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Weg mit der patriarchalen Hybris: Die Karlsruher Schauspielleiterin Anna Bergmann Bild: Felix Grünschloß

Debatte um Karlsruher Theater : Schluss mit der patriarchalen Hybris

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe gibt es Proteste und Missbrauchsvorwürfe gegen den Generaldirektor. Schauspieldirektorin Anna Bergmann spricht im Interview über einschüchternde Produktionszwänge und ein Führungsmodell für die Zukunft.

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          Frau Bergmann, was ist los an Ihrem Theater?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist tatsächlich gerade sehr viel los am Badischen Staatstheater, und die Geschehnisse nehmen immer besorgniserregendere Formen an. Peter Spuhler, unser Generalintendant, ist von verschiedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Machtmissbrauchs beschuldigt worden. Der Personalrat und andere Ensemblegruppen haben seinen kontrollierenden Führungsstil kritisiert. Zu Recht, wie ich finde, denn er hat viele Menschen mit seinem Kontrollzwang und cholerischen Verhalten sehr verletzt. Deswegen verstehe ich die dreihundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gestern vor der Sitzung des Verwaltungsrats demonstriert haben. Dass eine Auseinandersetzung über die Führungsstruktur des Hauses angestoßen wurde, finde ich prinzipiell gut. Allerdings nimmt das Ganze in meinen Augen jetzt die Form einer Menschenjagd an.

          Neben Machtmissbrauch, einer hohen Fluktuation innerhalb der Mitarbeiterschaft und vielen Burnout-Fällen ist auch von sexueller Belästigung die Rede. Was hat es damit auf sich?

          Einem leitenden Mitarbeiter wird mehrfach sexuelle Belästigung vorgeworfen. Ob ein Anfangsverdacht besteht und Ermittlungen aufgenommen werden müssen, wird gerade in sogenannten Vorermittlungen von der Staatsanwaltschaft geprüft. Im Moment ist der Betroffene freigestellt. Solange die Untersuchungen laufen, besteht natürlich die Unschuldsvermutung. Aber wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dann muss ein solches Vergehen gegenüber Schutzbefohlenen natürlich streng geahndet werden.

          Sie sind seit zwei Jahren am Haus. Hat sich die Stimmung wirklich erst in den vergangenen Monaten so verschlechtert?

          Ich kenne Peter Spuhler schon seit vielen Jahren und schätze ihn als künstlerischen Berater. Ich war glücklich, als ich vor zwei Jahren die Chance bekam, mit einem rein weiblichen Leitungsteam das Schauspiel zu leiten und damit einen neuen Denk- und Handlungsmechanismus auszuprobieren. Am Anfang hatten wir viele Freiheiten, aber das hat sich sukzessive verändert, weil nicht jede Produktion ein Publikumserfolg wurde. In den vergangenen anderthalb Jahren gab es immer größeren Druck auf unsere Sparte und auf uns als Leitungsteam. Die Freiheit und die Freude gingen verloren.

          Sie sind mit einer dezidiert strukturfeministischen Programmatik angetreten. Trifft es Sie daher besonders, dass jetzt Ihr Haus in die Kritik geraten ist? Anders gesagt: Ist Ihr Versuch, männliche Machtstrukturen zu durchbrechen, schon vor der eigenen Haustür gescheitert?

          Nichts auf dieser Welt geschieht durch Zufall. Dass diese Debatte gerade an unserem Haus passiert, ist ein Zeichen. Es hängt sicher auch mit der Corona-Situation zusammen, denn dieses Virus ist wie ein Katalysator, der Dinge, die nicht in Ordnung sind, verstärkt. In ihrer freien, produktionslosen Zeit haben viele Theaterleute auf einmal den Mut gefasst, nach Veränderung zu rufen und mit ihren Beschwerden an die Öffentlichkeit zu gehen. Durch die breite Berichterstattung in den vergangenen Tagen ist ein Stein ins Rollen geraten, und jetzt wird ein Umdenken einsetzen. Hoffentlich auch darüber, ob das Prinzip des Generalintendanten wirklich zukunftsfähig ist.

          Glauben Sie denn, dass eine Generalintendantin generell weniger anfällig für Machtmissbrauch wäre?

          Ich glaube grundsätzlich, dass Macht korrumpiert und die Persönlichkeit verändert. Dass man als Machthaber oder Machthaberin zwangsläufig dazu verführt wird, Macht auszunutzen. Davor ist niemand gefeit. Das Modell Generalintendanz halte ich für überholt, weil die Vorstellung, dass jemand in den verschiedenen Sparten Tanz, Oper und Schauspiel absolute Kompetenz hat, nichts ist als der Ausdruck einer patriarchalen Hybris. Ich bin davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, Macht aufzuteilen.

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