal. Ist dort überhaupt genug Platz?

          Der Apothekenhof ist mit 5000 Quadratmetern so groß, dass der Herkulessaal viermal hineinpassen würde. Und dabei hat der Herkulessaal, gemessen an seinen nur knapp 1300 Sitzplätzen, einen ziemlich großen Grundriss, weil er nur einen Balkon hat. Man könnte also einen Saal mit dem Umriss des Konzert- und Kongresshauses Luzern leicht in die Mitte des Hofes stellen, ohne den Hof als Hof zum Verschwinden zu bringen.

          Das unveröffentlichte erste Gutachten aus dem Büro Speer moniert dem Vernehmen nach, dass es am Raum für Foyer, Garderoben und das übrige räumliche Beiwerk fehle.

          Diese Rechnung blendet aus, dass beim Apothekenhof wesentliche Bestandteile einer Konzertsaal-Infrastruktur schon vorhanden sind. Die Gutachter haben so getan, als gäbe es den Herkulessaal und den Max-Joseph-Saal nicht. Ich bin aber zuversichtlich, dass in dem nun zu erwartenden zweiten Gutachten des Büros Speer die Informationsgrundlage eine ganz andere sein wird.

          Was sagen Sie zu den denkmalpflegerischen Bedenken, die Kunstminister Spaenle gegenüber dieser Zeitung angedeutet hat?

          Der Hof selbst steht nicht unter Denkmalschutz, die Residenz natürlich schon. Durch einen filigranen Bau in der Mitte des Apothekenhofes und eine Überdachung des restlichen Hofes zu dessen Klimatisierung würden die Residenzgebäude aber nicht substantiell angegriffen. Im Osten des Hofes sind Teile der Fundamente der Neuveste erhalten, des Renaissance-Schlosses der Wittelsbacher, das Leo von Klenze im Zuge der Umgestaltung des Hofes schleifen ließ. Der Saal müsste diese Bodendenkmäler nicht beschädigen. Im Gegenteil: Man könnte sie schützen und sogar neu zugänglich machen. Ein Saal in der gewünschten Größe von 1900 Plätzen würde sie nicht berühren müssen.

          Wie begegnen Sie dem Einwand, Sie wollten in einem nicht für Konzerte gedachten Raum eine Lösung erzwingen?

          Manche Leute scheinen gar nicht zu wissen, dass unser Plan einer Umwidmung durch Überdachung in der westlichen Hemisphäre keineswegs ohne prominente Beispiele dasteht. Das Britische Museum ist das Idealbeispiel: Dort steht in der Mitte der alte Lesesaal, und der Hof darum herum ist sogar historischer Gebäude entledigt worden, bevor die Überdachung entstand. Um den Lesesaal ist auf diese Weise ein phantastischer Raum entstanden, der die Innenfassaden des Hofes vollkommen zur Geltung kommen lässt, ohne sie zu gefährden. Im Louvre gibt es mittlerweile fünf überdachte Höfe, dort wurde sogar der Boden einer Neunutzung unterzogen, es entstanden dort, nehmen Sie als Beispiel die Cour Marly, zum Teil völlig neue Bodenprofile. Ich möchte hier die ehrliche Sorge verschiedener Bürger und Kenner der Münchner Residenz nicht einfach ignorieren, denn natürlich gibt es bei der Nutzungsentwicklung historischer Gebäudekomplexe Grenzen und Tabus. Aber auch hier ist ein pluralistischer Konsens ein Prozess, der nicht von vornherein ausgeschlossen werden darf, wie ja auch versucht wurde, dem Kunsthistoriker Florian Schröter und mir wegen mangelnder Kompetenz und Zuständigkeit in dieser Sache den Mund zu verbieten. Ich möchte vielmehr daran erinnern, dass der Umbau des Pariser Louvres seinerzeit auch erhebliche denkmalschützerische Kontroversen hervorrief. Das Ergebnis aber ist in seiner Seriosität und seinem kulturellen Gewinn heute doch ziemlich unumstritten.

          Welche Folgen hätte ein Neubau im Apothekenhof für den Herkulessaal?

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