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Wiegenlied zurück in Frankfurt : Schläft ein Lied in allen Menschen

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Kindliches Unschuldsweiß und Schlaf förderndes Blau: Claus Guths Raum für musikalische Wiederbegegnungen mit eigenen Erinnerungen. Bild: Monika Rittershaus

Komponist Pascal Dusapin, Theaterregisseur Claus Guth und das Ensemble Modern holen das Wiegenlied in Frankfurt zurück in die Musik und das auf eine völlig neue Art.

          Es ist stärker als wir“, sagte der Komponist Pascal Dusapin, auf seine Brust zeigend, und meinte das Wiegenlied, das Kinderlied, das so gut wie jeder Mensch in sich trägt. Daraus entwickelte er ein Kompositionskonzept als Tabubruch mit der Auffassung, dass in der Neuen Musik die Melodie keinen Platz mehr habe. Ganz im Gegenteil sei „das Wiegenlied so etwas wie das Herz der Musik“, etwas zutiefst Menschliches, gebunden an Stimme, ihren Klang und ihre Sprache.

          Lullaby Experience, uraufgeführt bei den Frankfurter Positionen und vorgesehen auch für das Festival ManiFeste in Paris, entstand als interdisziplinäres Projekt von Pascal Dusapin mit dem Ensemble Modern in der Inszenierung von Claus Guth. Zusammen mit dem Institut für Akustik-, Musikforschung und -koordination (IRCAM) in Paris, dem Künstlerhaus Mousonturm und der Oper Frankfurt entwickelten sie eine experimentelle Kunstform, gefördert durch die French National Research Agency und die Kulturstif-tung des Bundes.

          In der achthundert Quadratmeter großen Halle des Frankfurt LAB schienen nun die Grenzen zwischen Kunst, Traum und Wirklichkeit, zwischen Publikum und Darsteller, zwischen Innen und Außen, Nah und Fern in Raum und Zeit zu verschwinden. Damit fügte sich das Werk sinnig und originell in das diesjährige Thema der Frankfurter Positionen, „Grenzen der Verständigung“, ein – jeder Besucher konnte mit Leib und Seele in das Geschehen hineintauchen, das zu allerlei Reflexion und Introspektion anregte. Kinder und Erwachsene jeden Alters waren im Vorfeld weltweit eingeladen, ein Lied aus der tiefen Erinnerung zu singen oder gar zu flüstern. Die Aufnahme mittels einer speziell entwickelten App (www.lullaby-experience.eu) ist für die künftigen Aufführungen weiterhin möglich und fließt nach wie vor mittels einer äußerst komplexen Technologie in die Komposition.

          Improvisation nach bestimmten Vorgaben

          Die Lieder werden geprüft, analysiert, verglichen und sortiert und dann von Dusapin wie Klangobjekte behandelt, aus denen die musikalische Grundlage, die „Installation“ entsteht. Thierry Coduys koordiniert ihre technische Umsetzung, unter der Mitarbeit von Jérôme Nika. Mal dringt eine klare Einzelstimme in den Raum, mal kommen ihre Echos gleich einem Kanon in Gruppen verteilt auf die 64 Lautsprecher der Anlage, mal wächst ein Schwarm aus Liedermotiven in Schichten, zuweilen deutlich differenziert, zuweilen wie in einer Klangwolke: Frauenstimmen, Männerstimmen, Kinderstimmen, unerwartete, überraschende, warme, sanfte Stimmen. Muster des natürlichen Flugs von Vögeln sollen den Klangprojektionen zugrundegelegt worden sein, mit denen zwölf Musiker des Ensemble Modern mit ihren Instrumenten episodisch auftreten und interagieren in sogenannten Live Acts. Sie improvisieren nach bestimmten Vorgaben und reagieren auf Motive aus den Liedern, sie treten damit in einen Dialog, intensivieren den Ausdruck und bringen dramatische Akzente hinein. Sie suggerieren emotionale Regungen und tragen durch den Klangduktus die Dramaturgie der Inszenierung mit, die um die Themen Kindheit und Erinnerung, Schlaf, Traum und Albtraum, Furcht und Geborgenheit kreist. Die Musiker agieren selbst als Darsteller, die sich im Raum spielend bewegen und zu Figuren aus dem Traum eines Kindes werden. Das surreale Bühnenbild von Etienne Pluss plaziert inmitten des riesigen Raums ein überdimensionales weißes Bett, das schräg aus dem Boden ragt – so geräumig, dass zuweilen das ganze Publikum darauf Platz nehmen kann, wenn die Figur des Conférenciers (Rouven Pabst) dazu einlädt. Riesige Kissen ruhen auf diesem Bett und lose, weiße Daunen bedecken den Boden mit der Farbe kindlicher Unschuld. Verstärkt durch die Atmosphäre des Lichts von Olaf Winter im vorwiegend gedämpften, Schlaf fördernden Blau, verschieben sich die Proportionen in der Wahrnehmung so, dass man vermeint, alle hätten beim Betreten des Raums im Wunderland Alices Schrumpftrank geschluckt.

          Schauspieler wie Tänzer stellen in den Kostümen von Dorothee Joisten die suggestiven Szenen ausgezeichnet dar, pantomimisch und tanzend, mal in Zeitlupe, mal plötzlich umfallend und hektisch sich bewegend, mal in Pose erstarrt. Und dies nicht immer im Einklang mit dem Fluss der Musik, sondern manchmal abgelöst davon oder kontrapunktisch dazu.

          Das Mädchen (Johanna Berger) kann nicht einschlafen, die Mutter (Renate Bahm) kommt und liest ihm vor. Es verfällt in einen Albtraum und fürchtet sich zu Tode. Es wird getröstet, weggetragen. Die Musiker tragen Frack und suggerieren auch klanglich einen Trauerzug. Bald wird es ein Festzug, das Mädchen strahlt auf den Schultern des Clowns (Paul Lorenger), gefolgt von einem Mann auf Stelzen (Markus Rockenbach), mit Zylinder und schwarzer Maske. Ein Mann (Micha B. Rudolph) schläft an seinem Schreibtisch voller Aktenordner tief ein und träumt von der anmutigen Ballerina (Evie Paros), deren Spitzentanz dann vom Clown bewundert wird. Zuletzt schläft das Mädchen friedlich ein, bedeckt von seiner Decke und beschützt von der riesigen Projektion einer Hand (Video: Roland Horvath), die uns hoffen lässt, dass alle Albträume der Welt eines Tages so schwinden werden, weggetragen von der Musik aller Seelen als die Seele der Musik.

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