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Theaterfestival in Avignon : Luxuspudel oder Windhündin, das ist hier die Frage

  • -Aktualisiert am

Ausgeträumt: Isabelle Huppert als ruinierte Gutsherrin Bild: AFP

Start mit Hindernissen: Das Theaterfestival in Avignon eröffnet mit Tschechows „Kirschgarten“. Regie führte der künftige Festivalleiter Tiago Rodrigues.

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          Aufbruch in eine neue Welt: Der Ehrenhof des Papstpalasts von Avignon hat eine neue Bestuhlung bekommen: 1947 komfortable Klappsitze. Die Zahl verweist auf das Gründungsjahr des Festival d’Avignon, dessen 75. Ausgabe am Montagabend mit einer Produktion von Tschechows „Kirschgarten“ eröffnet wurde. Auf der Bühne: hundertfünfzig der ausrangierten alten Stühle, angeordnet zu langgezogenen Reihen. Seine Inszenierung solle nicht vom Ende handeln, sondern vom Neuanfang, von der „mächtigen und unaufhaltsamen Kraft des Wandels“, schreibt Tiago Rodrigues in seiner Absichtserklärung.

          Der Lissabonner Regisseur liest das finale Drama des sterbenskranken Tschechow nicht als Schwanengesang einer todgeweihten Herrscherklasse, sondern als Präludium, das von den „Wehen und Verheißungen einer neuen Welt“ künden solle, bevölkert durch gerechtere, gebildetere Menschen. Ein Ansatz für postpandemische Zeiten, wie sie viele in Frankreich – und anderswo – bereits angebrochen wähnen. Doch wie verhält sich das Konzept zur Konkretisierung, die Utopie zur Realität?

          Ein viel zu glatter Auftakt

          Um es gleich zu sagen: Die Fallhöhe ist beträchtlich. Wiewohl voll feinfühliger Details und durch gute, zum Teil sogar große Schauspieler getragen, kommt die Inszenierung nicht recht vom Fleck und wirkt unter dem Strich tranig, vor allem jedoch trist. Dabei vermag das Stück seine volle bezwingende Wirkung erst dann zu entfalten, wenn es – wie vom Autor gefordert – als Komödie ernst- beziehungsweise leichtgenommen wird. „Der Kirschgarten“ erschüttert das Herz auf dem Weg über das Zwerchfell – doch gelacht wird in Avignon nur wenig.

          Hat bei seiner Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“ einen Neuanfang im Blick: Tiago Rodrigues, von September 2022 an Leiter des Theaterfestival in Avignon.
          Hat bei seiner Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“ einen Neuanfang im Blick: Tiago Rodrigues, von September 2022 an Leiter des Theaterfestival in Avignon. : Bild: AFP

          Der Anfang gibt den Ton an: Kaufmann Lopachin (Adama Diop) exponiert in routinierter Theaterdiktion, dass er auf die Ankunft der Gutsherrin Ljubow wartet, die nach Jahren im Ausland in ihr russisches Heimatnest zurückkehrt; Zofe Dunjascha (Suzanne Aubert) verleiht ihrer Unrast mit standardisierten Zeichen der Nervosität Ausdruck. Als Ljubows Trüppchen endlich eintrudelt, rennen alle zu den rockigen Klängen einer zweiköpfigen Band über die Bretter. Das ist als Auftakt viel zu glatt und kündigt die Makel weiter Strecken des Abends an: konventionelle Personenführung, überbordende Bühnenmusik, fantasiearme Abwicklung der, sagen wir: weniger dankbaren Textstellen.

          Rührseligkeit kommt erst gar nicht auf

          Mit Ljubow betritt die erste stark typisierte Figur die Bühne. Superstar Isabelle Huppert gibt die ruinierte Gutsherrin als eine Mischung aus verschwenderischer Luxuspudeldame und Windhündin, die nur noch Haut und Knochen ist. Allein ein Korsett aus teuren Kleidern sowie schiere Nervenanspannung bewahren ihr schmächtiges Figürchen vor dem Zusammenklappen. Charme, Flair und Weltläufigkeit sucht man in dieser zappeligen, oft eine Spur kindischen Rollenverkörperung vergebens – doch legt nicht der Text nahe, dass Ljubow eine Provinzpomeranze ist, die zwar in ihrem Krähwinkel blenden mag, aber im fernen, feinen Paris – für die hinterwäldlerische „Kirschgarten“-Gesellschaft das Maß aller zivilisierten Dinge – allenfalls eine dubiose Demimonde anzieht?

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