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Keith Jarrett zum Siebzigsten : Alles für den musikalischen Augenblick

  • -Aktualisiert am

Ganz in seinem Element: Keith Jarrett 1999 in Kopenhagen. Bild: JazzSign/Lebrecht Music

Kein anderer Künstler beherrscht die freie Improvisationskunst heute so wie er. Seit über vierzig Jahren komponiert, improvisiert und interpretiert er sozusagen nur noch für sich selbst. Dem Pianisten Keith Jarrett zum Siebzigsten.

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          Im Jahr 1972 gab der große kanadische Pianist Glenn Gould ein Interview. Sein Gesprächspartner war er selbst. Aus gutem Grund. Er wollte, wenn ihm schon das Wort im Munde herumgedreht wird, wenigstens derjenige sein, der das tut. Interviews mit sich selbst zu führen, auf so eine Idee hätte auch der scheue amerikanische Pianist Keith Jarrett kommen können, der mit seinem frühverstorbenen Kollegen aus Toronto mehr als eine bizarre Verhaltensweise teilt. Pianisten von Rang sind häufig Mimosen von verletzlicher Sensibilität, die sich mit seltsamen Aktionen und neurotischen Verschrobenheiten über den Dauerstress des Konzerts zu erheben versuchen. Glenn Gould zog die Konsequenz aus der permanenten Hochleistungsdisziplin, mied den öffentlichen Auftritt und musizierte von seinem zweiunddreißigsten Lebensjahr an nur noch im Studio.

          Keith Jarrett tat das Gegenteil. Nach der Überwindung einer schweren Krankheit - chronisches Erschöpfungssyndrom - ist er seit Ende der neunziger Jahre, von einer Duo-Aufnahme mit dem Bassisten Charlie Haden abgesehen, nicht mehr zu Einspielungen ins Studio gegangen, nicht einmal in das eigene in seinem Haus in Oxford, New Jersey. Seine Konzerte aber wurden mehr und mehr umrankt von einem Verweigerungsritual, das wiederum auch Glenn Gould hätte kultivieren können: keine Fotos; kein Husten; keine Unkonzentriertheit; totale Fixierung auf den musikalischen Augenblick. Es ist gleichwohl ein marginales Phänomen, das von der Musik nicht ablenken sollte, einer freien Improvisationskunst, die kein anderer Künstler heute so beherrscht wie er und die den Kosmos historischer Jazz-Stile vom Ragtime bis zum Free Jazz und die harmonisch-melodische Ausdrucksskala wie den Formenkanon von John Dowland bis zu John Cage einschließt.

          Der kreative Improvisator

          Wenn man die Laufbahn von Keith Jarrett überblickt, wird man feststellen, dass sie von einer bemerkenswerten Konsequenz ist, auch wenn Jarrett sein Publikum immer wieder mit außergewöhnlichen Aktionen in Erstaunen versetzt. Offenbar wusste das Wunderkind mit absolutem Gehör von Beginn an, wohin sein Weg führen sollte. Jedenfalls nicht in die Untiefen von Cocktail-Bars, wo er als Teenager in Boston kurzzeitig das Überleben als Musiker erprobte, sondern in die parnassische Höhe der Carnegie Hall, die bis heute regelmäßig ausverkauft ist, wenn er im Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette oder solistisch mit Jazz-Improvisationen und klassischen Kompositionen auftritt.

          Was für ein Leben doch schon hinter ihm liegt: Keith Jarrett 2006 auf einem Konzert in Madrid
          Was für ein Leben doch schon hinter ihm liegt: Keith Jarrett 2006 auf einem Konzert in Madrid : Bild: dpa

          Als er 1988 das erste Buch des Wohltemperierten Klaviers von Bach herausbrachte, war nur jener Teil der Öffentlichkeit überrascht, an dem die frühe klassische Karriere Jarretts spurlos vorübergegangen war. Mit sieben Jahren hatte er sein erstes Recital unter anderem mit Bach, Beethoven und Schumann gegeben, danach mit seinem drei Jahre jüngeren, Geige spielenden Bruder Eric ein erstaunliches Wunderkind-Duo gebildet.

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