https://www.faz.net/-gqz-8lc3n

„Walküre“ in Minden : Wagner-Fans, bitte hier lang!

  • -Aktualisiert am
Magdalena Anna Hofmann leiht ihrer Sieglinde eine liebenswürdige Senta-Stimme.

Statt im Graben sitzt das Orchester auf der Bühne, was die Sänger an der Rampe zu präzisem Ausdruck zwingt. Halb sichtbar, halb verborgen, agieren die Musiker in einer Mythenbläue, die, je nach Lichtverhältnis, den Gazevorhang eintrübt, auf den dann Filmsequenzen seltsame Runen und Schatten werfen. Unter den jungen, ehrgeizigen Sängern sind, prospektiv wie real, immer auch etliche große Wagnerstimmen zu finden. Einige haben schon von Minden direkt den Sprung nach Bayreuth getan, Heldentenor Thomas Mohr, der jetzt den Wälsung singt, möchte man den gleichen Weg prophezeien. Er hat vielleicht keine filmreife Siegmund-Statur, aber die trompetenhelle, posaunenstarke, intensiv farbenreiche Verführerstimme, die diese Rolle braucht. Bei seinem Verzweiflungsruf „Wälse, wo ist dein Schwert?“ legt er eine so stattliche Fermate auf den Spitzenton, dass dem Nothung-Schwert nichts anderes übrigbleibt, als auf der Stelle im Stamm der Weltesche aufzublitzen. Aber auch andere Seelentöne beherrscht dieser Siegmund, zärtlich seine Sieglinde umwerbend, und sogar die Todverkünderin, Brünnhilde, kriegt er pianissimo herum.

Brünnhilde ist ein stürmisches, junges Ding

Eine phantastische Brünnhilde! Mit großem Ton, wortklar leuchtend, ausdauernd, ist Dara Hobbs eine Idealbesetzung, auch, weil sie nicht statuarisch auftritt, sondern als ein stürmisches junges Ding. Man hört, wenn sie den Göttervater zum Rezitativ der Wotan-Erzählung verführt, keine Brüche. Vielmehr wunderbar logisch-verbindlich sprechende Holzbläser, auch die Hörner, sie geben, ebenso psychologisch vorherwissend wie hinterhertrauernd, dem klugen Erda-Kind die richtigen Worte ein. Die Nordwestdeutsche Philharmonie, trennscharf Kontraste auslotend unter Beermanns Leitung, bringt Stellen wie diese, in denen das wissende Wagnerorchester die Solisten lenkt und schützt, wie das Klavier den Barden im Schubertlied, zu unerhörter Wirkung. Weder Panzer noch Helm trägt die Walküre, vielmehr frei fliegende Blondlocke, Pfeil und Bogen: eine quecksilbrige Kreuzung aus Twinkerbell und Amor. Und auch den anderen acht Walküren hat die Regie den Peter-Pan-Bonus ewiger Jugend mitgegeben: Sie bilden eine Pudelmützen-Gang und treiben ihre Späße mangels Platz auf dem Walkürenfelsen auch im Zuschauerraum.

Kathrin Göring glänzt als Waltraute, aber auch als Fricka im Ehestreit mit Wotan (sonor: Renatus Mészár). Magdalena Anna Hofmann ist als Sieglinde einem ziemlich eindimensionalen Ehegatten Hunding (Tijl Faveyts) ausgeliefert. Doch für ein Haus wie dieses ist ihre liebenswürdige Senta-Stimme allemal stark genug. Zuerst mittelalterlich marienbildhaft gekleidet und von den Stacheldrahtbällen der Videoprojektion eingeknastet, trägt sie, als es zum Inzest kommt, ein schneeweißes Unschuldsengelhemd. Und wird, für die Lobpreisung des „hehrsten Wunders“, in einen Lichtkegel gestellt, der sich utopisch nach und nach weitet und an den Rändern ausfranst: als ein Engel der Verkündigung, den Schluss der Tetralogie antizipierend.

Tijl Faveyts legt seinen Hunding etwas eindimensional an.

Die längste Zeit ist diese Mindener „Walküre“-Lesart aber eher unpathetisch und ein intensives Kammerspiel. Götter, Helden, Menschen? Egal. Es geht um eine defekte Kleinfamilie, teils komisch, wie bei Loriot, teils guckt Heinz (ganz werktreu, mit Wagners Musik) durch die Brille Freuds. Was ist tragischer, was ist komischer als ein Vater, der alle vergebens manipuliert, eine Mutter, die Prinzipien reitet, Kinder, die rebellieren, auf der hoffnungslosen Jagd nach Liebe? Am Ende erfüllt ein feiner kleiner Feuerzauber das Theater. Man staunt und reibt sich die Augen.

Weitere Themen

Ein filmisches Denkmal für Vergewaltigte

Kosovo-Krieg : Ein filmisches Denkmal für Vergewaltigte

„Ich glaube an die heilende Kraft der Leinwand“: Eine Begegnung mit Lendita Zeqiraj, einer Künstlerin aus dem Kosovo, deren Filme von Frauen und der Gewalt gegen sie handeln, vor allem im Krieg.

Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Topmeldungen

Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.