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Neues Festival „Ja, Mai“ : Vaters Stimme hat dieses Horrorglissando

  • -Aktualisiert am

Wenn Erinnerungen sich selbstständig machen: Vera-Lotte Boecker als Nadja (Mitte unten) sucht Käufer für das belastete Elternhaus. Bild: Monika Rittershaus

Mit einer Kombination aus Claudio Monteverdi und Georg Friedrich Haas beginnt an Münchens Staatsoper ein neues Festival für frühes und zeitgenössisches Musiktheater. Es heißt „Ja, Mai“. Und erntet stürmischen Applaus.

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          München hat ein neues Musiktheaterfestival. Ja mei, na und, mag sich da ein gestandener Münchner sagen, wir sind halt eine Kulturhauptstadt. Zwar haben wir schon die hochglanzpolierten Opernfestspiele der Staatsoper und am anderen Ende des Publikumsspektrums die progressive städtische Veranstaltungsreihe mit dem zahnlückenhaften Logo Münch–n–r Bi–nnal– für n–u–s Musikth–at–r, aber Konkurrenz belebt bestimmt das Geschäft.

          Das dachten sich wohl auch die Veranstalter. Eingedenk der urbairischen Redensart und mit Blick auf den Veranstaltungsmonat fanden sie für ihr neues Unternehmen den Titel „Ja, Mai“. Eine marketingtechnische Meisterleistung, suggeriert er doch neben frühlingshafter Frische auch un­komplizierte Bürgernähe. Obendrein hält sich auch der organisatorische Mehraufwand in Grenzen. Veranstalter ist nämlich die Bayerische Staatsoper, die damit ihre vereinzelten Aktivitäten im zeitgenössischen Bereich zeitlich bündelt, thematisch zusammenfasst und auch etwas erweitert. Das Minifestival ist neben einem ebenfalls erstmaligen „Septemberfest“ eine Initiative des neuen Staatsopernintendanten Serge Dorny, der das Haus in der Öffentlichkeit breiter aufstellen will.

          Bis zu den Anfängen der Oper

          Der Untertitel „Festival für frühes und zeitgenössisches Musiktheater“ zeigt an, dass von den heutigen Werken ein Bogen zu den Anfängen der Oper um 1600 ge­schlagen werden soll, außerdem werden mit Zusatzveranstaltungen Verbindungen zu bildender Kunst und Sprechtheater ge­schaffen. Vorgesehen ist auch eine regelmäßige Zusammenarbeit mit Münchner Sprechtheatern. Uraufführungen sind nicht das Ziel, Experimente an den musiktheatralischen Rändern überlässt man der Biennale. Der Schwerpunkt liegt auf Gegenwartsstücken, die hier auf ihre Repertoirefähigkeit getestet werden.

          Der erste Jahrgang, dessen Aufführungen noch bis Ende Mai dauern, porträtiert den in den USA lebenden österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas. Eingeplant waren ursprünglich drei seiner Opern, „Bluthaus“, „Thomas“ und „Koma“. Letztere wurde aber nun auf 2024 verschoben, „aufgrund der geopolitischen Lage“, wie es heißt. An der Neuproduktion wären nämlich Teodor Currentzis und sein Orchester musicÆterna beteiligt gewesen, und angesichts der politischen Grauzone, in der sich auch Currentzis heute befindet, zog man nun die Notbremse.

          Den Festivalauftakt machte am vergangenen Wochenende Haas’ abendfüllender Einakter „Bluthaus“. Das 2011 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführte Werk erlebte nun im Münchner Cuvilliés­theater als Koproduktion mit dem Residenztheater seine erfolgreiche Neuinszenierung. Im Libretto von Händl Klaus geht es um das aktuelle Thema des Missbrauchs innerhalb der Familie. Eine junge Frau namens Nadja will das Haus ihrer verstorbenen Eltern verkaufen. Während der Besichtigung durch die vielen Interessenten kommen ihr ständig die Erinnerungen an ihren übergriffigen Vater in die Quere, und als die Nachbarn noch herumerzählen, dass die Mutter den Vater erstochen und sich selbst umgebracht hat, nehmen die Käufer Reißaus, und Nadja zerstört in ohnmächtiger Wut das Haus. Sie bleibt in ihrer eigenen Psyche gefangen.

          Die dramatische Innenwelt hat Haas mit den ihm eigenen Mitteln gespenstisch ausgeleuchtet. Die Musik gliedert den dramatischen Verlauf großflächig, die beweglichen Spektralklänge, Mikrotoncluster und schlangenförmig sich dahinziehenden Melodien schaffen eine Atmosphäre permanenter Anspannung. Sie wird zur Beklemmung, wenn sich Bo Skovhus als Vater der Tochter mit einem abstoßend mächtigen Glissando in der Stimme nähert und die Mutter (Nicola Beller Carbone) dazu verzweifelt im Hintergrund herumgeistert. Die Gegenfigur des menschenfreundlichen Maklers erhält durch den Countertenor Hagen Matzeit ein überzeugendes Profil.

          Die programmatische Verknüpfung von Neu und Alt geschieht in der Inszenierung ganz konkret. Der Regisseur Claus Guth rahmt das Stück durch zwei Madrigalsätze von Claudio Monteverdi ein. Als Vorspiel erklingt ein Ausschnitt aus dem allegorischen Spiel „Il Ballo delle Ingrate“ von 1608, in dem den weiblichen Undankbaren, die sich der Liebe verweigern, der Gang in die Unterwelt angedroht wird. Den Schluss bildet das herzergreifende „Lamento della Ninfa“. Die Hauptdarstellerin Vera-Lotte Boecker hat davor den permanenten Wechsel zwischen Realität und traumatischer Erinnerung zwei Stunden lang mit packender Intensität gestaltet. Nun bleibt sie als zerstörte, für immer zur Liebe unfähige Existenz zurück. Die letzte Wahrheit spricht der Refrain des Madrigals: „Poverella“.

          Als Schauplatz des untergründigen psychischen Horrors hat Etienne Pluss einen weit bemessenen grauen Innenraum geschaffen. Mit großflächigen Videoprojektionen (rocafilm) durchwandert man den Ort des Verbrechens in allen Details, der Wechsel zwischen innerer und äußerer Realität wird durch eine punktgenaue Lichtregie (Michael Bauer) unterstützt. Den Auftritt der vielen Kaufinteressenten in ihren farblich fein auf­ein­ander abgestimmten Kostümen (Petra Reinhardt) macht die Regie zu einem turbulenten Spektakel voller Komik. Sprechrollen (Schauspieler des Residenztheaters) und Gesangsrollen greifen virtuos ineinander, und für ein Highlight sorgen die drei Solisten des Tölzer Knabenchors in brillant komponierten Terzetten. Ein Höhepunkt, der nicht nur Darsteller und Regie, sondern auch das Kammerorchester unter Titus Engel zu einer sportlichen Spitzenleistung herausforderte. Schon das allein wäre ein Grund für den starken Schlussbeifall gewesen. Er galt ausnahmslos allen Beteiligten, den Autoren inklusive.

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