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Semyon Bychkov 70 : Inspiration ist die Folge von Arbeit

Semyon Bychkov mit der Tschechischen Philharmonie in Prag Bild: Picture Alliance

Akribisches Partiturstudium zeichnet ihn ebenso aus wie humanitäre Empfindsamkeit. In London und Sankt Petersburg schätzt man ihn genauso wie in Paris und Bayreuth. Heute wird der Dirigent Semyon Bychkov siebzig Jahre alt.

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          Hoch oben auf den billigsten Seitensitzen der Londoner Covent-Garden-Oper entschädigt der direkte Blick in den Orchestergraben für die beschränkte Sicht auf die Bühne. Wenn Semyon Bychkov am Pult steht, ist selbst aus dieser Höhe das Patchwork bunter Klebezettel an den Rändern seiner Partitur zu erkennen. Die Markierungen veranschaulichen das intensive Ausloten eines Stückes, die anspruchsvolle Herangehensweise dieses Dirigenten und die Fähigkeit, seinen Interpretationen insbesondere des großen spätromantischen Repertoires, aber auch der Neuen Musik, durch die Verschmelzung von struktureller und emotionaler Intelligenz in gefühlvoll differenzierten Schattierungen Tiefe zu verleihen. Dabei löst sich die große Architektur nie im Pathos des Moments auf. Bychkov folgt der Devise, dass Inspiration nur komme, wenn die Vorarbeit allein mit der Partitur geleistet worden sei. Dann folgt ein beinahe obsessiver Verfeinerungsprozess, oftmals in mehreren Darbietungen mit verschiedenen Orchestern. Manchmal kann es lange dauern, bis er meint, etwas Sagenswertes vermitteln zu können. So hat er sich zwanzig Jahre lang mit Mahlers erster Symphonie auseinandergesetzt, um den für ihn rätselhaften ersten Satz zu ergründen, bevor er sie aufführte.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Seinem Musizieren liegt eine durch die eigene Biographie geschärfte humanitäre Empfindsamkeit zugrunde, die auch zum Tragen kam, als er unmittelbar nach Putins Angriff auf die Ukraine das Schweigen im Angesicht des Bösen als Verrat an unserem Gewissen, an unseren Werten und letztlich an dem verurteilte, was die Würde der menschlichen Natur ausmache. Dabei bezog sich der 1952 als Sohn eines Naturwissenschaftlers und einer Französischlehrerin im damaligen Leningrad geborene Bychkov auf die Erfahrungen von Generationen seiner russisch-jüdischen Familie mit Krieg und Verfolgung, die auch sein eigenes Leben geprägt haben.

          Der Zweiundzwanzigjährige entschied sich für die Freiheit

          Sein musikalisches Talent wurde früh erkannt. Spätestens als Neunjähriger war sich der Klavierschüler klar, Dirigent werden zu wollen. Am Leningrader Konservatorium brachte ihm der berühmte Dirigentenlehrer Ilja Musin die Bedeutung der Gestik als gestalterischen Mittels bei. Davon zeugen die klaren, expressiven, nie manierierten Armbewegungen Bychkovs, denen er durch rhythmische Bewegung des ganzen Körpers Nachdruck verleiht. Als Sieger des Rachmaninow-Dirigenten-Wettbewerbs hätte dem Studenten die Prämie zugestanden, die Leningrader Philharmonie mit Rachmaninows zweiter Symphonie zu dirigieren. Dazu kam es jedoch nicht. Bychkovs freigeistige Einstellung hatte sich herumgesprochen. Die Behörden verhinderten den Auftritt. Der Zweiundzwanzigjährige entschied sich für die Freiheit und kam 1974 mit nichts als einem Frack, einigen Partituren, seiner Geburtsurkunde und hundert Dollar in der Tasche in Wien an.

          Er erinnert sich, wie er vor dem Opernhaus stand und das Publikum beobachtete, das sich zu Wagners „Lohengrin“ einfand. Dreißig Jahre später stand er in diesem Hause selbst als Dirigent dieser Oper am Pult. Die Rachmaninow-Symphonie mit den Leningrader Philharmonikern holte er 1989 nach, als er erstmals wieder in seiner Geburtsstadt dirigierte.

          Mittlerweile war Bychkov amerikanischer Staatsbürger geworden. In den Achtzigerjahren schuf er sich durch Gastauftritte mit großen Ensembles wie dem Amsterdamer Concertgebouw und den Berliner Philharmonikern internationales Ansehen. Sein Wunsch, das französische Repertoire zu meistern, veranlasste ihn, 1989 die Leitung des Orchestre de Paris zu übernehmen, eine nicht immer glückliche Partnerschaft, die jedoch zur Begegnung mit seiner Frau Marielle vom Labèque-Geschwister-Klavierduo führte.

          Er sagt, er sei ein „gemischter Salat“

          Der langen fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem WDR-Sinfonieorchester folgten Jahre, die er als Freischaffender genoss, bevor er sich 2018 als Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie verpflichten ließ, wozu der den Spagat zwischen slawischer und westlicher Tradition überbrückende Bychkov wie prädestiniert zu sein scheint. Auch bei den Bayreuther Festspielen wird er inzwischen sehr geschätzt.

          Auf die Frage nach seiner Identität antwortet er humorvoll, er sei ein „gemischter Salat“, legt jedoch Wert darauf, nicht als Tourist in den verschiedenen Kulturen unterwegs zu sein. Sein Zuhause ist die universale Welt der Musik. Als er jüngst eine Ehrendoktorwürde der Londoner Royal Academy of Music entgegennahm, berief er sich auf John F. Kennedy: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ Er gemahnte die Studenten daran, was ihnen Musik gegeben habe, und im Gegenzug auf eine Weise für sie zu leben, die nicht nur das Land, sondern die ganze Menschheit bereichere. An diesem Mittwoch feiert Semyon Bychkov in Prag seinen siebzigsten Geburtstag mit einem Konzert, das die fünften Symphonien von Beethoven und Schostakowitsch paart.

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