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„Das weite Land“ in München : Die Dschungelschwindler

  • -Aktualisiert am

Tragikomische Affären: Fräulein Erna Wahl (Britta Hammerstein) mit Friedrich Hofreiter (Tobias Moretti) Bild: Hans Jörg Michel

Zeichenschleicher: Martin Kusej eröffnet seine Münchner Residenz-Theater-Intendanz mit Schnitzlers „Weitem Land“ - einem hysterisch bejubelten Flop.

          4 Min.

          Eine hübsche Idee: Tauscht das Publikum aus! Die Wiener, die vor knapp zwei Wochen im Burgtheater „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler in der Regie von Alvis Hermanis bei der Premiere ausbuhten, hätte man jetzt in toto zur Münchner Premiere des „Weiten Lands“ transferieren sollen, mit der Martin Kusej, der neue Hausherr des Bayerischen Staatsschauspiels, seine Intendanz eröffnet.

          Und die Münchner, die über Kusejs Regie im Residenz Theater schier aus dem hysterischen Jubelhäuschen gerieten, hätte man in toto nach Wien verfrachten müssen.

          Die überahnungsvollen Wiener, die glauben, „ihren“ Schnitzler als Lokal-Darling mit der Schmähmuttermilch aufgesogen zu haben und es dem lettischen Regisseur übelnahmen, dass er die dunklen, abgründigen, verbrecherischen Seiten der Tragikomödie von 1911 (zwei Erschossene, jede Menge zerschossener Beziehungen) in einem herrlich geheimnisfunkelnden Film Noir im Hollywood-Gangster-Stil der vierziger, fünfziger Jahre aufleuchten ließ, hätten sehen können, was sie an ihrer Inszenierung haben. Nämlich (fast) alles.

          Und die unterahnungslosen Münchner, denen in ihren Theatern eine Schnitzler-Aufführung nicht unbedingt über den Weg läuft und die diesen Autor kaum kennen, hätten sehen können, was sie in ihrer Inszenierung alles nicht haben. Nämlich so gut wie nichts.

          Ein gefragter Szenengrobschmied

          Also: Tauscht das Publikum aus! Wo in Wien die große, fiebernde Spannung in den Figuren liegt, die sich der verbotenen Gefühle von Lust und Betrug, Ehebruch und Liebessehnsucht, Dahingleiten und Absterben nur erwehren, in dem sie sich ihnen völlig ausliefern (dargeboten von großartigen Schauspielern), da liegt in München (dargeboten von unterforderten Schauspielern) nichts in den Figuren.

          Alles in den Zeichen. Martin Kusej, der im Regiefach vor zwei Jahrzehnten als junger Theaterfolterknecht begann und bis heute immerhin zum gefragten Szenengrobschmied avancieren konnte, scheint vor Menschen, so sie mehr als eine Charakter- oder Seelenseite vorzeigen, eine nachgerade rührende Angst zu haben. So dass er sie gerne verbannt. Einen Münchner „Woyzeck“ zum Beispiel hat er vor Jahren schon in eine Müllsackverwertungsanlage verbannt.

          Schnitzlers Personal verbannt er in eine Zweigeteiltheit. Den vorderen Teil der Bühne dominiert ein riesiger kahler Holzkasten, eine Art gigantisches, leeres, auf dem Kopf stehendes Ikea-Regal, das der Bühnenbildner Martin Zehetgruber direkt aus Schweden importiert zu haben scheint. Das soll wohl die zivilisierte, wiewohl normierte Welt bedeuten.

          Szene aus Kusejs Münchner Schnitzler-Inszenierung

          Hinterm Regal aber wuchert eine Unmenge von herabhängenden Trauerweidenzweigen in dschungelhaftem Dickicht. Dort sind die dunkleren Triebe zu Hause. Dort west die Vorzivilisation, das Chaos. Da hervor treten die Figuren auf. Dorthin ziehen sie sich zurück. Und wenn sie sich nur zum Tennis verabreden, kommen sie nach dem Match blut- und dreckbeschmiert aus dem Dschungel zurück, als hätten sie in Vietnam gerade gegen den Psychokong gekämpft.

          Untergangs- und Beerdigungsregen

          Der dritte Akt, der in einer Hotelhalle spielen sollte, wird hier in eine wüste apokalyptische Felsbrockenlandschaft verlegt. Als liege der Völser Weiher nicht in Südtirol, sondern auf dem Mond. Gleich zu Beginn stehen alle Mitwirkenden in einem düsteren Untergangs- und Beerdigungsregen, ganz am Ende auch wieder. Die Zeichen sind riesig. Und sofort kopfnickend begreifbar. Aber wenn man zweimal mit dem Kopf genickt hat, ist man mit ihnen auch sofort fertig. Und fängt an, sich zu langweilen.

          Die Menschen haben zwischen und vor und hinter den Zeichen keine Chance. Das Drama auch nicht. Ein Pianist hat sich erschossen. Die schöne Genia, Gattin eines Wiener Glühbirnenfabrikanten, hatte ihn nicht erhört, worauf der junge russische Tastenlöwe sich selbstmorden ging. Genias Gatte, Friedrich Hofreiter, der selber von Affäre zu Affäre schlittert, macht seiner Frau deshalb Vorwürfe: Sie hätte den Klavierkünstler, der so schön Chopins cis-Moll-Nocturne spielt, in ihr Bett lassen sollen!

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