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Musikfest Berlin : Glanz, Geist und Spaß in einem Guss

Der Monteverdi Choir (links) jubelt: Benvenuto Cellini hat die Statue des Perseus (Duncan Meadows, links) vollendet. Bild: Adam Janisch

Das Musikfest Berlin eröffnet triumphal mit den Opern „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz und der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss. Ein berauschendes Fest mit Stimmen wie Kirschblütenregen.

          4 Min.

          Völlig ungeniert rülpsen und grunzen die Blechblasinstrumente des Orchestre Révolutionaire et Romantique, die Posaunen und mit ihnen die knarzende Ophikleide, am Beginn des Vorspiels zur Oper „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz. Ganz aus Klang gefügt, entblößt sich hier, in der Berliner Philharmonie, unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner, das Orchester als ungeschlachter Körper, als ein fast schon obszön die eigene Lust feiernder Leib – eine laute Eruption von Lebensfreude, durchaus schmutzig, aber in seiner Arglosigkeit anrührend und im weiteren Verlauf erstaunlich grazil. Diese Eröffnung stößt uns hinein in den römischen Karneval auf dem Höhepunkt der Renaissance, zur Zeit von Papst Clemens VII.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          „Benvenuto Cellini“ ist natürlich eine Künstleroper über den gleichnamigen Goldschmied und Bildhauer, der zum Mörder wird, aber seinen Freispruch durch den Papst erwirkt durch die überrumpelnde Fertigstellung seiner Statue des Perseus mit dem abgeschlagenen Haupt der Medusa, für deren Guss er frühere Meisterwerke einschmelzen muss. Aber „Benvenuto Cellini“ ist zugleich eine Explosion von gemeinschaftlicher Fröhlichkeit, die auch das Musikfest Berlin, das damit eröffnet wird, zu einem berauschenden Publikumsfest macht.

          Es wird viel gelacht an diesem Abend über den Monteverdi Choir, der seine Partie nicht einfach nur singt, sondern die Sprache zum Tanzen bringt. Es wird gelacht über den Bariton Lionel Lhote, der sich als Cellinis Widersacher Fieramosca virtuos windet zwischen Wichtigtuerei, schleimiger Schläue und Unterwerfung – mit einer Stimme, die jede Situation plastisch modelliert. Es wird gelacht über Tareq Nazmi als tranigen Papst, der an der Schulter des dirigierenden Sir John im Stehen einschläft. Es wird aber auch gestaunt über den mädchenhaft leichten Sopran von Sophia Burgos als Teresa, die Koloraturkadenzen singt, als würde es Kirschblüten schneien. Und dann Michael Spyres als Cellini! Ein Tenor von sagenhaft schönem Timbre, von mühelosem Höhenglanz und zärtlichster Durchschlagskraft, zugleich mit wachem Sinn für die Feinheiten der französischen Sprache. Er wird nach dieser außerordentlichen Leistung nicht nur vom Publikum, sondern auch von seinen Kollegen auf dem Podium und lautstark vom Chor gefeiert, vom Dirigenten schließlich ganz entfesselt geherzt. Glücklich, wer das erleben kann, wie hier, ganz ohne Bühne, nur durch exzellente Musiker und die pointierte Bewegungsregie von Noa Naamat, Oper zu erfülltem Theater wird!

          Michael Spyres (2. v. l.) als Benvenuto Cellini

          Dem Musikfest Berlin, veranstaltet von den Berliner Festspielen und der Stiftung Berliner Philharmoniker, ist mit dieser Eröffnung die Verschmelzung von Geist, Glanz und Spaß gelungen. Für den Geist hat zumindest planerisch der künstlerische Leiter Winrich Hopp vorgesorgt, weil er für das Programm von der Wechselwirkung zwischen Paris und Berlin bei der Formung des modernen Orchesters ausging. Hector Berlioz, der vor 150 Jahren starb, lernte 1842 in Paris Alexander von Humboldt, der vor 250 Jahren geboren wurde, kennen. Und Humboldt empfahl Berlioz, seine neu entstehende Instrumentationslehre dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zu widmen. Er tat es zwei Jahre später und wurde einer der größten Bewunderer des musikalischen Reichtums von Berlin, der in seinen Ohren jenen von Paris überstieg. In Berlin wiederum überarbeitete der preußische Hofkapellmeister Richard Strauss 1905 die Instrumentationslehre von Berlioz und brachte sie auf den neuesten Stand der Technik.

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