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Das Theater probt den Untergang : Die liebe Krise

  • -Aktualisiert am

Das Sausen der Welt: Martin Vischer und Gideon Maoz in Peter Lichts Wiener Inszenierung Bild: Alexi Pelekanos

Wie geht es weiter? Gar nicht. Super! Peter Lichts „Das Sausen der Welt“ im Schauspielhaus Wien macht aus der Krise einen großen Theaterabend.

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          Was sind das für seltsame nette junge Leute, die da ins Theater strömen, kaum einer über 25, gekleidet wie in den Achtzigern, herzlich, euphorisch – sind das die Kinder von Florian Illies’ „Generation Golf“? Nein, es sind die Fans von Peter Licht. Wer dessen Kosmos noch nicht kennt: der Mann singt über den Kapitalismus, verweigert sich dabei jeder These, zeigt den Verlust aller Werte und Inhalte – und wird dabei ganz glücklich. Und traurig zugleich. Und sein Publikum mit ihm.

          Er spricht wie kein zweiter über seine Generation und für sie: die klugen Einzelkinder, aggressionsunfähig, weil von lieben, verständigen Eltern großgezogen. Licht lässt sich niemals fotografieren. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb las er mit dem Rücken zur Kamera und gewann. Es ist nicht bekannt, wie alt er ist (man vermutet: um die vierzig). Die Veranstalter vorgestern konnten nicht sagen, ob er anwesend war oder nicht. So ist die Welt dieses Menschen, der die NSA-Phobien vorweggenommen hat und nicht nur die.

          Hier gibt es noch die Geister der Bühne

          Jetzt hat Peter Lichts neues Stück „Das Sausen der Welt“ im Wiener Schauspielhaus Premiere. Der Raum wirkt winzig, wird durch gelben Nebel noch enger, heimeliger gemacht, wie im Wirtshaus. Das Publikum sitzt in diesem Raum, unter ihnen agieren die Schauspieler. Sofort sticht Martin Vischer hervor, eine Jahrhundertbegabung wie der junge Helmut Lohner. So einer kann nur in Wien seinen Durchbruch erleben. Hier gibt es noch die Geister der Bühne, die so einen sofort erkennen. Ohne Vischer und mit einer Prise Blödheit könnte man dieses „Sausen der Welt“ für argloses, gutgemeintes Schülertheater halten. Gespielt von eifrigen jungen Leuten, die den Lehrern und Eltern gefallen, ihnen einen Spaß machen und weiß Gott nicht ernstgenommen werden wollen. Und die dann den unschuldigen Einfall haben, einmal ein Stück nur über Geräusche zu schreiben. Nur ist Peter Licht ganz anders.

          Allmählich merkt man, dass sein verzücktes Krisengeplapper ein recht gelungenes Nachäffen desselben von Politikern und Medienleuten ist. Und dass diese Krisendiskurse der letzten fünf Jahre tatsächlich alle anderen Inhalte und Standpunkte ersetzt haben. Anders gesagt: ohne die Krisenphilosophie stünde die Gesellschaft vor dem Nichts. Dies Gerede von der ganz großen Krise schützt uns vor der Leere. Gerade der Wegfall der alten Inhalte macht uns auf beglückende Weise frei. Dies in „Das Sausen der Welt“ zu zeigen, ist das eigentliche Anliegen des Meisters.

          Eine Generation von guten Menschen ohne Tiefe

          In der Zeit, als Peter Licht noch ein kleiner Junge war, wurde ich Zeuge, wie linksintellektuelle Freunde ihre beiden Kinder erzogen. Sie brachten nichts bei, hatten keine Lehren parat, erzählten keine charakterbildenden Geschichten, waren unfähig, Weisheiten zu formulieren. Ich war empört. Im Hause herrschte Anarchie, ja ein Terror der Kinder. Auf meine strenge Frage, welches Erziehungsziel die inhaltsvergessenen Eltern bloß hätten, murmelte die Mutter: „Dass sie mal anständige Menschen werden.“

          So ist es dann auch gekommen, bei einer ganzen Generation. Sie sind gute Menschen geworden, doch diese Güte wurzelt nicht auf intellektuellem Grund. Das ist erschreckend, das ist traurig, aber es ist so und will endlich ausgedrückt, auf den Punkt gebracht werden. Das Werk Peter Lichts leistet das.

          Die Zuschauer fühlen sich wohl im Raum. Die meisten sind schon lange vorher gekommen, haben sich aufgekratzt unterhalten und sitzen nun – noch mit Prosecco in der Hand oder belegten Brötchen – im bühnenlosen Theaterraum. Wie leicht es doch ist, dieses dankbare, ja fast anspruchslose junge Publikum zu begeistern, das wahrscheinlich vorher jahrelang mit sinnentkernten Adaptionen ohnehin langweiliger, depperter Stoffe aus finsterer Vergangenheit gefoltert wurde. Jede dieser Inszenierungen widerlegte nur aufs Neue die reaktionäre Generallüge des Subventionstheaters, es gäbe zeitlose Wahrheiten, übertragbar auf alle Zeitläufe, aktualisierbar ins Heute. Gibt es nicht. Jede Zeit hat eine andere, eigene Wahrheit. Heute ist es die von Peter Licht, zum Beispiel.

          Man muss lachen und wird dabei doch traurig

          Martin Vischer hat eine lange Geschichte mit ihm. Er war 17 und „Vierzehn Lieder“ das erste Album, das er von Licht hörte. Verblüfft dachte er: „Scheiße, das sind genau die Songs, die ich in zehn Jahren schreiben wollte!“ Auch „Sonnendeck“ war noch sehr leicht, meint er, eine Jugend im heiteren, schwebenden Selbstdelirium. Dagegen beschreibt „Das Sausen der Welt“ die komplette Überforderung, Werte zu finden ohne jede Hilfe. Er blickt ernst. Martin Vischers Widerpart auf der Bühne ist Gideon Maoz. Er spielt virtuos und durchaus mitreißend. Ein Gewinn für die von Katharina Schwarz in Szene gesetzte Geräusch- und Klanglawine ist er gewiss, doch fehlt ihm das Unverwechselbare.

          Bei Peter Licht muss man lachen und wird doch dabei traurig. Seine Poesie des inspirierten, bodenlosen Daseins und die extrem technische Beschreibung der Welt hält alles in einer angenehmen Spannung. Nie wird es langweilig, nie peinlich. Auf Schlingensiefs „Kirche der Angst“ setzt Licht eine „Kirche der Krise“. Schwarze Krisenverkäufer mäandern durch die Szenen, die oft minutenlang und haltlos im genial abgelauschten Jugend- und Szenejargon absaufen. Man weiß nie, wie es weitergeht, und es geht ja auch nicht weiter. Es ist alles wurscht. Wir müssen durch die Krise, egal wie.

          In früheren Zeiten, die auch nicht schön waren, gab es die Floskel „Herrgott, es ist Krieg!“, um alles Mögliche zu rechtfertigen, ohne nachdenken zu müssen. Was nach dem Krieg kommen würde, wollte man sich lieber nicht vorstellen. Und auch die Krise jetzt möge bitte, hoffen die Heutigen, nie zu Ende gehen. Täte sie es, wären wir verloren.

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