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Komponist Jean Cras in Venedig : Auf einem Ozean des Lichts

Innenhof des Palazzetto Bru Zane in Venedig Bild: Jan Brachmann

Das Palazzetto Bru Zane in Venedig würdigt den Komponisten und Konteradmiral der französischen Marine Jean Cras. Seine Musik ist ernst und hell zugleich.

          3 Min.

          Jean Cras hat das Meer gekannt. Tiefer, inniger, lyrischer ist sein Verhältnis zu ihm gewesen als das von Claude Debussy in „La mer“. Die Genauigkeit, mit der Cras das Meer beschreibt in seinem Orchesterwerk „Journal de bord“ (am besten mit „Logbuch“ zu übersetzen), ist zwar geschult durch die Beobachtung eines Nautikers (bis zur Einführung von Satelliten hat die französische Marine den von Cras erfundenen Winkelmesser zur Navigation benutzt), aber es liegt darin auch die Inbrunst eines Liebenden, eines spirituell Liebenden. Sie durchzittert noch mit zärtlichstem Verlangen die Elegie „Désir“ für Tenor und Orchester, in der das Meer, jenseits der Worte, immerzu anwesend ist.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Solche groß besetzen Werke stehen nicht auf dem Programm des alljährlichen Frühjahrsfestivals des Palazzetto Bru Zane, das sich dank der Unterstützung durch die Fondation Bru um die Wiederbelebung vergessener oder verdrängter Werke französischer Musik verdient macht. Dazu sind die Räume in der barocken Scuola Grande San Giovanni Evangelista oder im Palazzetto Zane von 1697 viel zu klein. Aber allein schon die Kammermusik für Harfe, Flöte und Streicher, auch die Lieder für Sopran und Klavier lassen staunen über die handwerkliche Souveränität, die weltoffene Neugier und den verantwortungsvollen, geradezu religiösen Ernst in der Musik von Jean Cras.

          Er kam 1879 in Brest als Sohn eines Marinechirurgen zur Welt und pflegte zwei Begabungen gleichermaßen: die der kriegswichtigen Nautik und die der Musik. Cras machte eine glänzende Karriere in der französischen Marine, führte ein Torpedoboot im Ersten Weltkrieg, brachte es in der Zwischenkriegszeit bis zum Dienstgrad eines Konteradmirals und war Kommandant des Militärhafens von Brest, wo er 1932 unerwartet früh starb. Aber zugleich liebte er die Musik, gewann die Freundschaft des Komponisten Henri Duparc, der ihn als „Sohn meiner Seele“ bezeichnete, und durch diesen eine erstaunliche Sicherheit des Hörens und Schreibens. Auf jedes der Schiffe, das Cras zu führen hatte, ließ er sich ein Klavier bringen und komponierte – nicht weniger gewandt als die akademisch ausgebildeten Zeitgenossen Charles Koechlin, Albert Roussel oder Paul Dukas.

          Jean Cras (1879-1932)

          Die Suite für Flöte und Harfe, mitreißend, pointiert gespielt von Philippe Bernold und Valeria Kafelnikov, hat einen Schlusssatz im Elfachteltakt, jeweils drei plus drei plus fünf gegliedert, dazu modale Drei- und Viertonmotive, die traditioneller afrikanischer Musik entstammen, wie sie Cras auf seinen Reisen nach Guinea und Senegal kennengelernt hatte. Im zweiten Satz seines Streichtrios entdeckt man bimodale Phrasen wie aus den Folklorebearbeitungen von Béla Bartók. Pierre Fouchenneret spielt im zweiten Satz auf der Violine mehrstimmig mit bäuerlichen Bordunen wie norwegische Hardangergeiger, deren Tänze – Slåtter – Edvard Grieg 1903 für Klavier transkribiert hatte, wovon wiederum Bartók sehr beeindruckt war. Man kann schwer sagen, woher Cras Kenntnis solcher Praktiken besaß, ob er Grieg und Bartók studiert oder nur bretonischen Spielmännern seiner Heimat genau zugehört hatte.

          Alexandre Dratwicki, der künstlerische Leiter des Palazzetto, erzählt, dass Cras nach dem Ersten Weltkrieg einen Brief an Duparc geschrieben habe, worin er klarstellt, er wolle kein Pariser Komponist, kein Modemusiker sein, aber man müsse die Musik von Igor Strawinsky oder der jungen Groupe des Six um Darius Milhaud, Francis Poulenc und Arthur Honegger trotzdem kennen. Hört man den Zyklus „Kinderseelen“ für Klavier zu sechs Händen, den Cras für seine drei Töchter schrieb, so spricht daraus die Spiritualität einer avancierten katholischen Moderne, wie sie später Olivier Messiaen vertreten sollte, in bewusster Opposition zur Transzendenzverweigerung und der Dauer-Ironie der frühen Groupe des Six.

          Noch näher an Messiaen ist dann der Liederzyklus „L’Offrande lyrique“ nach Gedichten von Rabindranath Tagore in der Übersetzung von André Gide, den Judith Fa mit ihrem ebenso leichten wie kraftvoll strahlenden Sopran, konzentriert begleitet von Damien Lehman am Klavier, in Venedig singt. Das sechste Lied beginnt a cappella, nur mit der Singstimme: „Licht! Mein Licht! Licht, die Welt erfüllend, Licht, Kuss der Augen, Zärtlichkeit des Herzens, Licht“, um sich dann, vom Klavier getragen, hymnisch zu weiten zu einem „Ozean des Lichts“.

          Noch bis zum 28. April sind in Venedig Werke von Komponisten und Komponistinnen zu hören, die den Ersten Weltkrieg durchlebt haben, wobei Dratwicki bei der Programmierung bewusst auf Zeugnisse des Nationalismus und des aggressiven Patriotismus verzichtet hat. Die Erzählung über den Krieg soll den Zugang zu unbekannter Musik eröffnen. „Die Erfahrung Jean Cras muss man erst einmal machen“, sagt Dratwicki. Ja, das muss man. Unbedingt.

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