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Mozartfest Würzburg : Wie der eigene Mut langsam wachsen kann

„Wir erfordern wache Hörer, sonst üben wir nicht mehr“: Reinhard Goebel probt Beethovens drittes Rasumowski-Quartett. Bild: Laura Schiffler, Mozartfest Würzburg

Die Corona-Pandemie zerschlägt Wirtschaftsmodelle und Konzertprogramme bei den Musikfestivals. Aber das Mozartfest Würzburg schafft es trotzdem, ein Ort der Besinnung und der Exzellenzförderung zu bleiben.

          3 Min.

          Für die etwa neunzig Musikfestivals in Bayern war gestern ein Tag der Enttäuschung. Denn die lang angekündigten Maßnahmen zur Lockerung der Corona-Einschränkungen, die der Ministerpräsident Markus Söder in München vor Mikrofonen verlas, ändern für die Festivals nicht viel: Veranstaltungen mit mehr als hundert Menschen (zuvor fünfzig) in geschlossenen Räumen bleiben verboten, und noch diese müssen durchgängig Maske tragen. Warum, so darf man fragen, ist es allen Ernstes erlaubt, dass Menschen ohne Maske in Restaurants essen und trinken, während sie im Konzert, wo alle in eine Richtung schauen und schweigen, Maske tragen müssen? Warum dürfen in einem Raum, in dem tagsüber hundertvier Abiturienten ihre Prüfungsklausur schreiben, am Abend nur hundert Gäste gemeinsam Musik hören? Eine Klage auf Gleichbehandlung der Musikfestivals mit der Gastronomie und dem Schulwesen hätte wohl Aussicht auf Erfolg, doch wer soll sie einreichen? Siebzig der neunzig Festivals sind vom Freistaat Bayern kofinanziert. Sollen sie ihren eigenen Geldgeber verklagen?

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Evelyn Meining, die Intendantin des Mozartfestes in Würzburg, klagt nicht. Sie handelt einfach. Gemeinsam mit dem örtlichen Musikverein „Der Blaue Eumel – Mobile Kunst e.V.“ bringt sie Musik und Musiker auf einem alten blauen Lkw (dem blauen Eumel) mit Konzertflügel zu den Leuten in die Stadt. Es hat auch schon Hof- und Balkonkonzerte gegeben, bei denen Menschen zuhörten, die noch nie Gäste des seit 99 Jahren bestehenden Festivals waren. „Das bringt uns einen Rückhalt, eine Verankerung in der Stadtgesellschaft, die wir in der Form bislang gar nicht hatten“, erzählt Meining. „Menschen, die dachten: ,Ich weiß zu wenig über diese Musik, oder ich habe nicht das richtige Kleid im Schrank, um in den Kaisersaal der Residenz zu kommen‘, werden nun davon berührt.“ Der vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlte Livestream der „Langen Nacht“ in der vergangenen Woche erreichte 104.000 Zuschauer im Internet, ein Vielfaches dessen, was eine komplette Festivalsaison erreichen würde – nur eben ohne Einnahmen.

          Die Pandemie hat das Wirtschaftsmodell und das über Jahre hinweg vorbereitete Festivalprogramm zerschlagen. Unter dem Motto „Widerstand, Wachsen, Weitergehen“ hätte man sich Ludwig van Beethoven in Bezug auf Mozart und beider Zeitgenossen widmen wollen. Besonders schade ist es ums Konzert des Münchner Rundfunkorchesters unter der Leitung von Reinhard Goebel, das am 21. Juni das Tripelkonzert Beethovens kombinieren wollte mit dem des großen Mozart-Vorbildes Johann Christian Bach und dem des Beethoven-Zeitgenossen Jan Václav Vořiček. Es hätte im Jubiläumsjahr eine Kontextualisierung von Beethovens Werk geboten, so wie Goebel sie durch seine CD-Reihe „Beethoven’s World“ (bei Sony Classical) aktuell auch wagt. Denn eines muss man sich klarmachen: Der über Jahrzehnte hinweg stilprägende Komponist am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, besonders in der Gattung des Konzerts, war Wolfgang Amadé Mozart gewesen. Beethoven galt als Ausnahme, die später erst zur Regel erklärt wurde. Doch Komponisten wie Johann Nepomuk Hummel, Louis Spohr, John Field schlossen nach 1800 in Satztechnik, Formbildung, Ornamentik, Melodik, auch der Harmonik eher an Mozart an – selbst wenn sie Beethoven, oft erschrocken, genau zur Kenntnis nahmen.

          Konzerte können beim Mozartfest bislang nur ohne Publikum stattfinden und im Internet ausgestrahlt werden. Aber für das traditionelle Mozartlabor im Exzerzitienhaus Himmelspforten erteilte die Stadt Würzburg eine Ausnahmegenehmigung: Es zählte nicht als Konzert, sondern als Bildungsveranstaltung. Und das ist es seit Jahren schon: Studenten, Künstler, Wissenschaftler, auch Politiker, Manager und Journalisten kommen hier zusammen, um über Musik, ihre Ausübung, ihre Absicherung, ihre gesellschaftliche Verankerung zu diskutieren. Hier hat sich in den letzten Jahren ein Exzellenzzentrum herausgebildet; hier herrscht eine erfrischende Atmosphäre im geschützten Raum, wo man miteinander und nicht übereinander redet.

          Henrike Sommer (Violine), Max Grimm (Klavier) und Heinrich Eiglsperger (Violoncello) spielen Beethoven Trio c-Moll op. 1 Nr. 3
          Henrike Sommer (Violine), Max Grimm (Klavier) und Heinrich Eiglsperger (Violoncello) spielen Beethoven Trio c-Moll op. 1 Nr. 3 : Bild: Laura Schiffler, Mozartfest Würzburg

          Die Pianistin Ragna Schirmer, politisch eine der klügsten, umsichtigsten und tatkräftigsten Künstlerinnen unseres Landes, unterrichtete dieses Mal drei Schüler, die sich vorher gar nicht kannten und nach nur zwei Tagen Beethovens c-Moll-Klaviertrio op. 1 Nr. 3 zur Aufführung brachten. Die Geigerin Henrike Sommer, die einen Tag später ihre mündliche Abitur-Prüfung in Geographie ablegen musste, und der fünfzehnjährige, äußerst nachdenkliche Cellist Heinrich Eiglsperger wuchsen mit jedem Tag hörbar in ihrem Mut, sich zu exponieren, spielerisch Stellung zu nehmen und Form mit Leidenschaft zu füllen. Der vierzehnjährige Pianist Max Grimm aus Halle erstaunte durch seine kommunikative Fürsorge, seine Achtsamkeit und Führungsbereitschaft, womit er Klavier und Streicher klanglich in Balance zu bringen wusste.

          Reinhard Goebel probte mit dem Leonkoro-Quartett Beethovens Streichquartett op. 59 Nr. 3, versuchte den jungen Spielern die musikalische Form als Architektur einer Enfilade, einer Zimmerflucht, begreiflich zu machen, bei der man jede Schwelle spüren, jeden möglichen Wechsel der Gehrichtung inszenieren, den Kontrast der Innenausstattung erlebbar machen sollte. Und das setzt eben voraus, dass die Spieler über ihre Position in der Form jeweils genau orientiert sein müssen.

          Evelyn Meining trug anstelle von Ulla Hahn deren Vortrag über den „grünen Hölderlin“ vor, eine schwärmerische, gelegentlich fast nostalgische Hommage an die Dichtung als Stifterin einer Harmonie zwischen Natur und Mensch. Ulrich Konrad, Ordinarius für Musikwissenschaft der Würzburger Universität, erinnerte daran, dass Beethovens Oper „Leonore“ kein politisches Lehrstück sondern eine Untersuchung über die Ehe als „Quelle des wahren Glückes“ sei: nämlich die Verbindung gleichgestimmter Herzen von Mann und Frau in einer gerechten Staatsordnung. Seine Äußerungen über Beethoven als „Hofmenschen“ erschütterten die bürgerlichen Legenden vom antiaristokratischen „freien Künstler“ mit philologischer Wucht.

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