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Ballett „Requiem“ in Amsterdam : Spring allem Abschied voraus

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Körper unter Hochspannung: Das Ensemble des Niederländischen Nationalballetts tanzt zur Auftragskomposition von Gavin Bryars. Bild: Hans Gerritsen

Trauernde oder Engel? Diese Frage durchzieht David Dawsons neue Choreographie „Requiem“ mit Spannung. Die als Ballett inszenierte Totenmesse kombiniert liturgische Texte mit avantgardistischen Klängen.

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          Wo manche nur Handgelenke sehen, die sich an diagonal nach oben gereckten Armen wie Scharniere bewegen, um ein fließendes Senken allein der Hände zu ermöglichen, da offenbart sich in Wahrheit die ganze Ästhetik eines Choreographen – wie im Wind schwebende Blätter liegen diese Hände in der Luft, und steigern den ergreifenden, festlichen Beginn der Musik, dieses erwartungsvolle Zögern.

          Es geschieht zu Beginn von George Balanchines Tschaikowsky-Ballett „Serenade“, dass die still stehenden Tänzerinnen in eine imaginierte Ferne blicken und dabei die ausgestreckten Arme wie zum Schutz vor blendender Sonne in die Höhe halten – ein Bild der Ruhe und Schönheit. Bis alle langsam die Hand im Gelenk sinken lassen und die elegante Linie unterbrochen wird, was aber wiederum nur der Auftakt zu einem neuen, wunderschön fließenden port de bras ist.

          Genau solche stilistischen Spannungsmomente zeichnen Balanchines Werke aus, sein origineller Umgang mit den Gesetzen des Balletts lässt seine Arbeiten geistreich und zeitlos wirken. Mehrmals zitiert David Dawson diese Eingangssequenz in seinem jetzt vom niederländischen Nationalballett in Amsterdam uraufgeführten Werk „Requiem“, nur lassen die Frauen bei ihm die Hände nicht fallen, sondern halten sie unbewegt oben, als fehlte eine Idee, was stattdessen zu tun wäre.

          Totenmesse mit avantgardischtischen Klängen

          Auf eine ganze Choreographie hin betrachtet, wird auffällig, dass es ebendiese überraschenden Phrasierungen und die ungewöhnliche Syntax an sich bekannter Bewegungsdetails sind, die Balanchines Werke aufregend machen. An diesen Einfallsreichtum kommt Dawson so schnell nicht heran.

          Für „Requiem“, die neue Choreographie Dawsons, hatte der Nationalballettdirektor Ted Brandsen den britischen Komponisten Gavin Bryars gebeten, Musik zu schreiben. Der aus dem Jazz kommende, später von John Cage beeinflusste Avantgardist ist mit dem Tanz tief vertraut, komponierte bereits für Merce Cunningham, Lucinda Childs und Edouard Lock; auch für Dawson schuf er schon Werke.

          „Requiem“ stellt auch nicht seine erste Beschäftigung mit der Form der christlichen Totenmesse dar. Das liturgische Texte verwendende Werk in zehn Sätzen kommt ohne Effekthascherei aus, nimmt sich zurück, bleibt intim. Wenn in anderen Totenmessen auch der Glaube an die verheißene Erlösung musikalisch zu Trost wird, so verkündet der berührende Gesang des Chores der Nationaloper und der Solisten hier vor allem Trauer. Dazu passt Eno Henzes Bühnenbild, eine die ganze Breite ausfüllende graue Wand wie aus Stein, versehen mit feinen Schlitzen.

          Tanzende Engel in der Gruft

          So kann man verfolgen, wie sich das von hinten durchscheinende Licht langsam von links nach rechts bewegt, bis ein Lebenskreis sich schließt und eine Tänzerin himmelwärts von der Bühne getragen wird. Mit diesem entschlüsselbaren Bild endet ein Abend, der bis dahin viele Fragen offen lässt.

          Denn nie wird deutlich, wem das Publikum eigentlich zuschaut und wobei. Sind es Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, Angehörige, die einen Verlust zu verschmerzen haben? Oder Engel, Wesen zwischen Himmel und Erde, wie es Dawson und Bryars im Programmheft nahelegen? Die großartigen Tänzer tragen Trikots in dunklen Blau- und Rottönen, eine Unterscheidung der Figuren ist weder durch die Kleidung noch durch die Rollendarstellung möglich.

          David Dawsons Inzenierung lässt kaum eine Unterscheidung der Tänzerinnen und Tänzer zu.

          Dawson lässt die Männer und Frauen in der finsteren Gruft abwechselnd allein tanzen, als Paar, zu dritt und in größeren Gruppen. Manchmal gehen die Tänzerinnen zu Boden, bis ihnen die Männer wieder aufhelfen. Häufig werden sie getragen. Die Körper stehen unter Spannung, bis aufs Äußerste gestreckt in den vielen Drehungen, sogar noch wenn sie einen Moment stillstehen, weil sie gleich die nächste Pose werden vorführen müssen.

          Das Auffälligste an Dawsons Tanzsprache sind die sich immerfort bewegenden Arme, die mal seitwärts nach hinten geführt werden, bis die Brust sich nach vorne schiebt, mal nach oben zeigen oder durchgedrückt nach vorn schnellen. Kaum einmal, dass ein Körper zusammensackt, nie zucken oder winden sich Leiber, um Schmerz und Leid auszudrücken. Das will Dawson vermeiden, denn es würde den Fluss der Bewegungen stören, genau das sei der Musik viel angemessener.

          Nur das Solo wirkt lebendig

          Mit seinem begrenzten, sich wiederholenden Bewegungsvokabular lässt Dawson über das Sterben und Abschiednehmen hinwegtanzen, so schön das manchmal aussieht, berührt es einen nicht. Wäre da nicht die Musik von Bryars, man käme überhaupt nicht auf den Gedanken, der Aufführung eines Requiems beizuwohnen.

          Für einen ehemaligen Tänzer von William Forsythe, wie Dawson es ist, sieht das alles erstaunlich glatt und konventionell aus. Eröffnet wurde der Abend mit einem Solo von David Dawson, „Citizen Nowhere“, das dieser vor zwei Jahren für Edo Wijnen schuf, der es auch jetzt tanzte. Auf zwei riesigen, über Eck gestellten Leinwänden bewegen sich Schwärme aus Buchstaben und Zahlen, scheinen wie Monsterwellen auf den jungen Mann zuzurollen, ohne dass er die Bedrohung wahrnimmt.

          In selbstvergessenem Tanz dreht er sich, läuft über die Bühne, springt, bis eine Frau auf der Leinwand erscheint, die sein Interesse weckt. In der Wirklichkeit begegnen sie sich nicht, er liebt das Bild einer Frau, bis er am Ende selbst nur noch als Bild zu sehen ist. In diesem kompakten Solo lässt Dawson seinem Tänzer mehr Raum, die Rolle zu gestalten. Wenn dieser taumelt und außer Atem gerät, wenn er trauert und sich wieder aufbäumt, wird der Mensch im Tänzer sichtbar. Das wirkt sofort lebendiger, mitreißender. Es sind eben die Brüche, die für Spannung sorgen – und manchmal braucht es nur eine abknickende Hand.

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