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Royal Ballet in Covent Garden : Befreiung aus den Fesseln des Leids

  • -Aktualisiert am

Schrecken, aus Unglück geboren und nur mit Gewalt zu bannen: Natalia Osipova als Medusa mit schwarzrotem Kleid und Schlangenhaupt. Bild: Tristram Kenton

So weise radikal und sanft kann zeitgenössischer Tanz auf Spitze sein: die „Medusa“ des Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui, vom Royal Ballet in Covent Garden uraufgeführt.

          Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Ballettdirektor für eine andere als die eigene Compagnie choreographiert, wie Sidi Larbi Cherkaoui es jetzt mit der Uraufführung „Medusa“ in London für Natalia Osipova und ihre Kollegen vom Royal Ballet in Covent Garden tat. Seit 2015 ist der belgisch-marrokanische Künstler, der das Tanzen mit MTV-Clips gelernt hat, Chef des Königlich-Flämischen Balletts in Antwerpen, genannt Royal Ballet of Flanders. Er hat das Training umgestellt, die Compagnie behutsam personell erneuert und mit ihr ein neues Selbstverständnis als zeitgenössisches mittelgroßes Ballett erarbeitet. Sein Schwerpunkt liegt eindeutig auf den letzten fünfzig Jahren der Tanzgeschichte, lässt sich allerdings weder von Sprach- noch von ideologischen Grenzen aufhalten. Er rührte den neunzigjährigen Sowjet-Choreographen Yuri Grigorovich zu Tränen, als er dessen berühmten „Spartakus“ dem so überraschten wie begeisterten belgischen Publikum präsentierte und ihm so seine Verehrung aussprach. Werke des amerikanischen, 2009 verstorbenen Antipoden von Grigorovich, Merce Cunningham, tanzt Flandern natürlich auch.

          Ausgerechnet sein erstes Handlungsballett hat der Dreiundvierzigjährige jetzt seinem Kollegen, Royal-Ballet-Direktor Kevin O’Hare und dessen Ensemble zu Füßen gelegt wie ein kostbares Geschenk. Was es ist! Zu Arien von Henry Purcell, die Ailish Tynans glasklarer Sopran und Countertenor Tim Mead mit Leichtigkeit und Intensität aus dem Orchestergraben aufsteigen lassen, erzählt die Choreographie in einer knappen Dreiviertelstunde, wie Medusa überhaupt zu ihrem Schlangenhaupt kam und was sie tat, um dem Biestkörper zu entfliehen und als Seele Frieden zu finden – auf Spitze natürlich. Und so wie Olga Wojciechowskas elektronische Interventionen den metaphysischen Qualitäten von Purcells Musik zeitgenössischen Nachdruck verleihen, so schieben sich Cherkaouis weiche, fließende, manchmal auch aufschreiende Bewegungsäußerungen charakteristisch in die semantischen Leerstellen des akademischen Spitzentanzes. So erzählt sich nicht nur die Geschichte unmissverständlich, so entsteht auch eine aufregende und emotional beredte Synthese verschiedener großer Tanztraditionen der Welt. Plötzlich wird klar, dass der Traum von einer gegenwartsbezogenen, organisch wirkenden Tanzkunst, die nichts aufgesetzt Rebellisches vor sich herträgt, sich vielleicht am ehesten in Cherkaouis Arbeit für klassisch trainierte Compagnien erfüllt. In seiner Bewegungserzählung leuchtet ein, dass die strahlende, eingeschworene, keusche Gruppe von schönen Priesterinnen der kämpferischen Göttin Athene – mit Natalia Osipova als Medusa in der Mitte – auf Spitze über die tempelartige Szenerie zieht wie ein meditatives Bild des Glücks, das eine Aufgabe schenkt.

          Durch Feuerwälle und Tränenfluten

          Dem Krieger Perseus überreicht Medusa mit sanfter Demut ihren Schal als Glücksbringer im Kampf. Das wird ihr zum Verhängnis, denn nun überfällt und missbraucht sie der mit Athene verkrachte Meeresgott Poseidon, böse, aber überirdisch unwiderstehlich von Ryoichi Hirano getanzt. Was wiederum dazu führt, dass Athene sie aus dem Tempel, der nur Jungfrauen aufnimmt, verbannt und ihr die stets nachwachsenden Schlangen aufs Haupt hext. So in ein Biest verwandelt, verwickelt sie sich in einen hitzigen, mit aggressiven Battements austeilenden Pas de deux mit dem Rückkehrer Perseus. Ihn wählt sie in Cherkaouis Deutung aus, sie aus der von ihm mitverschuldeten Monsterexistenz zu erlösen – er will, er muss sie töten. Und plötzlich steht die von ihrem eigenen Tun erschütterte Athene mit der schwarzen Schlangenperücke in den Händen entsetzt und starr auf der Bühne. Die zu außerordentlicher Ausdrucksfreiheit entflohene Seele Medusas verkörpert Osipova in einem langen, zum Mitfühlen zwingenden Solo, ganz ausgreifende Schritte und flehentliche Arme.

          Das ist Cherkaouis Thema: Empathie mit den in Raserei Verfallenden, Mitleid mit den Gewaltopfern einerseits, das Ringen um metaphysische Befreiung aus den emotionalen Fesseln, die das Leid anlegt, andererseits. So gehen seine Charaktere wie Medusa häufig durch das Leid wie durch Feuerwälle und Tränenfluten, durch die Hitze der Aggression und die Kälte der Lähmung durch Schmerz.

          Während Cherkaoui die letzten Wochen in London verbrachte, um mit der russischen Starballerina Natalia Osipova und ihren Kollegen zu arbeiten, hat er sein Ensemble dem französisch-amerikanischen Choreographen Benjamin Millepied anvertraut. Alle zwei, drei Tage schicken die beiden einander Nachrichten über den Stand der Dinge. Das Beste, was er einem anderen Choreographen geben könne, sei sein Ensemble, sagt Cherkaoui. Sie seien alle einsam, vielleicht seien die umherziehenden zeitgenössischen Choreographen zwischen Moskau und San Francisco die einsamsten unter allen Künstlern. Dieses Gefühl habe er für sich auch, und darum könne er so tief verstehen, wie es seinen Gast-Choreographen gehe und was sie brauchten, um gut zu arbeiten. Die Arbeit schließlich sei es, in die solche Einsamkeit einfließe. So betrachtet, ist das letzte Solo von Osipova vielleicht ein Selbstporträt Cherkaouis.

          Das einzige Manko des Abends war, dass diese sanfte, weise Radikalität kein ästhetisches und ethisches Äquivalent in den anderen beiden Choreographien des Abends fand. War Christopher Wheeldons „Within the Golden Hour“ von einer glitzernden Seichtheit, so deprimierte Crystal Pites Massenchoreographie für sechsunddreißig dunkelgraue Gespenster in Reihen und Haufen. Wheeldons Sonnyboy-Attitüde lässt alle ständig auf der Sonnenseite der Straße tanzen, Pites in Sorgenfalten geworfene Choreographenstirn lässt alle nie der schlecht beleuchteten und ungeheizten Wartehalle der modernen Gesellschaft entkommen. Man weiß nicht, was schlimmer ist. Cherkaouis ernsthafte, empathische und kluge Untersuchung einer der rätselhaftesten Frauengestalten der Mythologie entschädigte dafür mehr als genug.

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