https://www.faz.net/-gqz-9koqu

„Drei Schwestern“ in Zürich : Und sagten kein einziges Wort

Kein Augenaufschlag geschieht hier unbewusst: Szene aus der „Drei Schwestern“-Produktion vom „Rote Fackel“-Theater in Nowosibirsk. Bild: Victor Dmitriev und Frol Podlesniy

Eine historische Aufführung in unserer Zeit: Die legendäre Produktion der „Drei Schwestern“ vom „Rote Fackel“-Theater in Nowosibirsk gastiert am Züricher Schiffbau.

          4 Min.

          Diese Inszenierung ist ein Ereignis. Eine Ausnahme, ein Gegenentwurf. Tschechows „Drei Schwestern“, aufgeführt ohne Worte, viereinhalb Stunden stilles Spiel in russischer Gebärdensprache. Vierzehn Schauspielerinnen und Schauspieler vom Nowosibirsker Dramatheater „Rote Fackel“ haben gut zwei Jahre lang geprobt für diese außergewöhnliche Inszenierung des jungen russischen Theaterregisseurs Timofej Kuljabin. Im Oktober 2015 fand die Premiere in Russland statt, seitdem tourt die Produktion durch die Welt. Jetzt war sie in Zürich zu sehen, im Schiffbau, an dessen rechter Wand oben im Zuschauerraum ein Zitat von John Cage geschrieben steht, das gut zu diesem Abend passt: „Wir können so sehr versuchen, wie wir wollen, Stille herzustellen, es wird uns nie ganz gelingen.“

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Statt mit gesprochenen Worten erzählen Tschechows Figuren hier mit (untertitelten) Gebärden, Körperbewegungen und Blicken von ihrem Schicksal als verlorene Seelen in der russischen Provinz. Drei Schwestern und ein ungeschickter Bruder sitzen auf dem ländlichen Familiensitz und sehnen sich nach Moskau. Eine neue Armeebrigade kommt, es wird Tee serviert, über das neue Leben gesprochen und sich ineinander verliebt, dann zieht die Truppe weiter, und alles ist wieder beim Alten. In Tschechows Seelendrama „Drei Schwestern“ geschieht wenig, dennoch handelt das Stück vom Ganzen, von der Verzweiflung darüber, dass die Zeit vergeht und wir unser Leben doch nicht ändern.

          Es braucht einen Glauben an Gemüt und Seele und einen Sinn für den Abgrund, um dieses Spiel um verlorene Träume und Hoffnungen zu inszenieren. Oft wird das Stück als psychologisches Kammerspiel aufgeführt, aber das ist falsch. Es geht nicht um Dramaturgie bei den „Drei Schwestern“, nicht um ausgefeilte Dialoge, sondern um diese sich scheinbar ewig hinziehende, traurige Stimmung der Aussichtslosigkeit. Dafür braucht es nicht viele Worte, im Grunde reicht bekanntlich der eine Sehnsuchtsausruf: „Nach Moskau.“ Aber selbst den muss man nicht hören, um das Tschechowsche Lebensgefühl zu verstehen – das jedenfalls will Timofej Kuljabin mit seiner Inszenierung beweisen.

          Hin und wieder ein zauberhafter Moment

          Während eine genaue Beschäftigung mit Gestik und Mimik in seiner Regiegeneration eher verpönt ist, stellt Kuljabin beides selbstbewusst ins Zentrum. Allein Körper und Gesichtsausdruck seiner Protagonisten spiegeln die Stimmung, kein Augenaufschlag geschieht hier unbewusst, keine Handbewegung bleibt ohne Folgen. Wenn Irina dem melancholischen Militärarzt Tschebutykin empfiehlt, endlich „sein Leben zu ändern“, dann streckt sie dafür nur ein paar Finger der herabhängenden rechten Hand. Wenn sich die Gäste im Haus Prosorows herzlich begrüßen, dann flattern sie kurz mit den Fingern unter ihren Achseln, als ahmten sie ein aufgeregtes Huhn nach. Und um das stücktragende Schicksalswort „Moskau“ auszudrücken, reicht eine schneidende Handbewegung knapp am Kinn vorbei. Alle Protagonisten auf der von Oleg Golowko wie ein Filmset eingerichteten Bühne leben in einer uns Hörenden verschlossenen Welt. Kein Tellerklappern, kein Windrauschen und schon gar kein Ticken der Standuhr sind für sie wichtig. Nur was im Blickfeld liegt, wird wahrgenommen. Deshalb buhlen Tschechows Figuren hier untereinander um Augenkontakt, als wäre das ihr wertvollstes Lebensmittel. Was sonst zu selten auf unseren Bühnen zu sehen ist: der konzentrierte Blick, das überraschte Lesen im Gesicht des Gegenübers, die unmittelbare Reaktion auf eine Geste – hier bestimmen sie den gesamten Spannungsbogen. Und weil man ein solch inniges Miteinander am Theater gar nicht mehr gewohnt ist, reißt einen das vom ersten Moment an mit wie lange nichts mehr.

          Weitere Themen

          Der falsche Messias

          Olga Tokarczuks „Jakobsbücher“ : Der falsche Messias

          In ihrem Magnum Opus „Die Jakobsbücher“ rekonstruiert Olga Tokarczuk den verworrenen Lebensweg des Sektenführers Jakob Frank. In Polen wurde die Literaturnobelpreisträgerin nach Erscheinen des Buchs als Staatsfeindin abgestempelt.

          Ein unentschiedener Tag

          Judo-Bundesligafinale : Ein unentschiedener Tag

          Die Kämpferinnen des JC Wiesbaden müssen beim Finale der Judo-Bundesliga in eigener Halle zuschauen. Den Titel sichern sich Speyers Judofrauen mit einem 7:7. Die kleinen Zahlen entscheiden.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Wahlkampf-Termins in einer Chips-Fabrik im nordirischen County Armagh

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.