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Denkmalschutz : Ein barbarischer Akt

  • -Aktualisiert am

Bonns Beethovenhalle wird fünfzig. Sie bewährt sich immer neu und soll dennoch abgerissen werden. Die Befürworter des an dieser Stelle geplanten „Festspielhauses“ reden das Bauwerk schlecht und ignorieren seine historische Bedeutung für die Stadt.

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          Sie ist das bedeutendste Nachkriegsbauwerk der Stadt Bonn. In ihren Mauern steckt ein halbes Jahrhundert städtischer Musikkultur, und in der Geschichte der Bundesrepublik spielt sie eine bedeutende Rolle: Von 1974 bis 1989 war sie Ort der Bundesversammlung, also Wahlort der Bundespräsidenten. Theodor Heuss legte den Grundstein, stand dem Gründungskuratorium vor und weihte sie am 8. September 1959 ein - es war sein letzter öffentlicher Auftritt als Bundespräsident.

          Ihre Errichtung ging auf eine Initiative Bonner Bürger zurück, die sich im „Stifterverband Beethovenhalle“ zusammengeschlossen hatten, und war zugleich ein Ereignis von internationalem Rang; selbst in New York wurde zu ihrer Finanzierung eine Beethoven-Woche abgehalten. „New York Times“ und „New York Herald Tribune“ berichteten über ihre Eröffnung. Die deutsche Presse bewunderte den Mut der Stadt zu moderner Architektur; in der Wettbewerbs-Jury hatten sich Otto Bartning und Paul Bonatz mit ihrer Ansicht durchgesetzt, man müsse neuen Ideen die Tore öffnen. So durfte der erst dreißigjährige Architekt Siegfried Wolske (1925 bis 2005) sich daranmachen, sein kühnes Erstlingswerk zu bauen.

          Karl Korn würdigte die Entscheidung in dieser Zeitung am 29. August 1959: „Dass man aufgrund eines Wettbewerbs einen so jungen, also noch unerfahrenen Architekten an diese enorme Aufgabe herangelassen hat, scheint uns ein glückliches Zeichen für Initiative und Mut.“

          Markant, ohne aufdringlich zu sein

          Mit seiner Kuppel und seinen asymmetrisch um die Festhalle gelagerten Foyers und Nebenräumen ist Wolskes Werk ein gelungenes Beispiel organischen Bauens. Die Beethovenhalle prägt die Rheinsilhouette der Stadt und fügt sich zugleich in sie ein. Die sanft schwingende Kuppel ist markant, ohne aufdringlich zu sein. Weit öffnen sich die rheinseits gelegenen Räume zum Fluss. Ihre wasserblaue Kachelung ist ein munterer Gruß an den Strom.

          Auf ihrer Stadtseite empfängt die Beethovenhalle den Besucher mit offenen Armen: Zwischen dem langgezogenen Eingangstrakt und dem Hauptkorpus erstreckt sich ein - gegenwärtig leider verbarrikadierter - Park. Hinter dem Haupteingang erschließt sich der Sinn der Architektur in drei Schritten: Auf die kleine, vergleichsweise dunkle Kassenhalle folgt, einige Stufen tiefer, der lange, lichtdurchflutete Garderobentrakt. Er mündet in das festliche Hauptfoyer.

          Nichts an der Halle ist symmetrisch

          In voller Höhe öffnet sich dieses mit einer großen Glasfront zum Park. Zwei Freitreppen führen zu einer säulengestützten Galerie, die die Emporen des Saals erschließt. Hier wie im sogenannten Großen Raucherfoyer zur Linken des Saals arbeitet Wolske mit einer stark sich verjüngenden Perspektive. Mit großer Geste wölbt sich im Hauptfoyer die vierundzwanzig Meter lange Außenwand des Großen Saals, die der Kölner Maler Joseph Fassbender in freier, schwarz-goldener Abstraktion gestaltet hat.

          Nähert man sich den Saaltüren, hat die Wölbung einen dramatischen Effekt: Das Foyer macht sich klein; tritt man durch die Saaltür hindurch, ist plötzlich alles hoch und weit. Die gewölbte Saaldecke mit ihren eingelassenen Strahlern erinnerte einen Architekturkritiker der Erbauungszeit gar an Beethovens Neunte: „Brüder, über'm Sternenzelt . . .“

          Nichts an dieser Halle ist symmetrisch: Wie Kiemen öffnen die Seiteneingänge den Saal zu den Foyers. Die hintere Empore, die in einem links seitlich verlaufenden, schmalen Rang eine elegante Fortsetzung findet, ist durch zwei Freitreppen mit dem Parkett verbunden.

          Dies ist ein Saal, in dem jeder zu jedem gelangen kann. Die Bühne ist ein wenig schräg gelagert, die Orgel, deren von Wolske entworfener Prospekt raffiniert mit verschiedenen Pfeifenmaterialien spielt, bringt sich von links ins Spiel. Auf die Akustik hat man bei der Erbauung der Beethovenhalle viel experimentelle Geduld verwendet.

          Man redet das Bauwerk schlecht

          Das Ergebnis ist hoch achtbar: Auf den meisten Plätzen hört man gut bis sehr gut, einzig ganz rechts und ganz vorne verfehlen Teile des Klangs das Publikum. Aber in welchem Saal der Welt - den ewigen Referenzbau Wiener Musikverein einmal ausgenommen - gäbe es nicht tote Ecken? Selbst in der Kölner Philharmonie bekommen am Rande Sitzende die an der Rampe stehenden Solisten kaum mit.

          Das ist in der Beethovenhalle anders: Der Klang eines großen Orchesters und der Solisten mischt sich zu einem homogenen Ganzen. Bei Klavierabenden zeigt sich, dass auch ein einzelnes Instrument den Raum insgesamt zum Schwingen bringt.

          Die architektonische Qualität der Beethovenhalle hat am eindrücklichsten Richard Biedrzynski in der „Stuttgarter Zeitung“ vom 3. September 1959 beschrieben: „Der Bau in Bonn hat etwas von jener Schlichtheit, die nichts übertreibt und nichts untertreibt. Er hält Maß, und es ist schon heute sicher, daß er der provisorischen Bundeshauptstadt einen Akzent gibt, der über den Tag hinaus wirken wird, wenn Bonn nicht mehr Bundeshauptstadt sein sollte.“

          Heute soll dieser Bau nichts mehr wert sein. Die drei in Bonn vertretenen Dax-Unternehmen Post, Postbank und Telekom wollen an der Stelle der Beethovenhalle ein „Beethoven-Festspielhaus“ errichten. Um den keineswegs zwingenden Standort zu rechtfertigen, redet man das bestehende Bauwerk schlecht: Langweilige Architektur sei das, piefig und provinziell, außerdem handele es sich um einen Mehrzweckbau mit miserabler Akustik. Also weg damit. Dass die Beethovenhalle unter Denkmalschutz steht, wen kümmert das schon.

          Ein Abriss wäre ein barbarischer Akt

          Die Rede von der angeblich miserablen Akustik der Beethovenhalle ist Propaganda. Mag sein, dass manche, geschult am CD-Klang, eine sahnigere Akustik schöner finden. Und wie jede Architektur ist auch die der Beethovenhalle zeitgebunden. Um sie ganz zu verstehen, braucht es die Fähigkeit zur historischen Einordnung und ein offenes Auge und Ohr.

          Dass die Halle ein Multifunktionsbau ist, spricht nicht gegen sie: Die Bonner brauchen einen Raum, in dem sie feiern und tagen können. Erst 1997 hatte man die Halle nach mehrjähriger, denkmalgerechter Sanierung und Erweiterung, die unter der Leitung Siegfried Wolskes erfolgte, wieder eingeweiht. Sie wird seitdem für Konzerte, Tagungen und Feste genutzt. Dass man sie variabel mit eintausend bis zweitausend Plätzen bestuhlen kann, ist ein großer Vorteil.

          Das geplante neue „Festspielhaus“, ausschließlich für Konzerte bestimmt, kann all das nicht ersetzen. Warum man es ausgerechnet an die Stelle der Beethovenhalle setzen will, bleibt unerfindlich: Denn ihr Standort zwischen Zahnklinik und Stadtwerken ist ihr einziger Nachteil, wird als entlegen wahrgenommen.

          Ein „Festspielhaus“ mag - ein durchdachtes Nutzungskonzept vorausgesetzt - Bonn bereichern. Ein Abriss der Beethovenhalle zu seinen Gunsten aber wäre ein barbarischer Akt. Auch die Kölner haben den Gürzenich nicht abgerissen, als sie ihre Philharmonie erbauten.

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