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Richard Strauss in Brüssel : Kunst ist Zuflucht vor der Barbarei

  • -Aktualisiert am

Theater im Theater: Die Gräfin, La Roche, Clairon, Olivier und Flamand (v. l.) reden über die Kunst. Bild: De Munt/La Monnaie

Mit „Capriccio“ verschloss Richard Strauss 1942 die Welt der Kunst gegen den Terror des Krieges. Die Neuinszenierung von David Marton in Brüssel kontert die politische Trivialisierung der Oper.

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          In welcher Welt wir leben, ist in Brüssel unübersehbar. Auf Bahnsteigen und öffentlichen Plätzen laufen Soldaten paarweise Streife: in Tarnkleidung, mit schusssicheren Westen und automatischen Feuerwaffen vor dem Bauch. Auf dem Boulevard du Jardin Botanique, unweit des Nordbahnhofs, steht ein Transportpanzer in Bereitschaft. Das Palais de la Monnaie, ein Riesenzelt am Brüsseler Hafen, kann man nur durch eine Sicherheitsschleuse betreten. Kurz vor Ostern zog das Théâtre de la Monnaie, bedingt durch laufende Sanierungsarbeiten an seinem Stammhaus, in dieses Ausweichquartier; unmittelbar nach den Brüsseler Terroranschlägen vom 22. März fand hier die erste Premiere statt: „Béatrice et Bénédict“ von Hector Berlioz, allen Sperrungen des Flug- und Bahnverkehrs zum Trotz.

          „Wir sind hier mitten in Dschihadistan“, sagt der Intendant Peter de Caluwe mit trotzigem Witz: „Die Stadtbezirksgrenze von Molenbeek verläuft genau durch unser Zelt.“ Molenbeek - das ist der Teil Brüssels, der als Brutstätte des islamistischen Terrors in üblen Ruch geriet. Einer der Männer, die mit den Anschlägen in Paris vom 13. November in Verbindung gebracht werden, hatte hier Zuflucht gefunden.

          Und genau hier, in diesem Zelt, an diesem Ort, frischt David Marton nun seine Inszenierung von „Capriccio“ auf, dem letzten Bühnenwerk von Richard Strauss. Die Inszenierung war bereits 2013 am Opernhaus Lyon zu sehen, wurde aber nun wesentlich überarbeitet. Hier erst entwickelt sie ihre ganze Dringlichkeit. Hier erst zeigt sich am deutlichsten, warum dieses Stück - in Lyon, in Meiningen, in Wien - binnen kurzer Zeit so oft inszeniert wird. Eben weil Marton nicht auf die Bühne holt, was uns außerhalb der Bühne ohnehin umgibt, sondern weil er schützt, was uns dabei hilft, in dieser Welt auszuhalten - die Kunst, die wir jenen verdanken, die vor uns waren, und denen vererben, die nach uns kommen.

          Wirklichkeitsferne mitten im Krieg?

          „Capriccio“ ist ein „Konversationsstück für Musik“, in welchem Künstler und Adlige um 1775 unweit von Paris über den Sinn der Oper diskutieren. Das Libretto funkelt in geistiger und sprachlicher Brillanz, die Musik zeigt Strauss im heiter-melancholischen Licht überlegener Altersweisheit. Aber kann man sich für die Entstehungszeit - Deutschland 1942, der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange - etwas Weltfremderes, Wirklichkeitsferneres vorstellen als einen solchen Diskurs über Kunst um der Kunst willen?

          Wann immer das Stück in den letzten Jahren inszeniert wurde, hat man eingeblendet, was es ausblendet: den Krieg, die zerschossene Kultur. Auch Marton verzichtet darauf nicht, aber er ist äußerst diskret. Während die aristokratische Gesellschaft im virtuos komponierten Oktett darüber streitet, ob der Musik oder dem Wort der Vorrang in der Oper gebühre, rüsten sich die drei Tänzerinnen - ein Kind, eine junge, eine alte Frau - zum Aufbruch. Haltung und Kleidung deuten an: Sie werden deportiert.

          Klares Bühnenbild

          Aber alles Plakative ist vermieden. Die Bedrohung der Kunst durch die Wirklichkeit spürt man nur atmosphärisch, als Unterton. Das Theater auf dem Theater, durch welches Christian Friedländer in seinem lobenswert klaren, tragfähigen Bühnenbild einen Querschnitt gelegt hat, ist abgewetzt und heruntergewirtschaftet. Die Menschen aber sind komplex. Der Haushofmeister (Christian Oldenburg) wird von Musik fast zu Tränen gerührt und drillt doch mit perverser Lust kleine Ballettmädchen. Der Souffleur (François Piolino) macht sich ständig Notizen - vermutlich ein Spitzel. Der Graf (Dietrich Henschel) stellt der Schauspielerin Clairon nach, die Charlotte Hellekant nicht als amüsante Diva, sondern als gebrochene Frau gibt. Ein Aperçu lässt bittere Erfahrungen durchklingen: „Wenn wir in unserer Welt des Scheins der Natürlichkeit zu nahe kommen, so ist die Kunst in Gefahr, sich die Flügel zu verbrennen.“

          Anders als in Lyon hat Marton hier das Bühnengeschehen durch Live-Videos ergänzt, einmal, um das große Zelt zu füllen, dann aber, um die Polyphonie der Vorgänge in Großaufnahmen von Details sichtbar zu machen. Selten ist der Video-Einsatz in einer Operninszenierung so wenig albern, so wenig ablenkend, sondern vielmehr so erhellend gewesen.

          Das Symphonieorchester des Théâtre de la Monnaie legt unter der Leitung von Lothar Koenigs Glut und Entschiedenheit in diese Glasperlenspielmusik. Unerbittlich schützt diese Kunst ihr eigenes Licht gegen das Dunkel ihrer Umgebung. Die Sänger - in den Hauptrollen Sally Matthews als Gräfin, Edgardas Montvidas als Musiker, Lauri Vasar als Dichter - sind alle so delikat, phantasievoll und genau in ihrer Darstellung, dass sie die Vergrößerung durch die Kamera nicht zu fürchten brauchen. Sängerisch allerdings fehlt es an Eleganz, Leichtigkeit, Geschmeidigkeit. Nur Kristinn Sigmundsson als Theaterdirektor La Roche singt mit solcher Wärme und Mühelosigkeit, dass er schwer zu übertreffen sein dürfte.

          „Wir denken heute anders über Richard Strauss als vor fünfzig Jahren“, sagt Peter de Caluwe. Er sieht in ihm nicht mehr den naiven Eskapisten, Kulinariker, Reaktionär, sondern den Zeit und Kunst reflektierenden Intellektuellen: „Strauss hat mit seinem Ästhetizismus die Schönheit des Lebens gefeiert und uns in der Kunst einen Zufluchtsort sichern wollen gegen die Barbarei, die uns umgibt.“ Im Stück sucht die Gräfin für die Oper nach einem Schluss, der nicht trivial ist. Die momentan gesteigerte Nachfrage nach diesem Stück ist wohl auch eine Antwort auf die Trivialität, mit der lange genug das Musiktheater versucht hat, uns Gegenwartsnähe vorzutäuschen.

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