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Simon Rattle wird 60 : Der große Junge, leicht, charmant und prickelnd

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Ein Schlagzeuger aus Liverpool: Sir Simon Rattle Bild: dpa

Fasziniert vom Augenblick, frei fürs Abenteuer und schlagfertig obendrein: Dem Dirigenten und Lebenskünstler Simon Rattle zum sechzigsten Geburtstag.

          Simon Rattle, Schlagzeuger aus Liverpool, ist Lebenskünstler. Das positive Denken muss ihm von einer Fee in die Wiege gelegt worden sein. Er kann nicht anders, er muss immer das Gute sehen in einer Sache, auch wenn die musikalische Lage finster wird und ringsherum die Quoten-Stürme toben. Denn dieser ewig junge Mann, der heute zur Überraschung aller seinen sechzigsten Geburtstag feiert, ist schlagfertig und spontan. Er kann Probleme weglächeln oder mit einem dialektischen Witz vom Tisch wischen -– ein Charakterzug, der ihm immer wieder neue Freunde und Gönner verschaffte, Kollegen bezauberte, Türen öffnete. Und so ist Sir Simon unter den großen Dirigenten unserer Zeit derjenige mit der gewiss steilsten, schnellsten und buntesten Karriere.

          Mit vierundzwanzig Jahren stand er zum ersten Mal als Gastdirigent vor den Los Angeles Philharmonic, mit fünfundzwanzig übernahm er sein eignes Orchester in Birmingham, das er rasch aus der Provinz zu internationalem Ruhm führte, mit zweiunddreißig wurde er dafür in den Adelsstand erhoben. Heute steht er an der Spitze eines der fünf grandiosen Orchester der Welt, der Berliner Philharmoniker. Er übernahm diesen Job (wie er es nennen würde), als er siebenundvierzig war, und er wird ihn wieder abgeben (wie er sagte), „when I’m sixtyfour.“ Seine Entscheidung. Warum? Weil er, wie er einmal gegenüber dieser Zeitung sagte, fest davon überzeugt sei, dass es „für jedes Orchester und auch für dieses hier besser ist, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es Chefdirigenten gibt, die noch lebendig herumlaufen.“

          Rattle hat, trotz dieses Understatements, in den zwölf Jahren, die er bisher in Berlin wirkte, große Veränderungen herbeigeführt. Gehäutet haben sich Berlins Philharmoniker. Auf fast allen Stimmführer- und Soloplätzen, bei den Klarinetten, Geigen, Bratschen, Bässen sieht man junge Gesichter, sämtlich Spitzenleute, Preisgewinner, ehrgeizige Individualisten, die auch als Solisten vor einem Orchester bestehen können. Sie tragen die alte Karajan-Fackel weiter. Sie sorgen, wie es schon die älteren Kollegen taten, für das spezielle Klangbild, den berühmten, kinoreif polierten Glanz dieses Orchesters, seine unbestechliche Präzision. In diesem Punkt setzt Rattle auf Traditionspflege. Was aber das Repertoire anbetrifft, ist und bleibt er ein Abenteurer, der, wie schon sein Vorgänger, Claudio Abbado, den Spagat zwischen den Extremen versucht, zwischen Alt und Neu.

          Mehr Quote für Klassik

          Alle Beethoven-Symphonien musste er sowieso nicht mehr neu einspielen, das hatte er bereits mit den Wiener Philharmonikern hinter sich (und die Berliner Philharmoniker mit Abbado). Aber sonst dirigierte er einfach alles: Haydn und Adès, Mahler und Rihm, Wagner und Widmann, Schostakowitsch und Debussy, Gubaidulina und Brahms, Schumann und Benjamin. Strawinsky verlegte er in der Fabrikhalle, Stockhausen in den Tempelhofer Flughafen und die Osterfestspiele von Salzburg nach Baden-Baden.

          Weder mit Mozarts „Zauberflöte“ noch mit Wagners „Ring“ freilich gelang es, Maßstäbe zu setzen. Referenzeinspielungen, die jeder Musikfreund unbedingt im Plattenschrank haben muss, sind dabei nie entstanden. Die Live-Aufführung erwies sich auch für den Medienstar Rattle letztlich als stärker denn die Konserve. Sein Dirigierstil ist leicht, charmant und prickelnd. Er lebt von der Faszination des Augenblicks. Bachs Passionen, halbszenisch in der Philharmonie, wurden zu Kultstücken fürs junge Publikum.

          Organisatorisch setzte Rattle auf Innovation. Berlins Philharmoniker wurden in eine Stiftung überführt. Mit gigantischen „Education“-Projekten (Startschuss: „Rhythm is it“) und der Installierung einer weltweit im Abo verfügbaren „digitalen Konzerthalle“ setzten sie sich an die Spitze einer Bewegung, die der klassischen Musik für die Zukunft mehr Quote verschaffen soll. Noch hat das nicht richtig geklappt. Doch als nachahmenswertes Vorbild gilt es längst.

          Bald auf Geburtstagstour

          Demnächst im Februar wird Sir Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern in London, im Barbican Center, einen Jean-Sibelius-Zyklus aufführen: seine Geburtstagstour als Heimspiel. Ob ein Livemitschnitt dabei herauskommt, ist fraglich, aber auch nicht nötig, denn es gibt schon eine jugendbewegt-ruppige Gesamteinspielung aller Sibelius-Symphonien mit Rattle und dem City of Birmingham Orchestra und eine weitere, elegante, fast vollständige der Berliner Philharmoniker mit Herbert von Karajan (der nur die dritte Symphonie wegließ). Das reicht.

          Irgendwann in diesem Frühling werden sich die Berliner Philharmoniker zur Beratung zurückziehen. Sie müssen einen Nachfolger benennen für Sir Simon Rattle. Das ist nicht leicht, vielleicht sogar unmöglich. Einen großen, charismatischen Dirigenten mit Ecken und Kanten, wie Christian Thielemann oder Kirill Petrenko, werden sie nicht mehr aushalten wollen. Oder er nicht sie. Sie haben also die Wahl zwischen hoffnungsvollen Mittelgewichten, Yannick Nézet-Seguin oder Gustavo Dudamel – oder verlässlichen alten Freunden, Mariss Jansons oder Daniel Barenboim. Aber sie werden keinen finden weit und breit, der jünger denkt als Rattle, unkonventioneller, ideensprühender und zäher ist als er, zugleich smarter, kompromissbereiter und besser verkäuflich. Diese paradoxe Mischung ist einmalig. Sie ist Rattles Alleinstellungsmerkmal. Am heutigen Montag wird er sechzig. Happy Birthday!

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