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Stuttgarter Staatsballett : Lasst die Trommeln schweigen

  • -Aktualisiert am

Das neue Programm am Stuttgarter Staatsballett mit Werken von: Itzik Galili, Johan Inger und Akram Khan. Bild: F.A.Z.

Ein hinreißender Abend gelingt dem Stuttgarter Staatsballetts mit Werken von Itzik Galili, Johan Inger und Akram Khan.

          „Atem-Beraubend“ ist das neue Programm des Stuttgarter Balletts ohne Frage, doch könnte der Titel so auch über jeder spektakulären Zirkusvorstellung stehen. Dieser Abend vereint drei bewährte Werke renommierter zeitgenössischer Choreographen: Itzik Galili, Johan Inger und Akram Khan. Das klug zusammengestellte Programm bündelt Stücke, die auf ganz individuelle Weise unterschiedliche Facetten menschlicher Existenz aufgreifen: den Überlebenskampf in einer anonymen Gesellschaft bei Galili, das Ringen des Einzelnen um seinen persönlichen Weg in Ingers Choreographie und die Rückbindung an Tradition und Ritual als sinnstiftende Instanzen für ein Leben jenseits der Daseinsfürsorge bei Khan.

          Ein Höhepunkt des Abends ist die Musik aus dem Orchestergraben. Alle drei Choreographen haben für ihre Werke eher unbekannte, aber mitreißende Kompositionen ausgewählt, die die Ensembles des Staatsorchesters Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle großartig interpretieren. Zu Beginn „Percossa“ für Pauke und Schlagzeug von Niels van Hoorn und Janwillem van der Poll, das den Tänzern in Itzik Galilis „Hikarizatto“ Beine macht.

          Wie gerne hier die Frauen die ihren präsentieren, immer wieder hochgereckt wie ein Ausrufezeichen, während der Oberkörper mit dem Arm zum Boden geht. Die Beine halten dabei den Mann auf Abstand, sie locken ihn aber auch an, wenn sie sich im Sprung öffnen oder sich bei Hebungen an ihn schmiegen. In den effektvoll aufflammenden und verglühenden Lichtquadraten zeigen sich die Selbstdarsteller cool und auf Wirkung bedacht. War es zu Beginn nur eine Tänzerin, füllt sich die Bühne nach und nach, das Gedrängel in den Lichträumen wie die Kämpfe um Platz und Aufmerksamkeit nehmen zu. Ihre exaltierten Bewegungsformen sind uniform, jede Individualität ist abgeschliffen, der Mensch ist nur Teil der Masse. Beeindruckend der Tanz, die Musik, das Licht, berührend aber nicht.

          Emanzipation oder Lebensweg ?

          Ganz anders „Out of Breath“ von Inger, das eine Frau in den Mittelpunkt stellt. Ein zartes Wesen in einem leicht gerupft aussehenden Tutu, in sich gekehrt, vorsichtig erste Schritte unternehmend, unbeholfen und immer wieder zurückweichend, sich klein machend. Inger zeichnet sie mit liebevollem Blick, seine bekundete Nähe zum Kollegen Mats Ek wird hier besonders deutlich, auch weil er Bewegungen wie die angewinkelten Füße und den tollpatschigen Gang übernommen hat.

          Auf ihrem hindernisreichen Weg zu sich selbst begegnen ihr Frauen und Männer, manche sind ihr zugetan, einer packt sie grob an und fährt dazwischen, als ihr ein anderer liebevoll begegnet. Allesamt sind sie Suchende, die es immer wieder auf die andere Seite der segelartigen Skulptur in der Mitte der Bühne zieht. Lockt hier ein besseres Leben? Verfolgt der Zuschauer nur eine Emanzipation, oder vollendet sich gar ein Lebensweg? Genaues weiß man nicht. Selbstbewusst steht die anfangs so Ängstliche auf der Mauer, doch es bleibt unklar, ob sie sie überwinden wird oder ob sie zurückkehrt.

          „Kaash“ ist eines der schönsten Stücke des britischen Choreographen Akram Khan, ein stark vom indischen Kathak inspirierter Wirbel aus Bewegung, drehenden Körpern, aus mitschwingenden schwarzen Röcken, Ausfallschritten und martialischen Armbewegungen, aus effektvoll konstruierten Linien im Raum. Dazwischen Momente des Innehaltens und der Ruhe, wenn die Trommeln schweigen und der Gesang, die Musik ist von Nitin Sawhney, verklingt.

          Das alles vor einem Bild des britischen Bildhauers Amish Kapoor, tiefschwarz und grau umrandet, umgeben von einer Wand, die zeitweise in dramatisches Rot getaucht wird. Friedemann Vogel, der gerade erst den Kronprinzen Rudolf in MacMillans Ballett „Mayerling“ verkörpert hat, glänzt hier als Zeremonienmeister und beweist, wie alle Tänzerinnen und Tänzer des Abends, dass das Stuttgarter Ballett im zeitgenössischen Tanz genauso zu Hause ist wie im klassischen Ballett.

          Atemraubend ist der Abend also durchaus, aber nicht als technische Leistungsschau, sondern weil er zeigt, wie präzise sich mit Bewegung wesentliche Aspekte der menschlichen Existenz darstellen lassen, für Herz und Hirn ebenso anregend wie berührend.

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